Kleine Giganten
R. James Breiding, zvg.

Kleine Giganten

Während grosse Länder sich schwertun, politischen Konsens herzustellen, zählen kleine Länder wie Dänemark, Holland oder die Schweiz zu den weltweit erfolgreichsten Nationen. Das ist kein Zufall.

Der G7-Gipfel in Biarritz enthüllte das Ausmass der Wirren, in denen die Grossmächte derzeit gefangen sind: Angela Merkel tritt bald ab; die italienische Regierung wurde gerade aufgelöst; Boris Johnson ist der dritte britische Premier innerhalb von drei Jahren; Shinzō Abe und Emmanuel Macron haben das Vertrauen ihres Wahlvolkes verloren; Donald Trump sieht sich mit einem Amtsenthebungsverfahren konfrontiert. Ein grosser Teil der aktuellen Debatte um die Wirtschaftsleistung weltweit dreht sich weniger um Erfolg als um Scheitern. Etliche Bücher behandeln problematische Staaten, etwa «Warum Nationen scheitern», «Wie Demokratien sterben» oder «Warum der Liberalismus gescheitert ist». Das liegt teils an den Schwierigkeiten grosser, bevölkerungsreicher Nationen wie der USA, die zahlreiche Studien aller Art inspiriert haben. Angesichts überwiegend schlechter Nachrichten über grosse Nationen mag es manchen überraschen, dass einige kleine, wendige und leistungsstarke Länder über die Massen prosperieren. 2018 belegten sie 15 der 20 vorderen Ränge des Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen. Elf von ihnen sind heute, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, unter den 15 wirtschaftlich weitestentwickelten Ländern. Und sie besetzen 9 der 10 Spitzenplätze des jüngsten Global Competitiveness Rankings des IMD.

Woran liegt das? Während Jahrhunderten wurde die Stärke eines Landes an der Grösse seiner territorialen Reichweite, seiner militärischen Macht und an seinem Reichtum an Rohstoffen gemessen. Geringe Grösse hingegen wurde mit Schwäche assoziiert, mit begrenzter Handlungsmacht und prekärer Überlebensfähigkeit. Obwohl diese physischen Massstäbe im Hinblick auf das weltweite politische Gleichgewicht der Mächte noch immer bedeutsam sind, nimmt ihre Wichtigkeit aufgrund weltweit wachsender ökonomischer Unabhängigkeit allmählich ab. Diese Unabhängigkeit verdankt sich rasanten Fortschritten in der Telekommunikation, im Transport und im Internet. Søren Skou, der CEO von Maersk, erklärte mir, es mache in den meisten Fällen keinen Unterschied mehr, ob ein Unternehmen in Tianjin oder in San Francisco produziere, da die Kosten der Entfernung auf einen Bruchteil der Produktionskosten geschrumpft seien. Spotify, das schwedische Musikstreaming-Unternehmen, hat seinen ertragreichsten Markt – gemessen an der Pro-Kopf-Nutzung – in Chile. Und das, ohne dort auch nur einen einzigen Angestellten zu haben, geschweige denn ein Büro.

Es kommt nicht auf Grösse an

Um Herrschaft über die Schätze der Welt zu erlangen, braucht es nicht länger riesige Armeen und Seestreitkräfte; vielmehr müssen Handelskriege und das globale Rennen um Talente gewonnen werden. Und überraschend oft liegen hier kleinere, wendigere Länder vorn. Wenn sich der Wandel immer schneller vollzieht, hängt der Erfolg immer mehr von der Fähigkeit ab, sich aktiv neuen Situationen anzupassen (statt darauf zu warten, dass äussere Kräfte ihre Konsequenzen entfalten). Wie wir Informationen entdecken, verarbeiten und beurteilen, ist und bleibt ein radikaler Umbruch, der unter dem Strich Gesellschaften mit geringerem Trennungsgrad begünstigen dürfte. Auch wenn sie weltumspannend sind, fördern Social-Media-Plattformen nicht das Verständnis für unterschiedliche Perspektiven, sondern verarmen den Diskurs, indem sie unsere eigenen Überzeugungen bestätigen, anstatt sie zu hinterfragen.

In der Verschiebung von Mega- zu Ministaaten zeigt sich die strukturelle Veränderung des weltweiten Handels. Einst entsprangen Unternehmen lokalen Kontexten und entwickelten sich organisch innerhalb eines ausreichend grossen Binnenmarktes, bevor sie zu inter- oder gar multinationalen Konzernen heranwuchsen. Ihre Stärken liessen sich immer noch auf ihre Ursprünge in den Kraftzentren des Industriezeitalters wie Manchester, St. Louis oder Stuttgart zurückführen. Heute aber…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»