Konstruktiver Gegenvorschlag

In Berlin regt sich absurder Widerstand gegen ein Gedicht Eugen Gomringers, das eine Hochschulfassade ziert. Ein guter Anlass für unseren ehemaligen Kolumnisten, seine lyrischen Qualitäten zu entdecken.

Eigentlich muss man ja froh sein, dass Berliner Studenten nicht mehr «Ho-Ho-Ho-Chi-Minh» skandierend durch die Strassen ziehen, keine Verlagshäuser mehr blockieren oder gar «Mollis» (für jüngere Leser: Molotowcocktails) werfen. 2017 geht es in Berlin eher um den Veggie-Day in der Mensa, um die geschlechtergerechte Bezeichnung und Ausstattung der Schultoiletten – und nun immerhin sogar um ein Gedicht. Nicht um irgendein Gedicht, sondern um das Gedicht, das die Südfassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule für Soziale Arbeit ziert.

Dieses kurze Gedicht hat der bolivianisch-schweizerische Schriftsteller Eugen Gomringer 1951 geschrieben. Gomringer, der als Schöpfer der Konkreten Poesie gilt, schrieb «avenidas» auf Spanisch. In deutscher Übersetzung lautet es:

alleen
alleen und blumen
blumen und frauen
alleen
alleen und frauen
alleen und blumen und frauen
und ein bewunderer

Das gehe gar nicht, befand unlängst der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Hochschule. Das Gedicht setze Frauen herab, degradiere sie in einer Art zu «bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht». Und es reproduziere nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der es ausschliesslich die schönen Musen seien, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirierten, sondern erinnere zudem «unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind».

Die Hochschulleitung reagierte, wie Rektorate deutscher Universitäten in unseliger Tradition meist reagieren: Sie zog den Kopf ein, nahm die Bedenken der Studierenden «sehr ernst» und rief dazu auf, Vorschläge zur Neugestaltung der Fassade einzusenden – selbstverständlich nur solche «nicht diskriminierenden» Inhalts.

Damit ist die an US-Universitäten grassierende Betroffenheitstyrannei endgültig auch in Europa angekommen. Auf dem US-Campus reicht es inzwischen, sich von irgendetwas – einer «anzüglichen» Passage in einem Werk der Weltliteratur, dem Blick einer Kommilitonin, einem Werbeplakat – betroffen, beängstigt oder beleidigt zu fühlen, um einen Rechtsanspruch zu erwirken, mit derlei Dingen nicht in Berührung kommen zu müssen, sprich: vor ihnen geschützt zu werden. Man muss als Studentin oder Student einer US-amerikanischen Hochschule schon längst nicht mehr diskriminiert werden. Es reicht, sich diskriminiert zu fühlen.

Seit Jahren macht diese Entwicklung Sorgen, auch in Berlin regen sich nun Stimmen, die vor Zensur warnen. Das deutsche PEN-Zentrum liess sich im aktuellen Fall wie folgt vernehmen: «Wir sind zutiefst beunruhigt über eine Entwicklung, die darauf abzielt, der Kunst einen Maulkorb vorzuspannen oder sie gar zu verbieten.» Ja, das ist löblich – aber keinesfalls ausreichend. Aus diesem Grund will ich nicht bei der Kritik an der um sich greifenden Tyrannei der Beleidigten stehenbleiben, sondern mich im Sinne der Ausschreibung für eine Neugestaltung der Berliner Hochschulfassade mit einem eigenen Vorschlag beteiligen: Mit einem Gedicht, dessen Struktur sich aus Respekt vor dem Dichter eng an Gomringers «avenidas» anlehnt, aber der Befindlichkeit der angehenden sowie hier aus- und eingehenden Akademiker besser gerecht wird.

Klar, dass diese Poesie grauer und weniger konkret daherkommen muss, schlicht ist das Grau oder gar Schwarz des deutschen Grossstadtalltags, der Sphäre, in der sich die meisten künftigen Sozialarbeiter werden bewegen müssen. Dem lebensfrohen Gomringer sind also – ganz im Sinne des AStA – die stossenden Spitzen der Empathie zu nehmen! Den folgenden Vorschlag für eine Neugestaltung der Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule habe ich daher – für den Fall, dass das Gomringer-Gedicht tatsächlich verschwinden soll – unter dem Titel «chausseen» bei der Hochschulleitung eingereicht:

chausseen
chausseen und betonpfeiler
betonpfeiler
betonpfeiler und rentner
schwarze chausseen
schwarze chausseen und gräuliche rentner
schwarze chausseen und dunkle betonpfeiler und gräuliche rentner
und kein bewunderer

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»