Keine Revolution

Social Media sind mächtig. Sie können einen Mainstream schaffen und Massen mobilisieren, die Regimes stürzen und Gesellschaften verändern. Liest man. Aber so einfach ist es nicht. Denn Social Media können nicht bieten, was sozialen Wandel voraussetzt.

Keine Revolution
Diesen Essay habe ich vor der in Tunesien beginnenden Welle von Aufständen geschrieben. Ich wurde oft gefragt, ob mich jene Ereignisse dazu gebracht hätten, die Argumentation zu überdenken. Meine Antwort: nein. Sicherlich haben viele Protestierende in den betroffenen Ländern – vor allem in Ägypten – für die Organisation ihrer Demonstrationen Facebook und Twitter gebraucht, genauso wie Aktivisten aller Zeiten und Orte immer schon neuste Kommunikationstechnologie benutzten. Die Revolutionäre im Frankreich des 18. Jahrhunderts haben das damals radikale Medium des Pamphlets eingesetzt. Die Bürgerrechtsbewegung in den USA in den 1960er Jahren gebrauchte das Fernsehen, so wie es vor ihr noch keine Protestbewegung getan hatte. Und die islamistischen Revolutionäre in den späten 1970er Jahren brachten Khomeinis Sermon via Tonbandkassetten unters Volk.

Es ist nun das eine zu sagen, Aktivisten würden bestimmte Kommunikationstechnologien benutzen – und etwas völlig anderes zu sagen, Technologie spiele die ultimative Rolle für den Erfolg einer Bewegung. Dieser Aufsatz fragt nach den wesentlichen Eigenschaften eines erfolgreichen Aufstandes, und ich glaube nicht, dass – wenn wir hinter die oberflächlichen Unterschiede von Kommunikationsmitteln schauen – sich die Antwort durch die Geschehnisse in Nordafrika und im Nahen Osten verändert hat.

Protest 1.0

Um vier Uhr dreissig, am Montagnachmittag des 1. Februar 1960, setzten sich vier Universitätsstudenten an die Theke des Woolworth-Imbisslokals im Zentrum von Greensboro, North Carolina. Sie waren Studienanfänger am North Carolina A. & T., einem schwarzen College, das eine Meile entfernt lag. «Ich hätte gern eine Tasse Kaffee», sagte einer der vier, Ezell Blair, zur Kellnerin. «Wir bedienen hier keine Neger», lautete ihre Antwort.

Die Woolworth-Imbisstheke war eine lange L-förmige Bar, mit Platz für 66 Gäste und einer Stehbar für Snacks. Die Sitze: reserviert für Weisse. Die Snackbar: für Schwarze. Eine andere Angestellte, schwarz, näherte sich den Studenten und versuchte, sie zu warnen. «Euer Verhalten ist blöde und ignorant!», sagte sie. Die Studenten jedoch bewegten sich nicht. Gegen fünf Uhr dreissig wurden die Vordertüren des Ladens geschlossen. Die vier bewegten sich noch immer nicht. Letztlich verliessen sie das Gebäude durch eine Seitentüre. Draussen hatte sich eine kleine Menge versammelt, inklusive eines Photographen des Greensboro Record, der Lokalzeitung. «Ich werde morgen zurück sein – mit dem A. & T. College», sagte einer der Studenten.

Bis zum nächsten Morgen war der Protest auf 27 Männer und 4 Frauen angestiegen, die meisten davon kamen aus dem gleichen Studentenwohnheim wie die ursprünglichen vier. Die Männer trugen Anzug und Krawatte, brachten ihre Schulaufgaben mit und studierten sitzend an der Theke. Am Mittwoch beteiligten sich Studenten von Greensboros «Neger»-Sekundarschule, Dudley High, und die Anzahl der Protestierenden schwoll auf nunmehr 80 an. Donnerstags zählten die Protestierenden 300 Personen, inklusive 3 weisser Frauen des Greensboro Campus der University of North Carolina. Samstags beteiligten sich am Sitzstreik ganze 600 Menschen: die Leute standen bis zur Strasse. Weisse Teenager schwenkten die Flagge der Konföderation, einige warfen Feuerwerkskörper. Mittags kam die Footballmannschaft des A. & T. «Hier kommt der Schlägertrupp», rief ein weisser Student.

Am darauffolgenden Montag hatte sich der Sitzstreik nach Winston Salem ausgebreitet, 26 Meilen entfernt, und nach Durham, 50 Meilen entfernt. Am Folgetag beteiligten sich die Studenten des Fayetteville State Teachers College und des Johnson C. Smith College in Charlotte, am Mittwoch kamen Studenten des St. Augustine’s College und der Shaw University in Raleigh hinzu. Am Donnerstag überquerte der Protest die Staatsgrenzen nach Hampton und Portsmouth, Virginia, nach Rock Hill, South Carolina, und nach Chattanooga, Tennessee. Ende des Monats gab es im gesamten Süden der USA Sitzstreiks, westlich bis nach Texas.

«Ich fragte jeden Studenten, den ich traf, wie der erste Tag des Sitzstreiks auf ihrem Campus war», schrieb der Politikwissenschafter Michael Walzer in seinem Buch…

Mainstream. Mitschwimmen oder dagegenhalten?
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«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»