Klaus Merz 2/2 Vorabdruck

aus dem Gedichtband «Aus dem Staub»*

Klaus Merz 2/2 Vorabdruck

Hommage an H.

Oh wildes Entzücken, als

Herbert die dunkle Françoise

sie erschien uns unerreichbar

auf ihren hohen Absätzen

über die Werkstattschwelle bis

zu den Motorrädern trug und sie

auf der roten Gilera

plazierte.

Auf Anhieb perfekt.

Herbert trat an die Esse

weckte Vaters vergessene Glut.

Er schmiedete den Fuss, dann

den zarten Hals einer Leuchte

für seine Françoise. Ihr Lippen-

ihr Nagelrot waren ein Gilerarot.

Sie blieb auf dem Motorrad sitzen

bis wir sie alle gesehen hatten.

Erbèr, rief sie Herbert zu.

Herbert glühte, die Hand

schon am nächsten Eisen

an der Bettstatt aus Stahl.

Kennst du die Kamelien?

fragte er, er fragte es in

mein kleines Ohr hinein

seine Barthaare piekten:

Brich mir eine Blüte für

meine Françoise und trag

uns das Licht auf den Dach-

boden hinauf! – Ein Jahr später

teilte Herbert das Wochenbett

mit einer ganz anderen Frau

sie hatte gütige Augen: Ja

ich wollte werden wie er.

Grosse Nacht

Alles ist da: das Meer

die Skyline, dein Herz-

schlag am Ohr. Und

in Karakorum, hört man

setze Dschingis Khan

seine Reiterheere wieder

in Trab: Bringt mir Bilder

vom Mars, befiehlt er

den Scharen, zieh los

Ögedei!

Ostern

Ein Kuckuck ruft

Amseln singen in Birkenau.

Der alte Hüter der Synagoge

von Kazimierz, er streicht mir

im Dunkeln den Mantel-

kragen flach, väterlich.

Hart am Wind

Kein Golf gespielt und kein

Billard, keinen Hund dressiert.

Nie ein schweres Motorrad gelenkt

oder gesegelt hart am Wind.

Und manchmal verliess

mich die Kühnheit

auf einem Wort zu bestehen

wie Wolke und Wald.

Doch immer öfter sehe

ich meinen Nächsten

bis auf ihre Kinder-

gesichter hinein.

Trauerarbeit

Tag für Tag kniet

die Witwe in den Rabatten

sie stellt den Engerlingen nach.

Sonntags setzt sie

zur Feier des Tages

eine Porzellanente ins Gras.

Werkgespräche Klaus Merz

Indianersommer

Auf meinen Sommerhut schlagen

die Eicheln. Ein Jäger baumelt

im Baum. Stoisch trommelt

der Specht seine Insekten herbei.

Grenznah

Habsburggelb, braun, rosa, blau

die Fahrt führt an kleinen Häusern

vorbei, die sich nach innen öffnen.

Dahinter Weingärten, wilder Wald

die Wasseradern leuchten.

Und weiter, weiter bis Kanada, Ceska

Canada. Endlosigkeit tut sich auf und

eine Stille voller Vogelgesang. Stein-

heilige stehen vereinzelt am Weg

mausgraue Verkörperungen

unserer kleinen Verlegenheit vor so viel

Himmel und Gras. Nur durch die alten

Bunkerlöcher pfeift manchmal ein

scharfer Wind. Als würden dort

Hunde befehligt.

Ernstfall

Ferne Alarme sind in der Luft.

Vom Wegrand legen Schiffe ab.

Und die Riesen im Efeumantel

säumen wieder den Horizont.

Befehlsgewalt

Die Wunderschuhe anziehen!

befahl Grossmutter, setzte sich

aufs Kanapee, begann zu erzählen:

Und schon waren wir über alle Berge.

Boskop

Aus der Wiese ragt, borkig

Neptuns Dreizack. Im Herbst

trägt er uns vom Meeresgrund

seine Früchte herauf.

Hart am Wind

Kein Golf gespielt und kein

Billard, keinen Hund dressiert.

Nie ein schweres Motorrad gelenkt

oder gesegelt hart am Wind.

Und manchmal verliess

mich die Kühnheit

auf einem Wort zu bestehen

wie Wolke und Wald.

Doch immer öfter sehe

ich meinen Nächsten

bis auf ihre Kinder-

gesichter hinein.

Ausser Rufweite

Gegen Mitternacht fährt

jodelnd ein Mopedfahrer

an meinem Fenster vorbei.

Mit offenem Visier, als zöge

er in einen fröhlichen Krieg.

Wieso nur erschreckt mich

wenig später der Laut

meines brennenden

Zigarettenpapiers?

Himmelfahrt

Der Weg führt die alte

Prozessionsroute entlang

die Kühe grasen, hornlos

und still. Da hebt die Braune

den Kopf, die Glocken läuten.

Wandlung! Ein Türkenpaar

tritt aus dem Tann: «Hoi!»

grüsst der Mann, seine Frau

senkt den Blick. (Um diese Zeit

ziehen sie in Beromünster

den Heiland in den Dachboden

hinauf.) Es raucht hinterm Wald

in Baseballmütze und Schürze

hütet der Sonntagskoch seine

Würste, niest: «Helf dir Gott!»

ruft…

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