Konsequent liberal: Ehe für alle

Manche Menschen nutzen die Haltung eines Zeitgenossen zum Eherecht für Homosexuelle gerne als Anhaltspunkt zur schnellen Verortung ebendieses Zeitgenossen im politischen Links-rechts-Schema. Der US-Vorwahlkampf um das Präsidentenamt bestätigte scheinbar diese Methode: Die demokratischen Kandidaten waren dafür, die republikanischen vehement dagegen. Auch in Europa gilt: Die «Alternative für Deutschland» und der Papst sind dagegen, die Grünen […]

Manche Menschen nutzen die Haltung eines Zeitgenossen zum Eherecht für Homosexuelle gerne als Anhaltspunkt zur schnellen Verortung ebendieses Zeitgenossen im politischen Links-rechts-Schema. Der US-Vorwahlkampf um das Präsidentenamt bestätigte scheinbar diese Methode: Die demokratischen Kandidaten waren dafür, die republikanischen vehement dagegen. Auch in Europa gilt: Die «Alternative für Deutschland» und der Papst sind dagegen, die Grünen klar dafür. Doch halt! Ganz so einfach ist es nicht. Denn auch waschechte Liberale unterstützten früh die Legalisierung homosexueller Partnerschaften – unter anderem mit dem Argument, dass auch sie den Staat von Wohlfahrtspflichten entlasten würden. Der bekannte (und bekennend homosexuelle) französische Philosoph Michel Foucault führte genau diesen Punkt ins Feld. Andere liberale Theoretiker – Milton Friedman, Gary Becker oder Richard Posner – betonten stets die Wahlfreiheit des Individuums, dezidiert auch in sexuellen Beziehungen. Damit sassen die Vertreter der Chicagoer Schule im selben Boot mit der neuen Linken und den schillernden Vertretern der gay community der 1970er und 1980er Jahre. Posner, vom republikanischen Präsidenten Ronald Reagan als Bundesrichter eingesetzt, spielte gar eine bedeutende Rolle bei der Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen in den USA. Eine Dame setzte die liberale Theorie gar in die Praxis um, bevor sie formuliert war. Als die einzige Frau unter den Gründungsmitgliedern der neoliberalen Mont Pèlerin Society, die britische Historikerin und Journalistin C.V. Wedgewood, 1997 verstarb, meldete die «New York Times», Wedgewood hinterlasse «ihre Lebensgefährtin seit über 70 Jahren, Jacqueline Hope-Wallace». Die beiden Frauen hatten seit ihrer Studienzeit in Oxford in den 1920er Jahren in Partnerschaft gelebt. Abschliessend lässt sich also sagen: Die Haltung zur sogenannten Homoehe taugt nicht zur Verortung eines Bürgers im Links-rechts-Spektrum. Wohl aber als Gradmesser für die Konsequenz seiner Liberalität.


Andrea Franc
ist Wirtschaftshistorikerin und forscht zu Nord-Süd-Handel sowie ökonomischer Theoriegeschichte. Sie lebt in Basel.