Kombinieren, was ursprünglich nicht zusammengehört

Bilder und Collagen von Felix Weinold

Kombinieren, was ursprünglich nicht zusammengehört

«Das Gemeinte und das Nicht Gemeinte verhaken sich und ergeben etwas Neues – oder auch nicht.» Aus Felix Weinold spricht die Gelassenheit, wenn er über Aussage und Wirkung seiner Bilder nachdenkt. Nach seinem Verfahren gefragt, verwendet er eher Begriffe wie Auflösen statt Sezieren, spricht lieber vom Ausprobieren und nicht vom Analysieren. Er möchte Dinge, die nicht zusammen gehören, übereinander stapeln, verkuppeln, konfrontieren, so dass – mal sehen – etwas Drittes entsteht.

Wo findet er die Motive? Er fischt sie heraus aus dem, was ihm so in die Hände fällt: Folianten aus dem Mittelalter etwa, Werbeprosekte, japanische Holzschnitte, Comics oder Fotobände. Auch Postkarten oder alte Stiche mit Meergetier gehören zu seinem Fundus. Dieses Material wird ausgeschnitten und aufgeklebt, fotokopiert, digitalisiert und abgemalt, auf Holz oder Leinwand, mit Öl, Acryl, Tusche oder Tinte. Die verschiedenen Materialien gerinnen, verlaufen, verschmieren. Dann wird alles wieder übermalt, ausradiert, ergänzt; detailreich oder mit grosszügigem Pinselstrich. Und wenn ihm das Ergebnis nicht gefällt, dann kratzt und schleift er alles wieder ab. Zurück bleiben Palimpseste, die, betrachtet man sie nach der Schilderung dieses Entstehungsprozesses das erste Mal, eine überraschende Ruhe ausstrahlen – und sicher keine Beliebigkeit. Ohne Zweifel, es ist etwas Neues entstanden.

Einer seiner jüngsten Zyklen, «Fairy-tale», ist eine Interpretation der Bechsteinschen Märchen. Wer kennt sie nicht, die Biedermeier-Illustrationen von Ludwig Richter: Rotkäppchen etwa, das verschüchtert neben dem Himmelbett der Grossmutter steht und dem Wolf unter der Nachthaube in die Augen blickt? In den Bildern von Felix Weinold ist die narrative Ebene verlorengegangen, nur die ehemals nicht zentralen Elemente sind übriggeblieben. Es findet sich hier noch ein Fuss, dort ein Laken, dann ein Tischteil oder auch eine vierfünftel Gans, oft an Stellen, an denen man Angst hat, dass die Elemente gleich von der Bildfläche herunterrutschen. Das Märchen dazu muss der Betrachter sich jetzt selbst ausdenken (S.36 & 37).

Während eines Aufenthalts in Mexiko stiess Weinold auf Andachtsbildchen, Material für den Zyklus «Santos». Auch hier wird eine schon oft erzählte Geschichte zur Neuinterpretation freigegeben. Die Heiligen der spanischen Eroberer und katholischen Missionare verdrängen nicht mehr die mythischen Symbole und Bilder der Azteken. Dafür legen und schlängeln sich indianische Tiergottheiten auf und in die Andachtsbildchen, die dadurch ihre Geschlossenheit verlieren (S. 22).

Die Folge «Perro bueno, Perro malo» zeigt den Prototypen eines Bullterriers in der Profilansicht. Grosse, farbige Rechtecke, die hinter oder durchscheinend über das Motiv gelegt sind, fragmentieren die Bildfläche. Einmal geben Schmetterlinge und Schwäne einen lieblichen Kontext – Perro malo? – das andere mal Maulkörbe und Finger mit fehlenden Gliedern den gegenteiligen – Perro bueno? (S.16).

Weinold, 1960 in Augsburg geboren, lebt und arbeitet in seiner Heimatstadt. Warum er Künstler geworden ist und gerade diesen Stil entwickelt hat? Um die Bilderflut, die überfordert, zu etwas Eigenem zusammenzufassen, um die Bruchstücke, die er überall findet, zusammenzuführen. Und um seine Verwirrung zu reduzieren – und dadurch wieder neue zu stiften.

Der Künstler wird von der Galerie Storms in München vertreten (storms-galerie.de).

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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