Künstler sucht Förderer

Niemand zu klein, ein Kulturmäzen zu sein? Mit Crowdfunding generieren amerikanische Plattformen bereits hunderte Millionen Dollar. Nun hat Rea Eggli das Konzept in die Schweiz importiert. Wer sein Projekt auf wemakeit.ch lancieren will, erfährt: ohne Mundpropaganda und Moneten läuft nichts.

Künstler sucht Förderer
Photo: Jozo Palkovits


Rea, seit Beginn des Jahres existiert die Crowdfunding-Plattform wemakeit.ch, die Kulturprojekten digital auf die Beine hilft. Im angelsächsischen Raum gibt es ähnliche Plattformen schon seit Jahren. Mit grossem Erfolg. Wieso ist die Schweiz so spät dran?

Es dauert erfahrungsgemäss eine Weile, bis solche Trends aus den USA nach Europa und in die Schweiz schwappen. Das Misstrauen ist hierzulande grösser, die Start-up-Mentalität eine andere. Wären wir vor zwei Jahren mit dem Projekt gekommen, das Projekt wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen.

Wieso?

Weil keiner das Prinzip «Crowdfunding» kannte.

Das US-Vorbild Kickstarter generiert dabei jährlich über 100 Millio­nen Dollar aus Beiträgen seiner Nutzer, die in Kulturprojekte fliessen…

Kickstarter ist unsere Referenz. Sie zeigt, dass etwas Derartiges schon einmal funktioniert hat – und auch in der Schweiz funktionieren kann. Das Konzept stösst bei Künstlern wie bei Unterstützern auf offene Ohren: Jemand meldet sich an, stellt sein Projekt ein und setzt direkt am Anfang sein finanzielles Mindestziel für die Förderung fest. Und wer dieses Mindestziel im ebenfalls selbst gewählten Zeitraum nicht erreichen kann, bekommt…

Nichts?

(lacht) Richtig. Das ist unser Anreizsystem: Bezahlt wird erst, wenn das Ziel erreicht ist. Das gilt auch für die jeweiligen Unterstützer. Ihnen wird erst dann die Kreditkarte belastet, wenn 100 Prozent finanziert sind. Und wir sagen jedem, der mitmacht: Wer über Geld nicht redet, wird dieses Mindestziel nie erreichen.

Müssen die Kulturschaffenden also auch bei euch Bettelbriefe verschicken?

Der Ausdruck betteln impliziert, dass kulturelle Arbeit und Produkte nichts wert sind; das stimmt nicht. Das Publikum macht ein Zahlungsversprechen und erhält dafür einen Gegenwert. Neu ist, dass Künstler ihrem Publikum eine Idee präsentieren und erst produzieren, wenn sich die Nachfrage seitens des Publikums bestätigt hat. Auf Crowdfunding finden aber auch Endfinanzierungen von grösseren Kulturprojekten statt, die teilweise auch öffentliche Förderung erhalten haben, z.B. eine Postproduktion eines Filmes. Spannend ist jedoch, nebst der Finanzierung von Ideen, dass dieser Prozess bereits in eine erste öffentliche Projektkommunikation fällt, das ist eine neue Situation im Kulturbereich.

Jeder Projekteigner, der über ein Netzwerk verfügt, hat also schon einmal eine Art Startvorteil?

Das ist so. Sobald aber ein gewisser Prozentsatz finanziert und auf der Website ausgeschrieben ist, steigen auch andere Unterstützer mit ein, die keine persönliche Beziehung zum Künstler haben. Dabei kommt es interessanterweise nicht so sehr auf den Betrag an, der zustande kommen soll, sondern viel mehr auf das Produkt und seine Präsentation.

Was bekommt der Unterstützer als Gegenleistung?

Die Unterstützer erhalten Bücher, Einladungen, Editionen und Leistungen, die nicht käuflich erwerblich sind. Ebenso wichtig ist aber das Wissen, teilzuhaben und mit seinem Geld etwas zu bewirken. Im Gegensatz zum iTunes-Store, wo bestenfalls einige Prozente bis zum Künstler hinabtröpfeln, erhält er auf wemakeit.ch nämlich 90 Prozent der erreichten Summe, sollte die Kampagne erfolgreich finanziert werden.

Nicht, dass ich vermeintlich objektiven Qualitätsstandards für Kulturprodukte das Wort rede, aber dabei nimmt niemand eine Kontroll- oder Kuratorenfunktion wahr?

Vor und während der Sammelphase geben wir als Mitglieder der wemakeit-Redaktion schon den einen oder anderen Tip: Wir empfehlen dem Kulturschaffenden gewisse Vorgehensweisen, geben Inputs zur Aufbereitung für die Inhalte. Meine Mitgründer und ich kommen alle aus dem Graubereich zwischen Kunst und kulturunternehmerischer Praxis: Johannes Gees ist Künstler, Jürg Lehni ist Designer und ich bin Verlegerin. Wir haben vor, künftig für Stiftungen und Unternehmen ganze Portfolios oder Programme von Künstlern und ihren Arbeiten zusammenzustellen, die diese dann gezielt begleiten können, um sie auch auszustellen und eventuell sogar wachsen zu lassen.

Wachsen?

Ja. Das könnte so aussehen, dass sich eine Bank engagiert und jeden Franken verdoppelt, der von den «normalen» Nutzern gesprochen wurde. Oder es könnte eine Stiftung sein, die das fertige Projekt als «Botschafter» um…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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