Keine Fluchten mehr!

Die männliche Hauptfigur dieses Romans ist Mitte 50 und bekommt ein nachgerade klassisches existentielles Problem: «Wie überspringt man die Jahre, … wie kehrt man noch einmal zu dem zurück, der man war, zu der Frau, die man liebte? Und für die man sich doch nie ganz entschieden hat.» Der so redet, hat als Gesprächstherapeut in der onkologischen Abteilung des Spitals einer «Kantonshauptstadt … an der Aare» eigentlich bereits «zur Routine gefunden». Wie man weiss, kommt dem Psychologen in der Gegenwart die Rolle einer bedeutsamen Sozialfigur zu; als quasi-ritueller Kommunikationsexperte und Helfer bei der Krisen-, mehr noch: Kontingenzbewältigung übernimmt er jene Aufgaben, für die einst die Repräsentanten der Religion zuständig waren. Dieser Nimbus aber erweist sich bei Dr. Andreas Lüscher spätestens dann als brüchig, als ihn plötzlich unausgetragene Konflikte der eigenen Lebensgeschichte einholen.

Eines Tages findet er die Krankenakte einer Patientin vor, deren Name ihm höchst vertraut ist. Mit Meret Etter, einer ebenso kämpferischen wie feinnervigen und harmoniebedürftigen Frau, hatte er bis vor sechzehn Jahren eine Liebesbeziehung geführt. Ohne sich auszusprechen, war man schleichend auseinandergedriftet. Merets Kind, von dem er keine Ahnung hatte, «kam nicht zur Welt». Nun wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert und sie nimmt das begleitende gesprächstherapeutische Angebot der Klinik in Anspruch. Als ob damit jene «Deckung», in die sie voreinander gegangen waren, zur äusseren Szene würde, kommt es zur professionell-distanzierten «Versuchsanordnung» der Kommunikation mit einem Vorhang dazwischen. Immerhin löst dieses «Versteckspiel» beiderseits eine mehrtägige Phase der Besinnung aus. Eines der Worte aus der medizinischen Fachsprache, «für den Strahlenabsorp-tionseffekt», gewinnt eine doppelsinnige Bedeutung, auf die der Titel anspielt. Mit «Paarbildung» nämlich, und zwar ihrer eigenen, wechselseitigen, die sie nicht geschafft haben, sind beide gezwungen, sich auseinanderzusetzen, bevor auf einer neuen Ebene die verhaltene Wiederannäherung möglich wird.

Urs Faes, der damit seinen zehnten Roman vorlegt, ist längst zu einer beständigen und geachteten Grösse über die schweizerische Literatur hinaus geworden. Das Thema des schmerzvollen, gerade deshalb aber auch reinigenden Erinnerns hat ihn von jeher beschäftigt. In seinen Arbeiten vermag es sich teils mit politischen Verdrängungen zu verbinden («Sommerwende», 1989), zumal jedoch mit dem irritierenden Doppelgesicht der Liebe zwischen Sehnsucht nach Gemeinschaft und Angst vor zuviel Nähe, mit all ihren anfangs vielleicht nur kleinen Unzulänglichkeiten und Unterlassungen, Sprachlosigkeiten und Abstumpfungen, die sich schliesslich zu uneingestandenen Katastrophen auswachsen, in einem zu wuchern vermögen wie Krebs. Immer versetzt dieser Autor seine Figuren in eine Unruhe, die die eingetretenen Erstickungen ihres Alltags aufbricht. Immer schwingt bei ihm die Frage nach dem richtigen Leben mit. Und immer geht sie mit der Bereitschaft zur radikalen Gewissenserforschung einher. Formal schlägt sich das in einer Struktur nieder, die zwischen Gegenwart und Vergangenheit genauso hin und her wechselt wie zwischen den unterschiedlichen Erfahrungen der Beteiligten.

Selbst dort, wo er die Schrecken der Krankheit schildert, bleibt Faes’ Sprache beherrscht, ja fast spröde – aber unerbittlich. Die Bedeutung dieses Romans besteht nicht zuletzt in einer beeindruckenden «Aufmerksamkeit für die menschliche Fragilität», wie sie, in einer der vielen Motivspiegelungen, dem während Andreas’ Auszeit in Umbrien gerade gestorbenen Regisseur Michelangelo Antonioni von der Presse eher phrasenhaft nachgerufen wird. Stets aufs neue unterläuft Faes das gängige Gerede von endloser Zukunftsfähigkeit, indem er uns Variationen vormoderner Leitbegriffe wie memento mori oder vanitas zumutet, keineswegs nur dann, wenn auf die «verlorenen Schlachten» der Medizin gegen den Tod verwiesen wird. Das Leben von seinem «Vergehen» her zu denken, stiftet auch in handlungsleitender Hinsicht Erkenntnis. «Wie wenig wir sind, flüsterte Meret, wenn wir diese Sterne betrachten; nicht mal ein Nebelschweif sind wir, nicht einmal das, sondern bloss ein Hauch.» Solche Artikulationen der menschlichen Nichtigkeit sind in der Gegenwartskultur ebenso selten wie der Ausblick auf die unvermeidliche «Wiederbegegnung…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»