Krieg und Lager – lebenslang

Felix Philipp Ingold und sein Zwanzigstes Jahrhundert

Am Werk des 1942 in Basel geborenen Felix Philipp Ingold falle zuerst dessen enorme Breite und Vielfalt auf, schreibt, ganz zu Recht, der Kritiker Martin Zingg im «Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur». Und er betont, dass Ingolds Literatur in hohem Masse von seiner Tätigkeit als Wissenschaftler, Herausgeber und Übersetzer geprägt ist. Das gilt auch für den Roman «Alias oder Das wahre Leben», einen der Favoriten für den Schweizer Buchpreis 2011, den dann bekanntlich Catalin Dorian Florescu erhalten hat. Ingold, der seinen Ruf als einer der kenntnisreichsten Slawisten unserer Zeit gerade mit einer ungewöhnlichen Lyrikanthologie eindrucksvoll bestätigt hat, versucht in «Alias», den ungewöhnlichen, aufregenden und tieftraurigen Lebensweg des Kirill Beregow alias Carl Berger (1922–1993) nachzuzeichnen, eines durch den Zweiten Weltkrieg entscheidend geprägten Sowjetrussen mit wolgadeutschen Wurzeln. Die Geschichte ist widersprüchlich, und sie ist unvollständig. Notate aus Bergers Nachlass seien eingearbeitet, heisst es zu Beginn. Auch von einem umfangreichen Briefwechsel ist die Rede. Ingold zitiert, dokumentiert, erfindet dazu, malt manches Detail aus und lässt viele Jahre einfach weg. Ein biographischer Roman? Eine romanhafte Biographie? Was von diesem fremdbestimmten, der Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts ausgelieferten Leben bleibt, ist ein durch und durch spielerischer und somit unzuverlässiger Text mit zahllosen, mitunter gut versteckten Verweisen auf andere Texte. Nicht das Erzählte, nur das Erzählen selbst könne authentisch sein, betont der Autor im Vorspann zu seinem Sprachexperiment, dem der Leser von der ersten Zeile an fasziniert folgt. Auch wenn es, wie man hervorheben muss, strukturell wesentlich komplexer ist als Florescus preisgekrönter, einem breiten Publikum wahrscheinlich leichter zugänglicher Roman. 

Die Geschichte beginnt 1942 im Frontabschnitt vor Staraja Russa, und Dostojewskijs «Grossinquisitor» ist von Anfang an dabei. Es dauert nicht lang, bis der 20-jährige Dolmetscher einen vermeintlichen Nazi-Spion abknallen muss und jäh begreift, dass der Krieg «identisch» ist «mit der menschlichen Normalität». 1945 ist Oberst Beregow unter den Befreiern Wiens, und bald kümmert er sich um die Auflösung des Konzentrationslagers Mauthausen. Die Berichte und Zeugenaussagen von Häftlingen, die intensiven Schilderungen des grausamen und absurden Lageralltags sind düster und beklemmend. Eine wichtige Zeugin ist die gehbehinderte Breslauerin Thea Maria Buchloh, die Beregow mitten im Nachkriegschaos ehelicht. «Für diese Heirat gab es kein Warum und auch kein Darum». In Leningrad soll ein neues Leben beginnen: «Endlich ein Leben ohne Uniform. Nämlich – spät genug – sein eigenes, ein Leben geteilt durch zwei». Die Ehe hält gut zehn Jahre. Ein Schriftsteller will Berger werden, ein sozialistischer Realist im Dienste des Vaterlands. Trotz Erfolgen bleibt er Mittelmass, und 1968 lernt der ewige Mitläufer auch die dunkle Seite der UdSSR kennen: vier Jahre und zwei Monate Zwangsarbeit im Gulag, wo alles gleich viel gilt, nämlich nichts. Um es in Benn’scher Manier zu sagen: «Wor-ku-ta. Urwort. Kurort. Arktisch». Danach weitere 16 Sowjetjahre, die Ausschaffung nach Israel, schliesslich der Lebensabend in Radolfzell am Bodensee, eine verrückte, zärtliche Altersliebe obendrein. Bergers Tod am Rand des Appellplatzes von Mauthausen hat etwas Existenzialistisches: «Er wusste, das Lager ist überall, wusste auch, Krieg ist immer jetzt». Harte Kost. Ein bewegendes Buch.

Felix Philipp Ingold: Alias oder Das wahre Leben. Roman. Berlin: Matthes & Seitz, 2011.
Felix Philipp Ingold (Hg.): Als Gruss zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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