Klarheit in der Krise

Was wir vom «Raben von Zürich» lernen können.

Klarheit in der Krise
Tobias Straumann, zvg.

Im Januar 1930 herrschte in der niederländischen Hauptstadt Den Haag wieder einmal der Ausnahmezustand. Zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres versammelten sich mehr als ein Dutzend Regierungsdelegationen, um eine Lösung für das schwierige Erbe des Weltkriegs zu finden. Die Verhandlungen fanden wie im vergangenen August im «Binnenhof» statt, dem alten, malerischen Sitz des niederländischen Parlaments. Aus den Verhandlungsräumen konnte man den Enten und Schwänen zuschauen, wie sie auf dem Parkweiher ihre Kreise drehten. Die Atmosphäre hätte nicht friedlicher sein können.

Die Erwartungen waren hoch, aber wurden nicht enttäuscht. Es gelang den Diplomaten und Politikern, in allen Fragen eine Einigung zu erzielen. Der «Economist» sprach von einem «Success in The Hague» und sah bessere Zeiten anbrechen: «… the past, like a shoddy company whose accounts are in disorder, has at last been liquidated.»

Die Journalisten waren besonders erfreut darüber, dass das Problem der deutschen Reparationen – das grösste Problem der Nachkriegszeit – endlich definitiv geregelt werden konnte. Dies gelang dank einer Senkung der jährlichen Zahlungen und einer vorzeitigen Räumung des Rheinlandes durch die französischen Truppen. Ursprünglich war dieser Schritt erst für 1935 vorgesehen gewesen. Der Young-Plan, wie das neue Reparationsabkommen genannt wurde, sorgte dafür, dass die Trikolore nun bereits Ende Juni 1930 aus Deutschland verschwand. Ferner übertrug man die Verwaltung der Reparationszahlungen einer neu gegründeten Institution: der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Zuvor hatte eine alliierte Reparationskommission die deutschen Finanzen genauestens überwacht. Dank dem Haager Abkommen war Deutschland militärisch und finanzpolitisch wieder souverän.

 

Gruss von den Todgeweihten

Die Begeisterung über die Einigung in Den Haag wurde freilich nicht von allen geteilt. Der Wiener Ökonom Felix Somary, seit 1919 Partner der Zürcher Privatbank Blankart & Cie., war besonders skeptisch. Er glaubte, der Young-Plan sei nur ein neues Provisorium, das beim geringsten Anlass wieder neu verhandelt werden müsse. Sein Kommentar, als er erstmals vom neuen Zahlungsschema hörte: «Ave, Caesar, moratoria te salutant» – die Todgeweihten grüssen dich! Die Schaffung der BIZ hielt er für reine Symbolpolitik, wie er später in seinen Memoiren schrieb: «Es war ein merkwürdiger Zug unserer Generation: wo eine Idee nötig war, um einen Notstand zu beseitigen, schuf man eine Organisation; diese brachte aber nicht Abhilfe, erhöhte vielmehr nur die Ratlosigkeit, leistete nicht das, was sie sollte, kreierte eine wachsende Bürokratie, die aber zum Selbstzweck wurde und noch fortexistierte, wenn schon alle Welt vergessen hatte, wann und warum eigentlich diese Organisation begründet worden war.»

Felix «der Rabe von Zürich» Somary hatte recht. Es dauerte nicht einmal 18 Monate, bis der Young-Plan über Bord geworfen wurde. Anfang Juni 1931 erklärte die deutsche Regierung, angesichts der schweren Rezession würden die Reparationslasten allmählich untragbar. Diese Aussage wiederum löste eine Währungskrise aus, denn die Anleger mussten nun eine baldige Zahlungsunfähigkeit Deutschlands befürchten. Um die Krise zu bremsen, erklärte US-Präsident Hoover daraufhin ein einjähriges Moratorium für alle kriegsbedingten Schulden. Die Initiative aus Washington kam zu spät. Im Juli 1931 brach das deutsche Bankensystem zusammen, die Regierung führte Kapitalverkehrskontrollen ein, und ein Teil der ausländischen Gelder wurden eingefroren. Im Sommer 1932 wurden schliesslich alle Kriegsschulden gestrichen. Das Haager Abkommen war das Papier nicht mehr wert, auf dem es unterzeichnet worden war. Die BIZ hatte keine Aufgabe mehr (und existiert heute immer noch).

Ganz offensichtlich handelte es sich beim Young-Plan um eine politische Schönwetterkonstruktion, die unter dem Druck der Wirtschaftskrise schnell zusammenbrach. In gewisser Weise verschärfte er sogar die Krise, denn er verpflichtete Deutschland dazu, einen strammen Sparkurs einzuschlagen, um die Reparationen bezahlen zu können. Die Senkung der Löhne und Staatsausgaben beschleunigte zudem die Destabilisierung der ohnehin schon schwachen Weimarer Republik. Bei den Septemberwahlen 1930 gewann die NSDAP aus dem Stand 18…