Keine Schöngeister

Ein Plädoyer für mehr Geist in allen Wissenschaften

Keine Schöngeister

Allgemein gilt, dass die Wirtschaftswissenschaften, und damit auch die Wirtschaftsgeschichte, sich mit praktischen und quantitativen Fragen befassen, mit der Eurokrise, Italiens Schulden oder dem Pro-Kopf-Einkommen der Stadt Zürich. Im Gegensatz dazu wird die Literatur gemeinhin als etwas betrachtet, das höher, schöngeistiger und vergänglicher ist und nichts mit Materiellem oder Messbarem zu tun hat.

Die hohe Literatur, wie Thomas Manns Buddenbrooks oder Henrik Ibsens Baumeister Solness, scheint also eine rein sinnstiftende Funktion zu haben. Sie gibt keine Handlungsanweisungen; sie lehrt nicht, wie man ein erfolgreicher norddeutscher Getreidehändler wird, und ebenso wenig, wie man grosse Häuser in Norwegen baut. Die Literatur liefert auch keine allgemeingültigen Rezepte dafür, wie man am besten Geld verdient oder wie man Geschäfte treibt. Sie führt uns nur eines vor Augen: das – gute oder schlechte – Leben.

Damit, so könnte man einwenden, firmiert sie prinzipiell in derselben Kategorie wie Musiksongtexte und Actionfilme, allenfalls auf einem höheren Niveau. Immerhin vermag uns Literatur einen kunstvollen Blick auf Chaos, Symmetrie oder Heldentum zu bieten. Ja, sie regt an – aber, und das ist der entscheidende Punkt, sie kann noch mehr. Davon handelt dieser Text.

Im deutschen Sprachraum nennt man das Studium der hohen Literatur zusammen mit jenem der Geschichte, der Theologie, der Philosophie, der Musikwissenschaften und der Kunstwissenschaft die Geisteswissenschaften. Übersetzen wir den deutschen Ausdruck ins Englische – spirit sciences –, nun, so klingt die Komposition reichlich gespenstisch – darum sprechen wir lieber von humanities, was aber missverständlich ist. Wir Angelsachsen haben in der Mitte des 19. Jahrhunderts damit aufgehört, den Wissenschaftsbegriff – das englische science – für Disziplinen jenseits der Physik, Biologie, Mathematik und Chemie zu benutzen (anders als die Deutschen, anders auch als die Italiener mit ihrer scienza oder die Franzosen mit ihrer science). Wenn wir Angelsachsen heute von spirits reden, nun, dann meinen wir wirklich Gespenster – und eine Gespensterwissenschaft existiert bis heute nicht. Aus meiner Sicht zu Recht.

Zu Unrecht hingegen haben wir den Geisteswissenschaften den Status der Wissenschaftlichkeit aberkannt. Die deutsche Sprache ist hier präziser. Geisteswissenschaften sind Wissenschaften ebenso wie die Natur- bzw. Wirtschaftswissenschaften. Die beiden Richtungen lassen sich nicht voneinander trennen: Wer die quantitativen und qualitativen Zusammenhänge der Welt begreifen will, muss zunächst einmal wissen, was er unter der Welt zu verstehen hat – und in welchen Kategorien sie erfasst wurde, wird und erfasst werden kann.

Quantität und Qualität

Ein Grossteil unserer heutigen Wissenschaften (im Sinne von science) beschäftigen sich mit der Quantität, mit der Beantwortung der Frage nach dem «Wieviel». Das ist auch gut so. Wir brauchen zur Orientierung Mengenangaben, wie das Pro-Kopf-Einkommen Zürichs von 2012 (im Jahr 2005 waren es durchschnittlich CHF 68 804), oder eine Vorstellung davon, wie viel Geld unsere Vorfahren von 1800 zur Verfügung hatten (sie verdienten ungefähr 3 Schweizer Franken pro Tag und Kopf). Wenn Sie das nun mit Ihrem Gehalt vergleichen, können Sie etwas mit dieser Information anfangen.

Im Gegensatz zu den quantitativen Wissenschaften, die Messungen durchführen, geht es bei den Geisteswissenschaften um Qualität, d.h. um Kategorien, die vorrangig die Frage nach dem «Was» stellen. Pflanzlich oder anorganisch? Menschlich oder tierisch? Männlich oder weiblich? Was wir aus der Literatur lernen, sind hauptsächlich Qualitäten und ethische Haltungen – mit Gut und Böse als Hauptkategorien, über die sich die Menschen fast schon zwanghaft den Kopf zerbrechen.

Nun komme ich zum springenden Punkt: Diese Kategorien spielen durchaus auch in den Natur- und Wirtschaftswissenschaften eine Rolle. Sie müssen als Wissenschafter nämlich wissen, was rote gigantische Sterne sind, bevor Sie sie zählen können. Sie müssen wissen, was Schweizer Staatsangehörige sind, bevor Sie sie zählen können. Sie müssen die Grenzen Zürichs kennen – die Frage nach dem «Was» beantworten können –, bevor Sie die Höhe über Meer, das Pro-Kopf-Einkommen oder die religiöse Zusammensetzung messen können. Ganz zu schweigen von den trivial anmutenden Teilfragen, ob man in Zürich die Höhe in Meter oder in Fuss misst. Oder die sehr viel entscheidendere, humanistische, qualitative, ja ethische Frage danach, was alles unter «das Einkommen der Stadt Zürich» fällt oder unter «protestantisch» oder «agnostisch».

Die Wirtschaftswissenschaft verrennt sich in dem Moment, in dem sie Techniken benutzt, die nicht mehr Antworten auf die Wie-viel-Frage liefern, sondern die Was-Frage gern direkt mitbeantworten, ohne dies zu bemerken. Aber genau das ist es, was in den letzten fünfzig Jahren den dominanten, Samuelsonschen Wirtschaftswissenschaften passiert ist. Deren Anhänger beweisen auf einmal «Existenztheoreme» und berechnen «statistische Bedeutungen», die beide nicht im geringsten etwas mit einem «Wieviel» zu tun haben, sondern ein «Was» postulieren. Der angebliche Ist-Zustand ist eigentlich ein Soll-Zustand, das Deskriptive kippt in das Normative, wobei dies den Forschenden selbst verborgen bleibt. So beginnen die Wirtschaftswissenschaften immer mehr dem zu ähneln, was der amerikanische Physiker Richard P. Feyman als «Cargo-Kult-Wissenschaft» bezeichnete:

In der Südsee gibt es bei bestimmten Völkern einen Cargo-Kult. Während des Krieges sahen sie, wie Flugzeuge mit vielen brauchbaren Gütern landeten, und nun möchten sie, dass das wieder geschieht. So sind sie übereingekommen, Landebahnen anzulegen, seitlich der Landebahnen Leuchtfeuer anzuzünden, eine Hütte aus Holz zu bauen, in der jemand mit einem hölzernen Apparat sitzt, der wie ein Kopfhörer aussieht und in dem Bambusstöcke als Antennen stecken – das ist der Fluglotse –, und sie warten darauf, dass die Flugzeuge landen. Sie machen das jede Nacht. Die Form ist perfekt. Es sieht genauso aus, wie es früher aussah. Aber es funktioniert nicht. Es landen keine Flugzeuge. All das nenne ich Cargo-Kult-Wissenschaft, weil es anscheinend allen Rezepten und Formen der wissenschaftlichen Forschung folgt, aber etwas Wesentliches verfehlt, denn die Flugzeuge landen ja nicht. Was herzustellen versucht wird, ist also die Implikation und nicht die Tatsache, die zutrifft, und das, womit wir es zu tun haben, ist der Unterschied zwischen beiden.1

Die modernen Ökonomen sind so fleissig und erfolgreich wie diese Südseevölker. Sie stellen Theorien über das menschliche Handeln auf, ohne über deren Prämissen Rechenschaft abzulegen, und suchen dann nach Zahlen, die diese irgendwie belegen. Sie vermischen die Kategorien, sie machen aus Erwartungen Tatsachen. Kategorien also. Kategorien bilden das Bindeglied zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften.

Kategorien

Doch Kategorien sind Worte, die wir – wie uns der grosse Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure vor einem Jahrhundert gelehrt hat – als Gegensatzpaare zu denken haben, wie «Schaf» und «Ziege» oder «Schaf» auf der Weide und «Hammel» auf dem Teller.

Die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften hängen von Kategorien ab; und Kategorien wiederum sind Worte, die ihrerseits von konventionellen bzw. willkürlichen menschlichen Unterscheidungen abhängen. Die grosse Lyrikerin Rose Ausländer formuliert es treffend:

Am Anfang
war das Wort
und das Wort
war bei Gott
Und Gott gab
uns das Wort
und wir wohnten
im Wort
Und das Wort
ist unser Traum
und der Traum
ist unser Leben.

Niemals wurden treffendere Worte gesprochen. Wir träumen quasi von Kategorien – in unseren Metaphern und Geschichten –, und mit ihnen gestalten wir unser Leben, auch das wissenschaftliche. Der dänische Physiker Nils Bohr, der sich das Atom als winziges Sonnensystem vorstellte, sagte 1927: «Es ist falsch zu denken, dass die Physiker die Aufgabe haben, herauszufinden, wie die Natur beschaffen ist. In der Physik geht es um das, was wir über die Natur sagen können.» Wir. Sagen. Mit Worten. In geisteswissenschaftlichen Kategorien.

Lächerliches Gerede statt Wissenschaft

Das gilt auch dann, wenn wir über die Wirtschaftswissenschaften sprechen. Ein schönes Beispiel ist der gegenwärtige Umgang mit dem Wort «Niedergang». Es ist in letzter Zeit viel die Rede vom «Niedergang» der USA oder dem «Zerfall» Europas. Das hier zitierte Wort beschwört ältere, vorwiegend triste Geschichten herauf, wie den Untergang des Römischen Reiches oder den Niedergang Spaniens als Weltmacht. Jede Ausgabe der Foreign Affairs bringt einen Artikel über den Aufbruch Chinas oder Brasiliens und den Fall der einst so mächtigen USA – und streut sich dabei selbst Asche aufs Haupt. Aber kombiniert man das geisteswissenschaftliche Erkenntnisvermögen mit den Messverfahren der naturwissenschaftlichen Quantität – man erinnere sich: in Zürich von durchschnittlichen 3 Franken pro Tag auf über 100 Franken –, fängt das Gerede langsam an, lächerlich zu werden: Grossbritannien, trotz einem Jahrhundert des relativen «Niedergangs», verfügt immer noch über eines der höchsten Realeinkommen der Welt. In manchen Jahren überstieg es sogar das Realeinkommen Deutschlands, und was das Pro-Kopf-Einkommen angeht, so darf man behaupten: England rangiert weiterhin unter den innovativsten Volkswirtschaften. Klar, Grossbritannien hat sein Empire verloren. Wie furchtbar traurig. Aber auf den Verlust seines ersten Imperiums in den 1780ern folgte eine industrielle Revolution, und seit dem Verlust des zweiten, grösseren Impe­riums in den 1940ern nimmt es am schnellsten weltweiten Wachstum an Realeinkommen in der Geschichte der Menschheit teil. Das wird gern verschwiegen, wenn vom «Niedergang» die Rede ist.

Aber abgesehen davon – Menschen verwischen gerne die Grenzen zwischen der Kategorie «reich» und der Kategorie «mächtig». Dies geschieht aus der tiefen, menschlichen Überzeugung heraus, dass, wenn Peter Süssigkeiten bekommt, Paul leer ausgeht, und wenn China reicher wird, die USA gleichzeitig ärmer und schwächer werden müssen. Diese Überzeugung ist schlichtweg falsch – und zwar kategorisch falsch. Wer über Praxis historischer und literarischer Geisteswissenschaften verfügt, ist sich des Unterschieds der beiden Kategorien bewusst. Erst dann aber kann er die relevanten Messungen vornehmen. Erinnern wir uns an Kant: «Begriffe ohne Anschauung sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind» – noch mehr solcher treffenden deutschen Worte.

Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel dafür anführen, wie die Kraft der Worte und die Kraft der Zahlen für wissenschaftliche Zwecke Hand in Hand gehen. So wie ich das sehe, hingen das historisch einzigartige wirtschaftliche Wachstum der letzten zweihundert Jahre – Sie erinnern sich an das Durchschnittsgehalt eines Zürchers um das Jahr 1800? – und die damit einhergehenden politischen und geistigen Fortschritte weniger von irgendwelchen ökonomischen Gesetzmässigkeiten als vielmehr von neuen, innovativen Ideen ab. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben im Kommunistischen Manifest: «Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen.» Wahrhaftig, die beiden haben recht. Und in den darauffolgenden hundert Jahren schuf die Bourgeoisie noch viel mehr davon – also so ziemlich das Gegenteil von dem, was Marx und Engels erwartet hatten.

Es waren neue, kreative Ideen, die das Wirtschaftsleben aufblühen liessen, nicht bloss der schon lange zuvor getriebene Handel, der Austausch, die Investitionen oder die mannigfachen Ausbeutungen. Die beiden Hauptideen des Bürgertums damals waren einerseits: Es ist eine gute Idee, sich seine Freiheit auf Hoffnung nie nehmen zu lassen. Und andererseits: ein zuverlässiges wirtschaftliches Leben vermag einem einfachen Menschen Würde, ja Ehre zu verleihen. Beide Ideen kamen nur dadurch zum Tragen, dass die Mitbürger aufgrund der Fortschritte begannen, dem Bürgertum wohlwollend zu begegnen. Leistung, Kreativität und Fortschritt wurden um 1800 herum zu etwas Ehrenhaftem. Das waren neue Kategorien, um das eigene Leben zu betrachten.

Europäische Revolutionen, Reformationen, Renaissancen und vor allem Neubewertungen althergebrachter Begriffe2 sorgten für eine zunehmend mutigere Stadtbevölkerung, die sich selbst dazu anhielt, ihren erfolgreichen Mitmenschen Achtung entgegenzubringen. Der Ökonom Deepak Lal formulierte es kürzlich so: «Kapitalismus als ökonomisches System [ich würde es Innovation nennen] kam zustande, als Kaufleute und Unternehmer endlich soziale Akzeptanz [Würde] und Schutz vor staatlichem Raub [Freiheit] erhielten.» Der Nordseeraum entdeckte die bürgerliche Würde zuerst, und dessen Bewohner verfügten fortan über die Freiheit, etwas zu wagen, zwischenmenschlich wie wirtschaftlich. Und dies, so glaube ich, ist eine entscheidende Erkenntnis: Das Wachstum der realen Volkswirtschaft folgte einer Wandlung der Sprache, der Begriffe.

Die Folgen können bis heute beobachtet werden: in einem dramatischen Wohlstandszuwachs der sogenannten westlichen Welt nach 1800. Die moderne Welt ging aus einer, um die Wortwahl Marxens zu bemühen, vollkommen neuen «Ideologie» hervor. Oder – damit gleichbedeutend – sie ging aus einer vollkommen neuen «Rhetorik» hervor, bei der sehr viele Worte in den verschiedensten Sprachen ihren Sinngehalt änderten.
Als konkretes Beispiel kann das Wort «ehrlich» dienen, das zu Shakespeares Zeiten vornehmlich «edel» bedeutete (d.h. ehrenhaft im aristokratischen Sinne, errungen im Gefecht oder am Hof: «Mein Freund, dein Mann, der ehrliche, ehrliche Jago» in Othello). Es änderte seinen Sinngehalt im 18. Jahrhundert, in dem es nun hauptsächlich bedeutete, jemanden «als einfachen Menschen» und als «wahrhaftig» (d.h. glaubwürdig in einem bürgerlichen Sinne, beim Abschluss von Geschäften) auszuzeichnen.

In den acht Werken, die Jane Austen von 1793 bis 1816 geschrieben hat3, kommt «ehrlich» 31mal vor. Davon wird es sechsmal im Sinne von «rechtschaffen» [upright] verwendet, in erster Linie in der althergebrachten Wendung: ein «ehrlicher Mann» [honest man], doch niemals als Bezeichnung für «von hohem Range, aristokratisch». Ein Drittel der 31 Erwähnungen bedeutet «echt» [genuine], wie in «ein wirkliches, ehrliches, altmodisches Internat» [a real, honest, old-fashioned boarding-school] – in der Tat sehr weit weg von «ehrlich» wie von «aristokratisch». In der modernen Hauptbedeutung von «wahrhaftig» [truth-telling] taucht es in einem weiteren Drittel als «aufrichtig» [sincere] auf, und in vier der 31 Fälle schlicht als «wahrhaftig» [truth-telling]. Das englischsprachige Wörterbuch Webster’s New International Dictionary von 1934 führt «Ehrlichkeit» zweifach auf. Im Sinn 1 unter: «ehrbar» [held in honor] als altertümlich; mit dem Beispiel von «ehrlich» (sittlich) [chaste], wie in «eine ehrliche Frau». Unter der Bedeutung 1a gilt «Ehrlichkeit» im Sinne von «Ehre» als veraltet. «Ehrlich» in seiner Hauptbedeutung 2 meint: gerecht [fair], rechtschaffen [upright], getreu/wahrheitsliebend [truthful], wie bei einem ehrlichen Richter, Kaufmann oder Staatsmann. Kein Wort also mehr von Aristokraten oder ehrenhaftem Krieg!

Dieselbe Verschiebung fand zur selben Zeit auch in anderen germanischen oder romanischen Handelssprachen statt, wie im Niederländischen und im Italienischen, im Deutschen und im Französischen. Das Grundwort der durch die Adelsverehrung geprägten Gesellschaft – Ehr – war die Wurzel – wie das lateinische honor für das italienische onesto – eines neuen, repräsentativen Wortes, das Bürgerliche als ehrlich auszeichnete. Sie sehen: anhand der Untersuchung von Begriffen und ihren Geschichten lassen sich Mentalitäten und ihr Wandel verdeutlichen. Und warum ist das so? Weil die sich wandelnden Begriffe und Ideen zu einem wesentlichen Teil auch das wirtschaftliche Handeln jener Menschen geprägt haben, die die neue Rhetorik pflegten.

Die Idee der Volkswirtschaft

Das neue Ansehen von Handel und Innovationen im Alltag um das Jahr 1800, von dem ich eben bereits schrieb, hatte natürlich mehrere Ursachen. Einige davon waren mit Sicherheit wirtschaftlicher und materieller Natur. Doch einige waren mit ebenso grosser Sicherheit rhetorischer und ideeller Natur. Die Wirtschaftswissenschaften sind also nicht allein an materielle Verhältnisse gebunden. Der Punkt ist, dass die kompromisslosen Ökonomen – zu denen ich leichtfertigerweise auch einst zählte – sich irren, wenn sie grundlos annehmen, dass ideologischer oder rhetorischer Wandel immer die materielle Interessenwirtschaft widerspiegelt. Vulgärmarxisten – zu denen ich ebenfalls einst zählte – bestreiten die Kraft der Worte, so wie der junge Marx den Humanismus seines Lehrers Hegel bestritt. Aber es war nicht materielles Interesse, das Marx dazu bewegte, Ideen und Interessen zu vertauschen. Und es war auch kein materielles Interesse, das die Regime Hitlers, Stalins, Maos oder Pol Pots dazu bewegte, sich gegen ihre Bevölkerung zu wenden. Zweifellos waren ihre Ideen zu einem gewissen Teil von den Interessen abhängig. Aber nicht immer. Menschen wurden nicht nur aus materiellem Eigeninteresse Faschisten oder Kommunisten, sie wurden es aufgrund schöner Worte. Es war die Ideologie, im Jahrhundert der Ideologien, die sie mobilisierte. Worte und Ideen.

Wer von Wirtschaft und Wirtschaftsgeschichte spricht, sollte also sehr wohl auf die eigenen Kategorien und auf die mächtigen Ideen achten, die sich in Geschichte, Philosophie und Literatur verdichten. Und nur wer weiss, dass einige wenige Ideen für Fortschritt oder Verfall ganzer Gesellschaften verantwortlich sein können, hat eine Ahnung von der unglaublichen Macht der Worte. Insofern glaube ich, dass die derzeit so zahlenverliebte und theoretische Disziplin Ökonomie – und mithin die Wirtschaftsgeschichte – wieder, wie die Franzosen sagen, zu einer science humaine werden sollte. Eine Wissenschaft also, die nicht mehr nur nach statistischen Belegen für irgendwelche Theorien sucht, sondern sich über ihre Kategorien im Klaren ist und dabei auch ein Auge auf die Erkenntnisse der Geisteswissenschaften wirft. Damit wäre sie eine weit umfassendere und inspirierendere Wissenschaft vom menschlichen Handeln, als sie es gegenwärtig ist.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Serena Jung.

 

1 Richard P. Feynman: Cargo-Cult-Wissenschaft. In: «Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!», Abenteuer eines neugierigen Physikers. München/ Zürich: Piper, 2000. S. 451–453.

2 Georg Simmel, einer der Begründer der deutschsprachigen Soziologie, konzentrierte sich in seinem Exkurs über den Fremden von 1908 auf das alte Bild der Bürgerlichen: «In der ganzen Geschichte der Wirtschaft erscheint der Fremde allenthalben als Händler bzw. der Händler als Fremder.» Ein Beispiel aus dem 14. Jahrhundert findet sich in Giovanni Boccaccios Das Dekameron, in dem sich Saladin als Kaufmann verkleidet. Eine neue Rhetorik der Nichtfremdheit entstand um 1600 in den Niederlanden und später in England und noch später auch andernorts wie der bürgerlichen Schweiz – und hielt sich bis zum heutigen Tag.

3 Inklusive des Fragments Die Watsons von 1804 und ihres frühen, unveröffentlichten Briefromans Lady Susan, nicht aber des letzten Fragments Sanditon.

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»