Kommen Sie mal näher!

Wie haben Menschen im 19. und 20. Jahrhundert trotz Hungersnöten, Kriegen und zu Beginn gar ohne elektrisches Licht grossartige und nützliche Erfindungen hervorgebracht, die unser Leben auch heute noch erleichtern? Sie wissen schon: Von Glühbirnen über Eisenbahnen zur Pille und zum Mond. Von König- und Kaiserreichen über Diktaturen zur Demokratie. Eine Revolution folgte der anderen, […]

Wie haben Menschen im 19. und 20. Jahrhundert trotz Hungersnöten, Kriegen und zu Beginn gar ohne elektrisches Licht grossartige und nützliche Erfindungen hervorgebracht, die unser Leben auch heute noch erleichtern? Sie wissen schon: Von Glühbirnen über Eisenbahnen zur Pille und zum Mond. Von König- und Kaiserreichen über Diktaturen zur Demokratie. Eine Revolution folgte der anderen, Tatendrang und Leidenschaft schufen – der Not gehorchend – ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gesellschaft. Freiwillig organisierte man sich in Interessenverbänden, Familien, Gewerk- und Genossenschaften. Man engagierte sich. Und kam gemeinsam voran.

Und jetzt sehen Sie sich um: Spüren Sie etwas von einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl mit Ihrem Arbeitskollegen, mit Ihrem Nachbarn oder mit der Frau mit der Plastiktüte, die neben Ihnen im Bus oder Tram sitzt? Kennen Sie das Gefühl, gemeinsam mit irgendeinem Mitstreiter alles erreichen zu können, wenn Sie nur gut genug mit ihm zusammenspannen? Vielleicht machen Sie es wie viele andere und denken vornehmlich an sich selbst, der ganze Rest läuft irgendwie mit. Sie drehen sich im Büro-Aufzug weg, wenn der Kollege aus einer anderen Abteilung zusteigt, oder sprechen übers Wetter und hoffen, dass Sie im Zug nicht gestört werden, wenn Sie Ihre Zeitung lesen. Sie machen Ihre Arbeit, geniessen Ihre Hobbies und fahren in die Ferien, wenn es denn wieder Zeit dafür ist. Sie denken an sich selbst – und an andere nur, wenn Sie wirklich müssen. Weder Dankbarkeit noch irgendwelche Verbindlichkeiten sind Ihnen mehr vertraut. Sogar in vielen Familien, der Urzelle des freiwilligen Teilens, schaut oft jeder nur noch für sich.

Haben wir unseren Antrieb wegen stets verfügbarer neuer Erfindungen, Pensionen und Arbeitslosengeldern verloren? Haben Sie sich einmal bei Steve Jobs für die Vereinfachung unserer Kommunikation oder bei Ihrem Kollegen im Marketing für die gute Kampagne vor Monaten bedankt? Nein. Ihnen geht es wie so vielen: Wir blicken am liebsten nicht mehr über den eigenen kleinen Tellerrand, weil wir nicht mehr dazu gezwungen sind. Weil es für unser Überleben nicht mehr unerlässlich ist, sich um die anderen zu kümmern. Wir glauben, gut ohne den Nächsten auszukommen. Das Höchstmass, das wir noch an Beitrag zur Gesellschaft und zu uns selbst leisten, besteht darin, dass wir unserer Arbeit nachgehen, 8 to 5. Vielleicht schaffen wir es gerade noch zur Urne, wenn es darum geht, über irgendetwas abzustimmen, das uns direkt betrifft. Die Zwangssolidarität ist an die Stelle der echten Solidarität getreten. Und niemand hat’s gemerkt.

Wer heutzutage Macht erlangt und es vermag, die Gesellschaft anzutreiben, gehört darum nicht unbedingt zu den Klügsten und Tüchtigsten: Es sind vielmehr jene, die gut vernetzt sind oder noch am wenigsten träge. Jene, die vielleicht am besten für sich selbst arbeiten. Das ist nichts anderes als die «softe Variante» des modernen Chinas. Die staatliche Doktrin dort: Arbeiten, fleissig sein – den Rest dem Staat überlassen. Wollen wir das? Nein, deshalb steht in unseren Zeitungen immer öfter: In unserer Gesellschaft stimmt etwas nicht. Aber: die Gesellschaft, das sind Sie. Mit Ihnen stimmt also etwas nicht.

Der Blick auf die letzten Jahrhunderte lässt mich glauben, dass sich das bald erledigt. Diese Finanzkrise wird uns wachrütteln, ob wir wollen oder nicht, und uns dazu zwingen, uns zu bewegen und einige echte Neuerungen vorzunehmen. Sie wird uns zwingen, aus den tradierten Arbeitsschemata auszubrechen. Es wird nach dieser Krise keine vorgefertigten beruflichen Laufbahnen mehr geben, wir werden unsere Arbeitswelt und uns selbst neu erfinden müssen, statt nur den Zahlen und den Zahlenden hinterherzulaufen. Damit werden wir wieder näher am Leben sein, die Krise wird uns selbstbestimmter machen und uns damit wieder mehr mit unseren Mitmenschen verbinden. Und klar: diejenigen, die sich schon heute auf diese (R)evolution vorbereiten, werden morgen die besseren Karten haben.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»