Kinder aus dem Eis?

Carl Djerassi hat wohl mehr für die Emanzipation der Frau getan als alle anderen Forscher des 20. Jahrhunderts. Der Erfinder der «Pille» interessiert sich heute weniger für die Verhütung der Vergangenheit denn für den unbeschwerten Sex der Zukunft. Besuch bei einem Visionär, der auch noch Schriftsteller und Kunstmäzen ist.

Kinder aus dem Eis?
Carl Djerassi, photographiert von Karen Ostertag.

Es ist ein leicht windiger Septembermorgen in San Francisco. Vom 15. Stock des Art-Deco-Hauses im Stadtteil «Russian Hill» hat man durch eine endlose Fensterfront Aussicht auf die noch nebelverhangene Bay, die Golden Gate Bridge und die ehemalige Gefängnisinsel Alcatraz. Die roten Sitzmöbel haben wir umständlich in Richtung Diktiergerät zurechtgeschoben und beginnen das Gespräch mit dem Thema, von dem Carl Djerassi inzwischen die Nase voll hat: der Pille. Der Verhütungspille, genauer: dem von ihm synthetisierten Steroid, das er mit 28 Jahren in einem Labor in Mexiko erfand. «Als ich die Pille 1951 erfand, war sie eine wesentliche Erfindung. Gemessen an heutigen Standards ist die damalige Wissenschaft trivial. Ganz anders die sozialen Implikationen und Konsequenzen der Pille, die bis heute fortbestehen. Denn, ja natürlich», Djerassi beugt sich leicht vor und stellt leicht zitternd, aber nachdrücklich sein Glas Milch zurück auf den Tisch, lässt sich dann wieder in den Lehnstuhl sinken, «ist sie in dieser Hinsicht eine der wichtigsten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts.»

Seit ihrer Einführung 1960 hat die Pille das Verhältnis der Geschlechter grundlegend verändert. Frauen können, was Schwangerschaften angeht, über ihren eigenen Körper verfügen, sind aber im Hinblick auf den Sex für den Mann verfügbarer geworden. Doch trotz der weitreichenden Konsequenz seiner Erfindung mag Djerassi nicht zurückblicken. Meine Frage, ob es ihn störe, dass die Öffentlichkeit sein Leben und Werk einzig auf seine Erfindung der Pille reduziere, bejaht er mit einem lauten «Absolut!» und einem resoluten Rückenstraffen. Seine Prioritäten hätten sich verschoben, er verstehe sich heute weniger als Wissenschafter, sondern vielmehr als Schriftsteller und führe ein ganz anderes Leben. Auch Gesellschaft und Wissenschaft haben sich weiter verändert, so dass Djerassi die «ewige Frage nach der Pille» dumm und langweilig findet. Anstatt über die Geschichte des Verhütungsmittels zu reden, solle mehr über seine Zukunft nachgedacht werden, findet er. Eine Pille für den Mann, so Djerassi, wird es darin nicht geben. «Nicht etwa, weil die Wissenschaft diese nicht herstellen könnte, denn die Herstellungsweise ist bereits bekannt», erklärt er. Stattdessen mangle es am Interesse der grossen Pharmakonzerne. Es sei eine zu lange, sehr teure Forschung nötig, um die Frage nach etwaigen Zusammenhängen zwischen Erektionsstörungen oder Prostatabeschwerden und einem jahrzehntelangen Pillengebrauch zu beantworten.

Vielmehr würden Sex und Fortpflanzung zunehmend getrennt voneinander stattfinden, glaubt der zerbrechlich wirkende Herr, der mir, einen Fuss auf einen roten Schemel gelegt und einen Stapel Bücher auf dem Schoss, gegenübersitzt. «Vor allem in den Gesellschaften, die ich als ‹geriatrisch› bezeichne», fährt Djerassi fort, «etwa Europa und Japan – mit 20 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre und ca. 1,5 Kindern pro Familie. Hier wurde die alte Trias ‹Kirche, Kinder, Küche› zu ‹Karriere, Kind, Kochen›. Was das bedeutet? Nun, in diesen Gesellschaften ist das Durchschnittsalter für Schwangerschaften bei 30 Jahren angelangt, für Frauen mit akademischem Bildungsweg sind es schon 35 Jahre. Diese fünf Jahre machen einen enormen biologischen Unterschied, denn mit 35 Jahren sind bereits 95 Prozent der Eier verbraucht und der Rest altert rapide. Für diese zweite Gruppe Frauen tut sich nun eine weitere Option auf: In den letzten drei Jahrzehnten hat die Zahl der In-vitro-Fertilisationen (IVF) stark zugenommen, gleichzeitig hat sich in den letzten fünf Jahren herausgestellt, dass das Einfrieren und erfolgreiche Auftauen von Eiern tatsächlich funktioniert. Nun ergibt sich für Frauen die realistische Möglichkeit, den Karrierestart der Schwangerschaft vorzulagern, ohne sich vor dem Ticken der biologischen Uhr ängstigen zu müssen.» Je erfolgreicher die Konservierung von Eiern bei anschliessender IVF werde, so Djerassi, desto mehr Frauen würden sich bereits in jungem Alter für eine Sterilisation entscheiden.

«Wenn ich heute eine junge, gebildete Frau wie Sie wäre und ein Kind – mit einem Mann oder einer Frau – haben wollte, würde ich zwei oder drei meiner Eier einfrieren und mich anschliessend sterilisieren lassen. So könnte ich mir das Geld und die Sorge um die Verhütung sparen, Spass am Sex haben und obendrein noch Karriere machen. Ich selbst habe mich auch sterilisieren lassen, allerdings erst später, und unmittelbar danach – trotz Warnung des Doktors, ein paar Wochen zu warten – den besten Sex meines Lebens gehabt.» Djerassi lacht unbeschwert, lehnt sich zurück. Obwohl es natürlich absurd sei, anzunehmen, dass bald jede junge Frau sich sterilisieren und ihre Eier einfrieren lasse, könne man davon ausgehen, dass die neusten Entwicklungen durchaus einen Einfluss auf die Abtreibungsraten haben würden.

Die grosse Wohnung, die uns umgibt, während wir uns unterhalten, hat das Flair eines selten besuchten und daher schon leicht eingestaubten Museums. Kurz nach dem Tod seiner Frau im Jahre 2007 zog Djerassi nach Wien; zuvor lebten beide zusammen zehn Jahre in London. Hier in San Francisco ist der Forscher seit seiner Emeritierung im Jahre 2002 nur noch selten. Es fällt schwer, mir vorzustellen, dass die mit Bildern, Statuen und Wandmasken vollgestellten Räume oder der nur mit einem einzigen Platzdeckchen gedeckte Tisch, neben dem wir unsere Unterhaltung führen, einmal einem normalen Alltag gedient haben.

Sicher und unabhängig von der Zeit sei die Lust, sagt er dann. «Die Neugierde am Sex versiegt nie», fügt er hinzu, als wir uns über Verhütung, das Kondom und illegale Abtreibungen in katholischen Ländern unterhalten. In Italien sei nicht die Pille, dafür aber natürliche Formen der Verhütung beliebt: «Coitus interruptus, Masturbation, Analsex, oraler Sex … bei Sex», variiert der Wissenschafter, «geht es um Liebe, Lust, Genuss, Neugierde. Und die Zukunft für ein unbeschwerteres Entdecken dieser Dinge sieht heute besser aus denn je.»

Dass Djerassis Neugierde weit über Sex und Verhütung hinausreicht, zeigt sich Besuchern, noch bevor sie den Pillenvater überhaupt zu Gesicht bekommen. Als ich einige Minuten zuvor aus dem privaten Aufzug trat, der mich in die Höhe bis vor Djerassis Wohnung brachte, fand ich mich in einem aquariumartigen, winzigen Foyer wieder, die kobaltblauen Wände mit einer Goldschrift chemischer Symbole und Zitaten aus dem Werk Paul Klees verziert. Sie liessen mich beim Schellen der Türglocke meditativ einatmen. Das sei auch durchaus gewollt, erklärt Djerassi, der eine der grössten privaten Sammlungen Paul Klees besitzt. Er bezeichnet die Beziehung zwischen einem Sammler und seinem Künstler als «Liebesgeschichte» stummer Konversationen. Der Grund dieser speziellen Liebe, so Djerassi, sei die ausserordentliche stilistische Spannbreite des surrealistisch-orientalistischen Klee, die sich von filigranen schwarz-weissen Grotesken über ein realistisch getuschtes Gesicht von Josephine Baker bis zu kubistisch anmutenden Terrassengemälden mit Terrakottavasen erstreckt. Manche der Malereien Klees spielen auf Musikstücke an, sind zumindest mit Noten bemalt. Dieselbe Vielfalt visueller Verweisstrukturen findet sich bei Djerassi, der sich selbst als «beruflichen Polygamisten» bezeichnet: er ist nicht nur Chemiker, Autor, Thea­terschriftsteller, sondern auch Kunstsammler und Mäzen, dazu stets auf der Suche nach der eigenen jüdischen Identität – Faktoren, die sein ganzes Schaffen durchziehen.

In seinem literarischen Werk befasst sich Djerassi mit der, wie er es nennt, Science-in-Fiction. Ein Genre fiktionaler Texte, in denen der Autor wichtige wissenschaftliche Informationen einbaut und diese mit Beziehungsfragen und Sexualität verbindet. So geht es in dem Roman «Bourbaki Gambit» (1994) um die Geltungssucht des Wissenschafters; Erektionsstörungen in «No» (2000) offenbaren dem Laien die dem Potenzmittel Viagra zugrunde liegende Forschung; in dem Stück «Immaculate Misconception» (2000) geht es um eine ménage à trois, heimliches Pillenvergessen, IVF und die Ineffizienz von Männern im Fortpflanzungsprozess.

Nicht nur hat Djerassi inzwischen seine dritte und letzte Autobiographie geschrieben – der 2013 erschienene «Schattensammler» befasst sich als «letztes Wort» des inzwischen 91jährigen auch mit den dunkleren Seiten des Lebens, mit Enttäuschungen, Krankheiten und Verlusten. Sein literarisches Werk ist mit versprenkelten autobiographischen Körnern durchtränkt, in denen Stolz auf Erreichtes, Erobertes oder Gekauftes mitschwingt. In «A Rhino Swallowed My Rolex» (2000) zum Beispiel vermengt der Autor erotische Phantasien über die amerikanische Mezzosopranistin Tatjana Troyanos mit dem bestürzenden Verlust einer auch im wirklichen Leben erstandenen Rolex. Djerassi kommentiert ausserdem das Werk Klees in Museumskatalogen und setzt sich in seinem gross angelegten Werk «Vier Juden auf dem Parnass» (2008) mit der eigenen Identität auseinander. «Ich selber habe mein Jüdischsein zwar nicht wie
Adorno verneint, aber lange versteckt.»

Im Wien seiner Kindheit, bis zur Flucht vor den Nazis 1938, waren Djerassi und seine Familie «Weihnachtsbaum-Juden»: «Wir feierten kein Hanukkah, stellten aber einen Weihnachtsbaum auf, ganz ohne Christus.» Ob er sich an die Flucht vor den Nazis erinnere, frage ich. Ja, das tue er. Und zwar, als sei es gestern gewesen. Weiter über die Flucht reden möchte er aber nicht. Später, mit vierzehn Jahren, als er, der traumatisierte Teenager und jüdische Flüchtling, über Bulgarien in die USA kam, vermutete Djerassi lange Antisemitismus an Orten, an denen er kaum existierte, oder erlebte dessen amerikanisch-akademische Ausprägung. Gemeint ist etwa der damalige Numerus clausus an der Columbia University in New York, für Djerassi die «jüdischste aller Städte», der besagte, dass nur 10 Prozent aller Studenten jüdischer Herkunft sein durften. Oder Harvards Literaturprogramm, das bis 1938 keine jüdischen Professoren aufnahm, «weil man dachte, Juden gehörten nicht zur englischen Kultur und könnten deshalb auch keine englische Literatur interpretieren», empört sich der Forscher mit leicht erhobener Stimme. 1959 wurde er in Stanford der erste jüdische Chemieprofessor. «Ich bin also nie mit meinem Jüdischsein hausieren gegangen; für viele klang mein Nachname ‹Djerassi› arabisch.»

Sein Heimatland hat «die Shoa zerstört, eine persönliche Heimat gibt es nicht mehr», sagt Djerassi mit Nachdruck. «Heimat heisst für mich: eine persönliche Beziehung zu Menschen haben, Menschen, die einen akzeptieren, nicht die Gebundenheit an einen Ort.» Auf die Frage, warum es ihn wieder nach Österreich gezogen habe, erläutert er, dass für ihn, als er 2008 nach dem Tod seiner Frau Diane und enttäuscht von Londoner Freundschaften umzog, auch Berlin eine Alternative gewesen wäre. «Auch wenn ich fünfzig Jahre meines Lebens kein Deutsch gesprochen habe, wollte ich doch in einem Land leben, dessen Sprache ich mächtig war», erzählt er auf Englisch, aber in weichem Wiener Singsang. «Ich lebe heute mehr in Wien als in London oder San Francisco, ich habe dort mehr Freunde, und die medizinische Versorgung ist in Österreich auch besser als zum Beispiel hier in Amerika, sogar besser als in Stanford.» Wien sei vor allem auch eine «gustatorische Heimat». Das Essen hätten ihm nicht einmal die Nazis madig machen können, witzelt er. In Wien lässt er heute die jahrzehntelange «kalifornisch-kalorienphobische» Diät und Knödelabstinenz sausen, um alte neue Lieblingsgerichte wie Leberknödelsuppe, Salzburger Nockerln, Kaiserschmarren oder Mohnnudeln en masse vertilgen zu können.

Österreich selbst habe sich ihm sehr spät zugewandt. Preise, Auszeichnungen und Einladungen habe er lange aus aller Welt erhalten – bloss nicht aus Österreich und Deutschland. «Vor allem das mit Österreich ging mir nahe», erinnert sich Djerassi. Noch Jahrzehnte nach dem Ende des Kriegs sei der Wiener Antisemitismus an Universitäten virulent gewesen; viele Professoren erinnerten sich bestens daran, wie ihre jüdischen Kollegen einst rausgeworfen wurden. «Die erste Einladung nach Österreich sprach dann auch nicht die Wiener Universität aus – meine Eltern haben dort promoviert, ich bin im Universitätskrankenhaus zur Welt gekommen und hätte wahrscheinlich in Wien studiert, um Arzt zu werden, hätten die Nazis uns nicht vertrieben –, sondern ein an meinen Büchern interessierter Zirkel von Literaten.» Vor drei Jahren hätte es dann plötzlich eine Flut akademischer Auszeichnungen aus Wien, Graz und Innsbruck gegeben; 2005 schon stellte die Österreichische Post eine Briefmarke mit Djerassis Gesicht darauf aus. «Als ich 2012 dann von der medizinischen Fakultät der Uni Wien die Ehrendoktorwürde erhielt, zitierte ich in meiner Rede eine Stelle aus Schillers ‹Wallenstein›, an die ich mich aus Schulzeiten in Wien erinnerte: ‹Spät kommt ihr, doch ihr kommt. Der weite Weg, Graf Isolan, entschuldigt euer Säumen.› – Alle verstanden, was ich mitzuteilen versuchte.» Djerassi schmunzelt.

Scherzend bezeichnet sich Djerassi heute auch als «Sugar Daddy» der Künste. Er vermachte seinen Paul-Klee-Bestand zu gleichen Teilen Museen in San Francisco und Wien, schenkte der British Library einst erworbene Skulpturen des amerikanischen Künstlers George Rickey und gründete 1982 schliesslich das «Djerassi Residents Artists Program». Es ist an ein kleines Stipendium gekoppelt und ermöglicht Künstlern – Bildhauern, Malern, Schriftstellern und Komponisten –, in der weiten Stille der Santa Cruz Mountains neue Kunst zu schaffen. Um die von Djerassi dort installierte Kunstkolonie zu finanzieren, musste der Mäzen seine Kunstsammlung und einen Grossteil seiner Immobilien verkaufen. Die «SMIP-Ranch», das ehemalige Wohnhaus der Familie, stellte er ihr auch zur Verfügung. Hier lebte Djerassi mit seiner zweiten Frau, seinem Sohn Dale und seiner Tochter Pamela. Die Familie hatte eine kleine Rinderzucht. Und Neil Young zum Nachbarn.

Besucher können sich die Ranch jeden Sonntag im Rahmen einer Führung und dreistündigen Wanderung durch den Skulpturenpark ansehen. Angezogen werden manche von dem mythischen Ruf Djerassis als Vater der Pille, andere kennen ihn aus Stanforder Zeiten, wieder andere sind einfach kunstbegeistert. Ein kleines Schild empfängt mich an einem Juli-Sonntagmorgen am Strassenrand im feuchten Schatten kalifornischer Eichen. Mein letztes Treffen mit Djerassi in Stanford liegt etwa fünf Jahre zurück, dieses Interview steht mir noch bevor, die Erinnerung an den Forscher ist etwas verblasst. Auf der langen, nur vom Wind begleiteten Anfahrt über eine gewundene Strasse ins Tal der Ranch denke ich vor allem an Djerassi, den Vater.

«SMIP»: «Sic manebimus in pace.» Die Ranch und ihre 4,8 Quadratkilometer sanftes Hügelland sind nicht bloss Künstlerkolonie, sondern auch Gedenkstätte. Im Jahre 2008 verstreute Djerassi hier die Asche Dianes und dreissig Jahre zuvor, 1978, die seiner Tochter Pamela, die sich in den Hügeln das Leben genommen hatte. Entgegen mancher Kritik handle es sich also bei SMIP nicht um die Befriedigung seines narzisstisch-philanthropischen Gestus, sondern um eine aus der Trauer erwachsene Initiative in Erinnerung an seine Tochter, die ebenfalls Künstlerin war. Das Interieur ist in schlichtem Industriechic gehalten, darin von Künstlern eingesprengselt zurückgelassene Kunstwerke: gerahmte Zeichnungen an den Wänden, kleine Statuen in Erkern, bunt bemalte Holzscheiben im Bücherregal der kleinen Bibliothek. Die aus aller Welt stammenden Künstler nehmen die Mahlzeiten zusammen an einem schlichten, robusten Holztisch ein, vor einer grossen Fensterfront mit Blick auf die endlos scheinende Landschaft. Der Koch kocht an 365 Tagen nicht ein einziges Mal dasselbe, und die Künstler können gar ihre Hunde oder Katzen mit in die Kolonie bringen. In den 90 Tagen, die ihr Aufenthalt dauert, verstricken sich manche in Liebesgeschichten, schliessen Freundschaften oder leben isoliert, betrinken sich, so witzelt einer, auch gelegentlich.

Im ganzen Gebiet der Kolonie finden sich «zersetzbare» Kunstwerke. Die Künstler sollen Skulpturen oder andere Installationen schaffen – und sie so in ihre Umgebung einfügen, dass sie gleichsam aus ihr entstehen und in ihr wieder verfallen können, ohne die Natur zu schädigen. Die Stipendiaten verwenden also vor allem natürliche Materialien des Umlandes wie Gras, Holz, Erde, Schilf, Sand – oder Stein. An einem Bachrand steht Jen Blazinas kleine weisse Tonhasen-«Menagerie» (2011) – eine Anspielung auf Kindheitsphantasien in magisch wirkenden Wäldern –, die im Laufe der Zeit vom fliessenden Wasser weggespült oder sich darin auflösen wird. Auf einer Lichtung scheinen zwei sich wie behäbige Frauen zueinander hinneigende geflochtene Holztürme – Roland Mayers «Dialog» (2004) – beim nächsten kleineren Lufthauch endgültig zu Boden zu rutschen; unter ein paar Pinien ist ein von der Künstlerin Cynthia Harper aus Redwoodstöckchen nachgebauter Adlerhorst – «Nest» (1997), Symbol der nährenden Natur – fast ganz verwittert.

Heimat sei auch die Farm ihm heute nicht mehr, sagt der Wissenschafter und Autor Djerassi. Dennoch lässt sich hier an den verschiedenen Stellen rund um die Farm in Steinen, Gräsern und den Skulpturen der ruhigen nordkalifornischen Landschaft etwas von Djerassi selbst erkennen: ein grosser biosynthetischer Lebenszyklus der visuellen Vielfalt, in dessen Zentrum, und von jeder Anhöhe aus sichtbar, ein ehemals hexagonaler Bau in Anspielung auf die sechseckige Ringstruktur vieler Steroide steht. Ein einsames, pillenförmiges Haus, in dem einst die Familie lebte.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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