Kommt der Zinsschock?

Historische Lehren, aktuelle Implikationen.

Kommt der Zinsschock?
Historisches Schreckensszenario: Fed-Chairman Paul Volcker war Verursacher des sogenannten «Volcker-Schocks», da er Ende der 70er Jahre kurzfristig den Nominalzins anhob. Bild: Paul Volcker, mauritius images / mark reinstein / Alamy.

Es braucht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, was passieren wird, wenn die Zinsen dereinst schnell ansteigen sollten: Es würde weltweit eine Welle von Pleiten einsetzen, denn die kombinierte private und öffentliche Verschuldung ist seit der Finanzkrise weiter angestiegen. Einmal mehr müsste man dann den legendären Dialog aus Ernest Hemingways Roman «The Sun Also Rises» von 1926 zitieren: «How did you go bankrupt?», Bill asked. – «Two ways», Mike said. «Gradually and then suddenly.»

Historische Beispiele für ein solches Schreckensszenario gibt es viele. Geradezu klassisch verlief die Geschichte in den späten 1920er Jahren: Nach einer längeren Phase der Tiefzinspolitik erhöhte das Federal Reserve (Fed) den Zins innerhalb von zwei Jahren von 3,5 auf 6 Prozent. Das Ergebnis der Operation war, dass zuerst die Börsenkurse einbrachen, dann das amerikanische Bankensystem in eine Krise schlitterte und schliesslich auch das internationale Währungs- und Finanzsystem ins Wanken geriet. Zusammen mit anderen Faktoren resultierte daraus der schlimmste wirtschaftliche Einbruch der letzten hundert Jahre. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre endete erst, als Währungen abgewertet, Banken rekapitalisiert und Staatsschulden abgeschrieben wurden.

Ähnliches ereignete sich Ende der 1970er Jahre. Wiederum war es das Fed, das durch schnelle Zinserhöhungen die Lawine ins Rollen brachte: Innerhalb eines Jahres hob der frisch gekürte Fed-Chairman Paul Volcker den kurzfristigen Nominalzins an. Die amerikanische Wirtschaft nahm einen tiefen Taucher, der zu einem rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit führte. In Lateinamerika und Osteuropa löste der sogenannte Volcker-Schock eine Schuldenkrise aus, die erst Ende der 1980er Jahre abklang. Wiederum war es entscheidend, dass die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichteten.

Zu nennen ist schliesslich auch die Phase vor der jüngsten Finanzkrise: Von Mitte 2004 bis Mitte 2006 erhöhte Fed-Chairman Alan Greenspan die Zinsen von einem auf etwas mehr als fünf Prozent. Als Folge davon konnte ein Teil der Hypothekarschulden, die sich über mehr als ein Jahrzehnt aufgebaut hatten, nicht mehr bedient werden. Bald sprang die Krise vom Hypothekenmarkt auf das gesamte Finanzsystem über, da die Verschuldung zu einem grossen Teil über kurzfristige Kredite erfolgt war. Nach dem Fall der Investmentbank Lehman Brothers brachen nicht nur die Finanzmärkte, sondern auch die Welthandelsströme ein. Die Wende kam im Frühling 2009, als die Liquiditätszufuhren der Zentralbanken im Finanzsystem zu wirken begannen. Ist mit der Wiederholung dieses Schreckensszenarios zu rechnen? Stehen wir vor einem neuerlichen Zinsschock?

Die weiteren Aussichten

Die jüngsten Wirtschaftsnachrichten aus den USA deuten darauf hin, dass die Zinsen schneller ansteigen könnten, als die Anleger es bisher erwartet haben. Die Wirtschaft wächst kräftig, die Zahl der Beschäftigten nimmt kontinuierlich zu, die Löhne beginnen schneller zu steigen, die Inflationsrate ist anfangs Jahr über die Grenze von zwei Prozent geklettert. Möglicherweise kurbeln Donald Trumps Steuersenkungen und Deregulierungsmassnahmen den Konsum und mit einer gewissen Verzögerung auch die Firmeninvestitionen an. Das würde zweifellos zu weiteren Lohn- und Preiserhöhungen führen.

Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario? Die historischen Beispiele mahnen zur Vorsicht: In den späten 1920er Jahren bildete die Börsenhausse an der Wall Street den entscheidenden Grund für die restriktive Politik des Fed. Von Januar 1927 bis Januar 1929 war der Dow Jones Industrial Average von 160 auf 300 Indexpunkte trotz einer zunehmend restriktiven Geldpolitik gestiegen, worauf das Fed die Zinsen weiter von 5 auf 6 Prozent erhöhte. Daraufhin brach der Markt ein. Heute würde es niemand wagen, die Aufwärtsbewegung des Aktienmarktes mit einer derart rabiaten Verschärfung der monetären Bedingungen einzudämmen.

In den späten 1970er Jahren ging es um die Reduktion der hohen Inflation. Die Konsumentenpreise waren innerhalb eines Jahrzehnts um hundert Prozent geklettert, und zwar nicht primär wegen des Ölschocks von 1973, sondern wegen der allzu expansiven Geldpolitik seit den späten 1960er Jahren. 1979 betrug die Inflationsrate fast zehn Prozent.…