Klare Spielregeln

Was ist das Antidot zum heutigen Kapitalismus? Der Sozialismus hat abgewirtschaftet, auch wenn neuerdings einige marxistische Wiedergänger-Intellektuelle dies modisch leugnen. Ist das Antidot zum Kapitalismus also vielleicht doch – der gute alte Kapitalismus? Er ist jedenfalls gemeinwohlverträglich – wenn man ihn lässt.

Klare Spielregeln
Aristoteles empfahl, bei Zweifeln über die genaue Bedeutung eines wichtigen Wortes es mit einem Wort möglichst gegenteiliger Bedeutung zu konfrontieren. Danach braucht man beim Kapitalismus nicht lange zu suchen. Es drängt sich auf: «Sozialismus» nämlich und näherhin der real existent gewesene Sozialismus marxistisch-leninistischer Prägung, der den Kapitalismus weltrevolutionär besiegen und sich am Ende der Vorgeschichte der Menschheit als «Kommunismus» verewigen wollte – als das System der endlich erreichten und gewährleisteten Identität individueller und kollektiver Interessen (was, nebenbei bemerkt, nichts anderes ist als der urkapitalistische Traum vom freien Markt, der diese Interessen zum Ausgleich bringt).
Über acht Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts hinweg hat diese politische Idee, den Kapitalismus zu überwinden, tatsächlich Weltgeschichte gemacht, und noch immer gibt es intellektuelle Nostalgiker selbst unter heutigen Sozialdemokraten, die ihr nachtrauern, ja auf ihre triumphale Auferstehung hoffen – wenn nun auch unter dem neu-alten Titel des demokratischen Sozialismus. Um sich von der Vergeblichkeit dieser Hoffnung zu überzeugen, ist es nicht einmal nötig, sich mit den Gründen zu beschäftigen, die schon zu Zeiten ephemerer Scheinblüte des Bolschewismus von wunschdenkenfreien Analytikern wie Talcott Parsons oder Martin Kriele wider die Zukunftsfähigkeit des radikal antikapitalistischen Sozialismus vorgetragen worden sind. Es genügt, sich von Nordkorea bis nach Kuba mit der realen Gegenwart seiner Relikte zu beschäftigen oder komplementär dazu mit den Wirtschaftserfolgen des konzedierten Kapitalismus der sozialistischen Einheitspartei Chinas.


Die Suche nach dem Antidot

Was wäre somit, nachdem der sozialistische Antikapitalismus abgewirtschaftet hat, als Gegenstück zum Kapitalismus verblieben, das wir zur Schärfung der Konturen seines Begriffs nutzen könnten? Was wäre zum Kapitalismus das historisch-politisch verbliebene Antidot? Einer zweckmässigen Beantwortung dieser Frage kommt man näher in der Beschäftigung mit den Gründen, die den Zusammenbruch des antikapitalistischen Sozialismus keineswegs zu einem unbestreitbaren Triumph des Kapitalismus haben werden lassen – nicht, weil der gescheiterte Sozialismus in einem höheren oder tieferen Sinne doch recht gehabt hätte, vielmehr kraft fortdauernder Weigerung, die unentbehrlichen Funktionen des Kapitalismus in einem auch sozialstaatlich dauerhaft leistungsfähigen Wirtschaftssystem einzusehen und anzuerkennen. Von diesen unentbehrlichen Funktionen lässt sich heute freilich illusionsfrei nur reden, wenn man die selbstschädigungsträchtigen Umstände, ja Skandale mitbenennt, die Medienkonsumenten inzwischen immer wieder einmal an der Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus zweifeln lassen – von der Verzweiflung zahlloser Kleinanleger, die zum Zweck der Sicherung einer finanziell gehobeneren Altersverbringung ihr Sparkapital inkompetenten Vermögensverwaltungen anvertraut hatten, bis zur hoffnungslosen Privatverschuldung ehemaliger Hauseigentümer, die zu Opfern offerierter und vermeintlich tragfähiger hypothekarischer Vollfinanzierung ihrer kleinen Liegenschaft geworden waren, und von den verblüffenden Dimensionen des Grossbetrugs mittels verheissungsvoller, tatsächlich aber kettenfinanzierter Gewinne auf anvertraute Barmittel bis hin zu den ansehensdestruierenden massenme-dialen Berichten über historisch singuläre Einkommenssteigerungen für Banker oder über Boni für Bankergehilfen bei Absatzerfolgen mit sogenannten «Produkten», deren Sicherheitshintergrund ihnen selbst gänzlich unerkennbar geworden war.

Das Bankgewerbe, gewiss, war immer schon in der Verlässlichkeit seiner Leistungen ungleich mehr noch als andere Gewerbe auf Vertrauen angewiesen. Die Geltung, die es gewann und deren es auch im geschäftlichen Sinne bedurfte, entsprach dem Ausmass dieses benötigten und in guten Zeiten tatsächlich bewährten Vertrauens. Jetzt ist grossräumig dieses Vertrauen in die Solidität der Institutionen und Personen beschädigt, die anvertrautes Kapital zu verwahren und zu mehren gehabt haben – gewiss nicht zum ersten Mal in der Geschichte des Kapitalismus.


Knappheitserfahrungsbefreites Verhalten

Kurz: der Kapitalismus, insbesondere in seiner finanzkapitalistischen Ausprägung, hat eine schlechte Presse. Gleichwohl ist es nicht schwer zu erklären, wieso davon der sozialistische Antikapitalismus – mit Ausnahme einiger weniger marxistischer Wiedergänger-Intellektueller und Bewegungen wie Attac und Occupy Wallstreet – so gut wie gar nicht zu profitieren vermag. Das beruht auf dem gleichfalls jedem Medienkonsumenten vertrauten Faktum, dass schadensstiftender Umgang mit Kapital heute längst nicht mehr allein Sache von Kapitalisten und von Repräsentanten…

Prinzip Haftung

Es ist nicht der Markt, der die grosse Krise verursacht hat. Wir leben auch nicht wirklich in einer Markt-wirtschaft. Schön wärʼs! Die modische Kapitalismuskritik zielt am eigentlichen Problem vorbei. Es ist gerade umgekehrt: Wem am Gemeinwohl gelegen ist, braucht die offene Gesellschaft. Eine Richtigstellung.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»