Kommunikatives Paradies, kognitive Hölle

Bedeutet die Vielfalt der Sprachen eine Vielfalt des Denkens? Und würde eine Universalsprache uns eine Gemeinsamkeit im Denken ermöglichen, die fortan ein harmonisches Zusammenleben ohne kommunikative Missverständnisse ermöglicht? Ein Plädoyer für die Pluralität und für die Pflege der eigenen wie die Kenntnis anderer Sprachen.

Neulich zirkulierten Zürcher Trams mit folgender Werbung für ein Lokalradio: «Ready for the ride – Das isch Züri». Die Zürcher Mundart trifft in diesem Slogan auf ein gängiges, globalisiertes Englisch. Die Aufschrift suggeriert einerseits Nähe zum lokalen Geschehen und anderseits eine Vermittlung zu den Belangen der globalisierten Welt. Gibt es mögliche Vermittlungen zwischen einer lokalen Sprache und der universellen Verkehrssprache, oder erschöpft sich ihre Beziehung in einem modischen Augenzwinkern, das im vorliegenden Fall vor allem aus dem Weglassen der Sprache besteht, der in der Deutschschweiz die Rolle der Öffnung auf die Welt hin eigentlich zukäme – des Hochdeutschen?

Mit diesen einleitenden Fragen soll keineswegs die Existenzberechtigung oder die Eigenheit der Deutschschweizer Mundarten bestritten werden. Im Gegenteil. Denn diese Dialekte eröffnen ihren Sprechern durchaus subtile Möglichkeiten, sich über alles Denkbare und Undenkbare zu unterhalten. Gerade ihres lokalen Charakters wegen sind ihre Ausdrucksweisen jedoch oft auch sehr speziell. Viele Deutschschweizer bezeichnen sie denn auch als die Sprache ihres Herzens. Es käme wohl keinem Deutschschweizer Jugendlichen in den Sinn, ein SMS auf Hochdeutsch zu verfassen. Die Hochsprache ist reserviert für den offiziellen Sprachverkehr. Eigenartigerweise unterläuft jedoch das trendige Englisch diese Trennung von persönlicher, intimer und translokaler, offizieller Verwendung von Sprache. Beweis dafür sind die vielen Anglizismen, die in die Dialekte, zumal in die Jugendsprache eingedrungen sind. Ebenso scheint der zitierte Slogan dies zu suggerieren. «Ready for the ride» gibt nicht nur die Bereitschaft an, ins Tram einzusteigen, sondern sich allen Anforderungen des modernen Lebens zu stellen. Das ist Zürich!

Es sieht so aus, als würde die englische Sprache das leisten, was seit Jahrtausenden ein Traum des europäischen Sprachdenkens ist, nämlich eine universelle Vermittlung zwischen den Einzelsprachen herzustellen. Damit fiele die Notwendigkeit weg, andere Sprachen zu lernen, um sich in der Welt verständlich zu machen. Es würde genügen, die lokale Sprache des Herzens und die globale der weltweiten Verständigung zu sprechen. Die Vermittlung von lokaler Verschiedenheit und universeller Einheit schiene dadurch gewährleistet. Die Mundart böte damit zugleich einen Zugang zur «Mund-Art», zu der einen, allgemeinen Art und Weise, sich mit dem Mund auszudrücken.

Eine solche Vermittlung von Lokalem und Globalem würde jedoch die historisch bedingte Eigenart der Deutschschweizer Mundarten, die im mitteleuropäischen Raum über Jahrhunderte entstanden sind, völlig ausser acht lassen. Kann das globalisierte Englisch eine solche Vermittlung leisten, so kann es dies auch für alle andern Sprachen der Welt tun. Damit aber wird auf einmal unklar, weshalb es überhaupt so viele verschiedene Sprachen auf der Welt gibt, und weshalb die Berner anders reden als die Zürcher… Das Festhalten an der eigenen Mundart setzt notwendigerweise die Existenz anderer Mundarten und Sprachen voraus, für die man sich aber insofern nicht zu interessieren braucht, als die Universalsprache diese Vermittlung mit ihnen stets schon gewährleistet. Die Wirkung, die diese universelle Verkehrssprache auf alle Einzelsprachen und nicht zuletzt auch auf sich selbst ausübt, ist diejenige einer abstrakten Vereinzelung innerhalb ihrer jeweiligen geographischen und historischen Kontexte. Dadurch laufen die Einzelsprachen Gefahr, ihren Existenzgrund zu verlieren. Allen voran die englische Sprache, die künftig ihre Eigenart von keiner anderen Sprache mehr unterscheiden kann, da sie immer mehr zur abstrakten Vermittlerin zwischen allen wird.

In «Unterwegs zur Sprache» sagt Heidegger, in Anlehnung an einen Vers aus der Hymne «Germanien» von Hölderlin: «Die Sprache ist die Blume des Mundes.» Dieser Satz erinnert daran, dass Sprache nicht nur ein virtuelles System von Sprachregeln ist, das zwischenmenschliche Kommunikation ermöglicht, sondern dass sie auch etwas mit dem Aussprechen zu tun hat. Sprache blüht aus jedem einzelnen Mund. Sie geht in jedem Mund auf stets verschiedene Weise auf. Jeder Sprecher hat somit seine eigene «Mundart», seine eigene Art, Sprache zum Blühen zu bringen. Diese Vorstellung des Wortes als Sprachblume ist das extreme Gegenteil derjenigen einer Universalsprache. Wo die eine den Akzent auf die Entstehung von Sprache in jedem singulären Sprechakt legt, sucht die andere die universelle Vermittlung aller möglichen Denkinhalte durch eine einzige Sprache. Beiden gemeinsam ist jedoch die Frage, was Sprache ist und wie es überhaupt möglich ist, durch das Sprechen und die Stimme gedankliche Inhalte zu veräusserlichen und einem andern mitzuteilen.

Diese Problematik prägt das ganze europäische Sprachdenken, das sich, seit seinen Anfängen in der Bibel und der griechischen Philosophie, mit der Frage beschäftigt, ob die verschiedenen Sprachen nur eine Verschiedenheit des Materiellen, des Lautlichen, darstellen, oder ob sie auch eine solche des Denkens einschliessen.

Wäre es der Fall, dass die verschiedenen Sprachen nur eine Verschiedenheit des Lautlichen darstellen, dann bestünde die Möglichkeit einer Universalsprache, die es den Menschen ermöglicht, das ihnen allen gemeinsame universelle Denken für alle verständlich auszudrücken. Sprache als lautliche Äusserung wäre dann sekundär und das Denken sprachunabhängig. Aus den Sprachblumen würden handliche Zeichen, die als Instrumente dem Austausch von Gedanken, Gefühlen und Informationen dienen. In dieser Betrachtungsweise wird die Verschiedenheit der Sprachen als ein Übel verstanden, das man beseitigen sollte. Es ist die aristotelische Tradition, die durch die Jahrtausende hindurch das Sprachdenken entscheidend beeinflusst hat. In ihr zeigt sich unter anderem der alte Mythos einer paradiesischen Einheitssprache, die durch den Turmbau zu Babel zerstört wurde. Zudem zeigt sie eine tiefe Sprachskepsis, die sich vor allem im englischen Empirismus sowie in der Folge bei Wittgenstein und in der amerikanischen analytischen Philosophie herausgebildet hat.

Wäre es jedoch der Fall, dass die Verschiedenheiten der Sprache mit einer Verschiedenheit des Denkens zusammenhängen, bestünde also ein notwendiger Zusammenhang zwischen dem in der Sprache Ausgedrückten und der materiellen Gestalt derselben, so könnte durch die Kenntnis und die Beschreibung der einzelnen Sprachen der Versuch unternommen werden, eine Vermittlung zwischen all den verschiedenen Mundarten und Denkweisen herzustellen. Sprachverschiedenheit wäre dann kein Übel, sondern der beste Spiegel für das Studium der Vielfalt des menschlichen Geistes. Wichtige Vertreter dieser Denkrichtung sind unter anderen Leibniz, Condillac, Vico, Herder und Humboldt. Ihre Texte erinnern uns einerseits an die Sprachlichkeit des Denkens und anderseits an die Tatsache, dass Sprache immer nur im Plural, in Form verschiedener Sprachen, auftreten kann.

In einem sehr lesenswerten Buch mit dem Titel «Mithridates im Paradies. Kleine Geschichte des Sprachdenkens» (Beck, 2003) fasst der deutsche Linguist und Sprachphilosoph Jürgen Trabant diese beiden Tendenzen auf für jedermann verständliche Weise zusammen. Das Buch ist dem legendären König Mithridates gewidmet, der sich im ersten Jahrhundert vor Christus heldenhaft gegen die Unterwerfung unter das römische Reich und damit auch unter die lateinische Sprache gewehrt hat. Er galt als extrem polyglott, je nach Quelle soll er bis zu fünfzig Sprachen gesprochen haben. Seine Vielsprachigkeit und seine Opposition gegen den römischen Imperialismus, der sich auch im Aufzwingen des Lateinischen als Universalsprache ausdrückte, nimmt Trabant zum Anlass, ein fundiertes Plädoyer für die Mehrsprachigkeit zu verfassen.

Der Titel des Buches verrät die Richtung, die Trabant dabei einschlägt. Es geht ihm nicht darum, nur der einen Tendenz das Wort zu reden. Vielmehr bezeichnet er die paradiesische Vorstellung einer Einheitssprache als den einen mythischen Pol des europäischen Sprachdenkens, das immer wieder versucht hat, eine Sprache als Universalsprache aller Menschen zu denken und zu fördern. Auf der andern Seite steht Mithridates für die Liebe zu den Sprachen, die die Einheit aller Sprachen in ihrer Vielfalt sucht. «Mithridates im Paradies» erscheint somit als der Versuch, die beiden Tendenzen zusammenzudenken, in einer Art Antinomie der sprachlichen Vernunft, die die europäische und amerikanische Sprachreflexion von Grund auf bestimmt. Es geht ihm darum, eine Vermittlung von Verschiedenheit und Einheit zu suchen, ohne dass die Einheit zur globalisierten Einfalt verkommt und ohne dass ein unreflektierter Relativismus des einzelsprachlichen Denkens die Vorstellung einer Einheit aller Sprachen verhindert.

Weltpolitisch gesehen scheint die zweite Tendenz momentan keine Gefahr darzustellen. Umso gefährlicher ist jedoch die erste; denn sie droht durch ein globalisiertes Englisch die Antinomie der sprachlichen Vernunft aufzulösen. Drei Gründe spielen dabei eine entscheidende Rolle. Zum einen ist es die Grossmachtpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika, die – dem römischen Reich nicht ganz unähnlich – der übrigen Welt ihre Sprache aufzwingen. Zum andern sind es praktische Gründe des globalen Marktes, des internationalen Verkehrs, des Massentourismus, der Informatik und der Kommunikationsindustrie, die die Verschiedenheit der Sprachen als ein Hindernis für die weltweite Kommunikation erscheinen lassen. Und zum dritten sind es philosophische Überlegungen, die die Existenz einer weltweiten Einheitssprache fordern. Von dieser Denkrichtung wird die Sprache und noch vielmehr die Vielzahl der Sprachen als ein Hindernis zur Wahrheitsfindung empfunden. Am Anfang dieser Entwicklung steht, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, Francis Bacons Versuch, die natürlichen Sprachen zu disziplinieren oder ganz auszuschalten, um ein klares, wissenschaftliches Denken entwickeln zu können.

Was diese übermächtigen Interessen und Denkrichtungen meiner Meinung nach nicht oder zuwenig bedenken, ist, dass ihr Wunsch nach einer Universalsprache in dem Masse zerbricht, wie das Englische tatsächlich immer mehr zur einzigen Verkehrssprache der Welt wird. Grund dafür ist die Mundart, also die Tatsache, dass jede Sprache immer als Wortblume aus einem jeweils konkreten Mund ertönt. Das Anderssein und die Veränderung sind der einen Sprache immer schon immanent. Je mehr nichtmuttersprachige Sprecher das Englisch als Instrument weltweit verwenden, umso mehr wird es sich unter dem Einfluss der verschiedenen Münder und lokalen Sprachen unaufhaltsam verändern.

Dadurch wird jedoch die zweite oben genannte Tendenz dennoch zur eigentlichen Gefahr. Es droht ein weltweiter, kultureller Relativismus und Provinzialismus, der umso schrecklicher ist, als man ihn nicht auf den ersten Blick erkennen kann. Denn alle scheinen schliesslich die gleiche Sprache zu reden. Der Wille zu einer einzigen Sprache macht blind für die laufende Veränderung und Pidginisierung derselben. Einfalt und Provinzialismus sind das mögliche Resultat davon. Differenzierte Kultursprachen wie Deutsch, Französisch, Italienisch oder Russisch werden immer mehr zu regionalen Dialekten zurückgestuft. Medizin, Wissenschaft, Wirtschaft, Management und Technik brauchen diese Sprachen nicht mehr. Ihre Diskurse finden nur noch in einem globalisierten Englisch statt. Am Schluss bleibt dann nur noch die Literatur als letztes Refugium des eigenständigen Umgangs mit den Einzelsprachen.

Um die Balance in der Antinomie der sprachlichen Vernunft wieder herzustellen, muss die Pflege der eigenen und die Kenntnis anderer Sprachen gefördert werden. Dadurch kann immer wieder von neuem erfahren werden, dass – um mit Humboldt zu reden – die Verschiedenheit der Sprachen «nicht eine von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst» ist («Erste Rede vor der Berliner Akademie», 1820). Diese Erfahrung sollte jedoch nicht zum schroffen Relativismus verschiedener Weltansichten führen, sondern den Blick für die Unterschiede zu anderen Kulturen und Sprachen schärfen. In diesem Prisma kann sich auch die scheinbar festgefügte eigene Weltsicht brechen und einen veränderten Blick auf das Eigene zulassen. Nur so kann eine Mundart zur «Mund-Art» werden, vielfach gebrochen im Prisma der Kontakte mit andern Sprachen und Mundarten. Und nur durch eine gepflegte Mehrsprachenkultur kann der abschliessenden Befürchtung in Trabants Buch begegnet werden: «Dass es nur noch eine Sprache auf der Welt geben soll, ist vielleicht das kommunikative Paradies, es ist aber die kognitive Hölle, ein Triumph der Dummheit.»

MARCO BASCHERA ist Mittelschullehrer und Titularprofessor an der Universität Zürich für moderne französische und vergleichende Literaturwissenschaft.

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