Kreative Dissidenz

An den Grenzen zwischen Sinn und Unsinn. Die Geburtsstunde der Freiheit ist das Bewusstwerden der Möglichkeit, Nein zu sagen. Dieses Nein genügt jedoch nicht. Freiheit wächst, wenn beharrlich die Frage nach dem Sinn und dem Unsinn ihrer Schranken und Grenzen gestellt wird, und wenn sich nicht alle vorschnell mit den traditionellen Antworten zufrieden geben.

Nach der biblischen Schöpfungsgeschichte war es Eva, welche erstmals die Grenze eines göttlichen Gebots überschritt. Sie ass die Frucht vom «Baum der Erkenntnis» und verführte auch Adam zum verbotenen Genuss. Als Entdeckerin der kreativen Dissidenz hat sie zwar den Verlust des Paradieses verschuldet, dafür aber das autonome Erkennen von «gut» und «böse» und damit menschliche Autonomie und Verantwortung ermöglicht.

In der griechischen Mythologie setzt sich allerdings ein Mann, Prometheus, über das Verbot des Zeus hinweg und bringt den Menschen das Feuer. Auch hier ist kreative Dissidenz im Spiel. Ein weiteres Beispiel aus dem antiken Griechenland ist Antigone: Weil ihr das Sittengebot der Schwesternpflicht wichtiger war als das auf Staatsräson basierende Recht, leistete sie Widerstand, bestattete ihren Bruder trotz dem Verbot des Königs, und büsste dies mit dem Tod. Der Sinn für die Freiheit entsteht im Widerstand gegen Fremdbestimmung, gegen Pflichten, Vorschriften und Forderungen, die man weder innerlich noch äusserlich akzeptiert, weil man sie für sinnlos hält. Freiheit ist ein Exodus aus der Knechtschaft, eine Weigerung, abhängig zu sein und eine Bereitschaft, Risiken einzugehen und Grenzen zu überschreiten. Ist dies ein Plädoyer für Revolution und Anarchie, für die Aufhebung aller Grenzen?

Gewaltsame Revolution und kreative Dissidenz

Dass wir für «mehr Freiheit» eine chaotische Phase allgemeiner Schrankenlosigkeit riskieren sollten, ist das Glaubensbekenntnis aller Revolutionäre. Sie erstreben aus politischen Motiven eine Innovation durch gewaltsame, kollektive Gewalt, die im Zentrum einer alten Ordnung unter den Massen entfesselt wird. Die Innovation durch kreative Dissidenz geht einen andern Weg. Sie geht von privaten Individuen aus, entfaltet sich non-zentral an der Peripherie, richtet sich an eine Elite und basiert auf einvernehmlichen und nicht-gewaltsamen Grenzüberschreitungen. Das bedeutet nicht, dass die Ursachen weniger radikal und die Folgen weniger nachhaltig wären, im Gegenteil. Private kreative Dissidenz schafft mehr an Freiheit als gewaltsame Revolutionen, die meist in ihr Gegenteil umkippen. Sie ist das Innovationsmuster der Zivilgesellschaft.

Die Suche nach der endgültigen und gerechten Grenze ist eine gefährliche Utopie. Grenzen beruhen nicht auf objektiven Tatsachen, sondern auf historischen Prozessen und Vereinbarungen. Es gibt wohl kaum eine Fiktion, die einen so hohen Blutzoll gefordert hat, wie der Wahn von der richtigen nationalen Grenze zwischen «eigen» und «fremd». Im Ersten Weltkrieg wurden fast alle traditionellen Grenzen Europas in Frage gestellt, und alle Kriege des 20. Jahrhunderts können als gigantische Auseinandersetzung zwischen Macht- und Einflusssphären angesehen werden, als Kampf um Sinn und Unsinn von Grenzen. Der Zweite Weltkrieg war ein Versuch, die Grenzziehungen des Versailler Friedens durch eine «Neuordnung Europas» zu korrigieren, und der Kalte Krieg kann als Kampf um die, bzw. gegen die Weltherrschaft des Kommunismus und um die Abgrenzung des Einflusses in der Ersten, Zweiten und Dritten Welt gedeutet werden: Grenzen als Frontlinien entlang bestimmter ideologischer, wirtschaftlicher und politischer Sinngebungen, die sich häufig, aber nicht immer, auch territorial manifestierten. Mitten im Ersten Weltkrieg, als der Kampf an mehreren Fronten tobte, entwickelte sich in Zürich, geographisch im Zentrum, politisch an der Peripherie, in der grenzbesetzten Schweiz in einer heterogenen Emigrantengruppe eine Bewegung, die sich «Dada» nannte und die an den Grenzen des Sinns in unbekannte Gefilde aufbrach.

Dada an der Grenze zwischen Sinn und Unsinn

Wer waren die Dadaisten? Enttäuschte Sozialisten, welche den Schritt zum kollektivistischen Etatismus nicht mitmachen wollten, Anarchisten, welche jede Ordnung ablehnten und zum Kampf gegen das Bestehende aufriefen, enttäuschte Bellizisten, Pazifisten, welche alle Kriegsparteien ablehnten und den Krieg als solchen absurd fanden, Libertinisten, welche keinerlei Moral akzeptieren wollten, oder gar spontane Vorläufer einer neuen, noch nicht definierten Ordnung? Von allem ein wenig, und doch keines von allem ganz. Dada war einfach da, und das Versteckspiel, das Erwachsene mit Kleinkindern spielen, indem sie absichtlich kurz verschwinden («Gugguus?» – in Deutschland «Guguck?») und dann erwartet-überraschend wieder auftauchen («Dada!»), ist tatsächlich eine geniale, zutreffende, selbstentgrenzende Definition dessen, was darin und dahinter steckt – oder eben nicht. Rückblickend analysiert, ging es um Grenzgänge zwischen Sinn und Unsinn, um eine Parodie auf die Hohlheit falschen Tiefsinns und um einen von Galgenhumor begleiteten Verzweiflungsschrei gegen den Fanatismus jener, die glauben, den definitiven Sinn gefunden zu haben und ihn in Grenz- und Grabenkämpfen blutig verteidigen zu müssen. Dass man sich auf dieses frivole Abenteuer an der Grenze des Sinns ausgerechnet in einer Zeit einliess, in welcher ein Krieg um ganz andere Grenzen tobte, ist weder ein Beispiel für intellektuellen Zynismus, noch eine Eruption politischer Unkorrektheit, noch ein blosser Zufall.

Der Dadaismus entstand in denselben Jahren wie Oswald Spenglers «Untergang des Abendlandes», aber die Dadaisten empfanden eben das politische Chaos des Krieges nicht als bitteres Ende einer Epoche, sondern auch als möglichen Anfang von etwas, das eben schon da war und das man mit Vorbedacht nicht definieren wollte, um es nicht an irgend ein Verhängnis zu binden. Auch Joseph Schumpeters «Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung», die den Zusammenhang zwischen Zerstörung und schöpferischem Unternehmertum beschreibt, und Ludwig von Mises’ Studie über «Staat, Nation und Wirtschaft», die bereits in nuce die Widerlegung der Planwirtschaft enthält, sind noch während der Kriegsjahre entstanden. Das Aufkeimen von Ideen, welche die reine Rationalität radikal kritisieren und die Spontaneität und das Unbewusste ins Zentrum stellen, darf man sich nicht als organisierte und aktiv kommunizierende Bewegung Gleichgesinnter vorstellen. Die Entdeckung des hohen Stellenwerts der Spontaneität erfolgte – wie könnte es anders sein? – durch spontanen Parallelismus, non-zentral an verschiedenen Orten und in unterschiedlichsten Sparten der Kultur und auch in vielfältigsten Manifestationen.

Grenzen sind etwas fast grenzenlos Komplexes, weil sie in jedem Bereich vorkommen, unterschiedliche Funktionen innehaben und daher vielfältige Probleme aufwerfen. Der Hinweis auf die Tatsache, dass Grenzen oft eher «Streifen» sind als Linien, ist einleuchtend. Aber gibt es zwischen Ja und Nein einen Streifen von Jein? Ein Minenfeld! Gibt es zwischen «mein» und «dein» ein Zwischenreich? Kann ein Richter in einem Entscheid beiden Seiten Recht geben? Privateigentum verlangt klare Zuweisungen und Abgrenzungen, darauf beruht seine friedens- und kulturstiftende Funktion. Möglicherweise gehört es zum Wesen der Grenze, dass sie eigentlich realiter Streifen bildet, idealiter und von der Logik her aber klare Trennungen gefragt sind.

Anarchisten und Liberale verbindet die grundsätzliche Frage nach dem Sinn kollektiv gesetzter und erzwingbarer Freiheitsschranken und die generelle Skepsis gegenüber verordnetem Zwang. Liberale sind bereit, sich schrittweise vom freiheitsschützenden Sinn kollektiver Schranken überzeugen zu lassen, während Anarchisten an solchem Sinn zweifeln und sich ganz auf private Vereinbarungen abstützen wollen. Die Libertären nehmen eine Zwischenstellung ein. Wer etwas über den Sinn von Grenzen erfahren will, muss den Mut haben, sich an die Grenzen des Sinns zu begeben. Dort ist allerdings keine Bleibe, auch das haben uns die Dadaisten gezeigt.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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