Kleine Crashs, grosse Crashs

«Skin in the Game» ist notwendig, aber nicht hinreichend, um Katastrophen zu vermeiden. Was folgt daraus? Zwei aussergewöhnliche Krisenforscher und ehemalige Arbeitskollegen sprechen über Ungleichheit, Umwegbereitschaft und Utopien.

Kleine Crashs, grosse Crashs
«Wer das Nichthandeln übt, […] der sieht das Grosse im Kleinen und das Viele im Wenigen.» Laotse: Daodejing, Kapitel 63. Bild: Laotse, Begründer des Taoismus / fotolia.

Nassim Nicholas Taleb: Mark, dein Buch ist der einzige Ort, wo Crashs als natürliche Gleichmacher verstanden werden. Im Kontext der heute tobenden Debatten zum Thema Ungleichheit: Glaubst du, dass Crashs der natürliche Mechanismus sind, um Gleichheit zu erzeugen – oder wenigstens die privilegierten Schichten zu schwächen?

Mark Spitznagel: Fragen wir uns doch mal rundheraus: Geht es uns tatsächlich um verwirklichte finanzielle Gleichheit? Wie wollen wir jemals wissen, was ein natürlicher oder akzeptabler Ungleichheitslevel ist, und warum kommt es überhaupt der Mehrheit zu, das zu bestimmen? Davon abgesehen kann man mit Sicherheit sagen, logisch und empirisch, dass Crashs von Vermögensmärkten Ungleichheit vermindern. Hierfür sind sie ein natürlicher Mechanismus und eine kathartische Reaktion auf Zinsmanipulationen durch die Zentralbanken, auf die daraus folgende Inflation der Vermögensmärkte sowie auf andere staatliche Bail-outs, die die Ungleichheit überhaupt erst derartig vergrössert haben. In diesem Sinne sind Crashs die homöostatischen Mechanismen des Kapitalismus. Sie korrigieren ein verzerrtes System. Unsere Situation ist geradezu lachhaft: Utopische Regierungsentscheidungen, die Ungleichheit vermindern sollen, sind eine Reaktion auf andere Regierungsentscheidungen – ein Purzelbaum der Marktverzerrung. Nachdem uns ein Auto überfahren hat, soll die beste Therapie sein, dass es uns im Rückwärtsgang ein zweites Mal überfährt.

Taleb: Wie ich sehe, unterscheidest du zwischen Gleichheit im Ergebnis und Gleichheit des Prozesses. Man könnte tatsächlich die Ansicht vertreten, dass das System Abwärtsmobilität gewährleisten sollte, die ja so viel wichtiger ist als Aufwärtsmobilität. In Frankreichs etatistischem System gibt es für die Elite keine Abwärtsmobilität. Unter natürlichen Bedingungen sind die Reichen weit fragiler als die Mittelklasse. Nur das System erhält sie.

Der Grund, warum ich das hier anspreche, hat mit deinem Buch zu tun, «The Dao of Capital», wo du das individuelle Risikoverhalten mit Erklärungen globaler Phänomene vermischst – oder besser: vereinst. Aber: Als Autor hasse ich es, wenn andere Leute meine Werke zusammenfassen – kannst du eine eigene Zusammenfassung versuchen?

Spitznagel: Um auf deinen ersten Punkt einzugehen: Ja, genau; tatsächlich liegt unter all den Datenmengen zum Thema Einkommensungleichheit umfassende Abwärtsmobilität verborgen, insofern als dass die meisten Leute im rechten Tail der Einkommensverteilung nicht sehr lange dort bleiben. Die Vergänglichkeit von Erfolg ist durch natürlichen, unternehmerischen Kapitalismus sichergestellt. Sie ist genau das, was an diesem funktioniert: die Elite entthronen, die Glückspilze und die Unwürdigen fortjagen. Ohne diese Dynamik würde der Kapitalismus nicht funktionieren. Er wäre nicht einmal Kapitalismus, sondern eine Art oligarchischer Planwirtschaft. Und doch konterkarieren moderne Regierungen diese Dynamik, wo sie können; vor allem, indem sie mit ihnen verbandelten Bankern und Spekulanten Garantien geben und Sicherheitsnetze aufspannen. Ironischerweise waren die Leute, die heute lauthals eine globale Vermögenssteuer zur Eindämmung von Ungleichheit fordern, exakt dieselben, die 2008 gesagt haben, Typen wie wir hätten eine Schraube locker, weil wir gegen die Bail-outs waren!

Dass wir die Implikationen dessen so einfach ignorieren, führt zum Hauptargument meines Buches: Mit Bastiat gesagt, streben wir nach einem kleinen Nutzen in der Gegenwart, auf den ein grosses Übel folgt – statt nach einem künftigen grossen Nutzen, für den wir ein kleines Übel in der Gegenwart in Kauf nehmen.

Letzteres könnte man Umwegbereitschaft nennen. Sie ist der Schlüssel zur strategischen Entscheidungsfindung, speziell beim Investieren. Dabei geht es darum, sich der eigenen Intuition zuwider rechts zu halten, wenn man eigentlich nach links will. Oder: Jetzt kleine Verluste in Kauf zu nehmen – und sich freiwillig zum Affen zu machen –, um später einen strategischen Vorteil zu geniessen.

Im Taoismus heisst das «wei wuwei» oder «shi». In den Wirtschaftswissenschaften ist es Robinson Crusoe, der lieber in der Gegenwart hungert, indem er seine Zeit nicht dafür nutzt, Fische mit den Händen zu fangen, sondern dafür, ein Boot und ein Netz herzustellen – um damit später…