Komplexe Phänomene sind nicht zu steuern

Die Rechtschreibreform hat auch nach sieben Jahren noch keine allgemeine Akzeptanz bei ihren Nutzern gefunden. Seit ihrer Einführung finden laufend kleine Reförmchen in Form von Änderungen und «Verbesserungen» statt. Anpassungen der Rechtschreibung sind an sich nichts Neues; es gab sie in den Jahren vor der bürokratischen Rechtschreibreform ständig. Der Duden – das normsetzende Werk der deutschen Rechtschreibung – war der beste Ausdruck dieser dauernden Reformierung der Rechtschreibung: keine Ausgabe kam ohne Änderungen aus. Der Duden zeichnete damit aber nur nach, was die Nutzer der deutschen Sprache und Rechtschreibung als richtig und sinnvoll erachteten. Wer nach einer Erklärung dafür sucht, daß es erfolgreiche Anpassungen der Rechtschreibung gibt, während die große bürokratische Reform der deutschen Rechtschreibung eine unansehnliche Baustelle geblieben ist, wird bei dem Ökonomen und Sozialphilosophen Friedrich August von Hayek fündig. Um den Marktprozeß zu beschreiben, wählte Hayek die Bezeichnung der spontanen Ordnung. Solche spontanen Ordnungen stellen sich immer dann ein, wenn es sich um komplexe, insbesondere gesellschaftliche Phänomene handelt. Ein Charakteristikum solch spontaner Ordnungen komplexer Phänomene ist die dezentrale und unorganisierte Verteilung individuellen Wissens. Zentrale Behörden könnten nicht das Wissen generieren und koordinieren, das Individuen besitzen und nutzen. Das führt dazu, daß komplexe Phänomene, zu denen neben dem Markt auch die Sprache gehört, sich zentral nicht steuern bzw. entwickeln lassen. Versuchen zentrale Planer, dies dennoch zu tun, stellt das eine Anmaßung von Wissen dar, denn mit dem Versuch, in eine spontane Ordnung einzugreifen, wird dem verstreut in einer Gesellschaft vorhandenen Wissen vorgegriffen.

Sprachen sind genauso wie Märkte als spontane Ordnungen nicht das Ergebnis menschlichen Entwurfs, wohl aber menschlicher Handlungen. Der Sprachwissenschafter Rudi Keller nennt Sprache in Anlehnung an Hayek ein «Phänomen der dritten Art», das weder künstlich noch natürlich ist. Solche kollektiven Phänomene entstehen durch das Handeln vieler, ohne daß die einzelnen sich dabei bewußt wären, durch ihr individuelles Verhalten einen Beitrag zu einer kollektiven Ordnung zu leisten. Die Koordination der individuellen Handlungen wird von einer «unsichtbaren Hand» geleistet, ein Rückgriff Kellers auf Adam Smith.

Sprache ist somit eine kollektive Ordnung und ein evolutionäres System, das stetem Wandel unterliegt und organisch gewachsen ist. Ein Ziel kennen evolutio-näre Prozesse jedoch nicht. Und gleiches gilt für die Rechtschreibung als Teil der Sprache. Sie unterliegt ebenso einem steten Wandel, der eine Anpassung an die Bedürfnisse der Nutzer darstellt. Kein zentraler Planer – weder die Kultusministerkonferenz, die Dudenredaktion, eine Reformkommission noch ein wohlwollender Diktator – kann aber abschätzen, welche Bedürfnisse die Nutzer der deutschen Rechtschreibung haben. Die Anforderungen der Bevölkerung können nur in einem evolutionären Prozeß der Auswahl sinnvoller und zweckmäßiger Regeln zum Ausdruck kommen, nicht aber in einer aufgezwungenen, bürokratischen Verordnung. Keller stellt richtigerweise fest, daß die Durchführung einer Orthographiereform kein evolutionärer Prozeß sei. Alle, die meinen, die Bedürfnisse und Anforderungen der Bevölkerung an eine zweckmäßige und sinnvolle Rechtschreibung zu kennen, maßen sich ein Wissen an, das sie nicht haben können. Die Rechtschreibung muß denen überlassen bleiben, die sie nutzen. Das schließt aber erfolgreiche bürokratische Rechtschreibreformen aus. Die mißlungene Neuregelung der deutschen Rechtschreibung hat dies leider eindrucksvoll unterstrichen.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»