Kein Verlass auf die Impotenz!

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Und das ist, in dem vorliegenden Fall, eine ganze, grosse Lesergemeinde, also wir, die neugieriggewordenen Frisch-Leser und -Liebhaber. Endlich sind sie da, diese «Entwürfe zu einem dritten Tagebuch». Begonnen hatte Max Frisch mit der Arbeit an diesen Aufzeichnungen im Frühjahr 1982. Im April 1983, nach dem Ende der Beziehung zu der überdeutlich – nämlich zweiunddreissig Jahre – jüngeren Amerikanerin Alice, der legendären Lynn aus Frischs grosser Erzählung «Montauk», brach er die Arbeit an jenen ab und vernichtete offenbar sein Exemplar des Manuskripts. Das Exemplar, das seine Sekretärin aufbewahrt hatte, blieb zum Glück erhalten. Es handelt sich bei diesen Texten keineswegs um vorläufige, gar flüchtige Niederschriften, sondern um ein durchgearbeitetes, sichtlich komponiertes Werk. Wie Frischs frühere Tagebücher (1946–1949 und 1966–1971) verstehen sich auch die Aufzeichnungen nicht als intimes Journal, sondern als eigenständiges Werk. Über die Veröffentlichung hatte der Stiftungsrat der Max-Frisch-Stiftung zu entscheiden. Vor allem Adolf Muschg (der übrigens von Frisch in einem Gespräch mit H. L. Arnold, im November 1974, als «hoffnungsloser Hypochonder» apostrophiert worden war) stemmte sich entschieden gegen die Publikation. «Muschg findet die Texte schlecht und unwichtig; ich finde sie gut und von Bedeutung», erklärte dazu der Herausgeber Peter von Matt.

Tatsächlich ist das Spektrum enger als in den ersten beiden Bänden. Drei Schauplätze nur: Berzona im Tessin; New York, das ihn – «wie dieses Amerika» überhaupt – «ankotzt» und von dem er gleichzeitig bekennt: «I love it»; und Ägypten. Das war die letzte Reise mit seinem Freund Peter Noll, einem Strafrechtler der Universität Zürich, der noch im gleichen Jahr an Krebs starb. Diese Passagen gehören zu den Glanzstücken von Frischs Werk überhaupt. Wie sich hier die distanzierte Beobachtung des Freundes mit freundschaftlicher Nähe in genauer Beschreibung verschränkt, bis in subtile Reaktionen hinein, das ist einfach grossartig. Naturgemäss führen solche Überlegungen zu weiteren Reflexionen über den Tod und die Frage, was danach kommen mag. Ernst Bloch wird mit der Bemerkung zitiert, «er könne sich nicht vorstellen, dass nach dem Tod einfach nichts sei». Frisch kommentiert den Philosophen leicht bissig: «…andere sagen: ich kann mir einfach das Nichts nicht vorstellen.»

Das Alter und ebenso das Altern spielt eine grosse Rolle. «Wann», fragt sich der Autor, «gibt man die geschlechtliche Impotenz zu?» Und fügt gleich danach an, dass «auch auf die Impotenz kein Verlass ist». Er notiert: «Ich werde ein Greis.» Und fragt sich (darum) im gleichen Zusammenhang: «Was geht mich Israel an?» Bekennt aber nur wenig später: «Ich habe Angst um Israel.» Er beschäftigt sich mit der Reaganschen Aufrüstungspolitik und den Zukunftsaussichten einer Welt, die damals drauf und dran war, ihre Zukunft zu verspielen. Er spricht, wie auch früher schon, viel von sich und kommt dabei aber oft zu Einsichten, die weit über ihn hinausweisen: «Zukunft über die eigene Person hinaus ist für die meisten kaum noch eine verbindliche Kategorie.» Anders als Brecht, der «an» und auch für «die Nachgeborenen» schrieb, glaubt er nicht mehr daran, dass die heutigen Schriftsteller «in hundert Jahren noch gelesen» werden. Eindrucksvoll am Ende der Versuch, sich eine Heimstatt, ja vielleicht sogar eine Heimat zu erschreiben, die er zeitlebens nicht finden konnte: ein Lebensabendhaus, das so exakt ausgemalt wird, wie keine Utopie es vermöchte.

Er bekennt seinen «Ekel vor der Schreibmaschine», wischt sein «neues Buch», «Blaubart», geringschätzig beiseite: «Eine Fratze, eine gekonnte Grimasse». Und zweifelt auch am Geltungsanspruch der Moderne: «Sicher war das Bauhaus nicht das Ende, nein, aber dass es danach wieder die Gartenlaube gibt, das kann verletzen.» So verabschiedet sich ein alter, grosser Schriftsteller von seiner Welt, die ihm mehr und mehr entgleitet. Frisch war berühmt geworden, weil er sich nach der weltgeschichtlichen…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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