Kein neues Wunder in Deutschland

Im Gegensatz zu früheren, besseren Zeiten ist heute in Asien ein Deutschlandbild verbreitet, das politisch wie intellektuell allen Glanz verloren hat. Man sieht hier eine Nation, die sich der Zukunft fast schon willentlich verschliesst.

Eine vorurteilslose Bewertung der welt-wirtschaftlichen Entwicklungen zu Be-ginn des 21. Jahrhunderts muss zum Schluss kommen, dass sich das Schwergewicht wieder nach Asien verlagert. Nach zwei Jahrhunderten meist selbstverschuldeten Niedergangs kehrt Asien machtvoll auf die Weltbühne zurück. Das 19. Jahrhundert war, mit der raschen Expansion der europäischen Kolonialreiche, das Jahrhundert Europas gewesen. Das 20. Jahrhundert wurde, insbesondere nach der Selbstzerfleischung Europas im Ersten Weltkrieg und nach den Siegen der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg, zum Jahrhundert der USA. Das 21. Jahrhundert wird den neuen asiatischen Mächten, vor allem Indien und China, gehören.

So man kein weltgeschichtlicher Determinist sein möchte, sind diese Entwicklungen nicht einfach als gottgegebenes Schicksal hinzunehmen. Es war schon immer der Mensch, der seine Geschichte gestaltet hat. Es waren Menschen, oder in diesem Fall präziser: unfähige Eliten, die Indiens und Chinas Versinken in eine zweihundert Jahre währende weltwirtschaftliche Marginalisierung bewirkten. Es sind auch wieder Menschen, will heissen unfähige Eliten, die Europas Abstieg in die zweite Liga zu verantworten haben. Nichts könnte diesen Sachverhalt besser illustrieren als die beiden Wahlgänge, die beinahe zeitgleich im vergangenen September in Japan und in Deutschland stattgefunden haben.

Am 11. September gingen die Japaner an die Urnen und bestätigten Ministerpräsident Koizumi mit einem überwältigenden Sieg in seinem Amt. Koizumi hatte die Bremsmanöver der in seiner eigenen Partei agierenden Reformgegner nicht akzeptiert und mit ausserordentlicher Zivilcourage die Wähler zum Verdikt aufgefordert. Diese haben seine Führungsstärke honoriert und der Regierung ein eindrückliches Reformmandat von historischen Dimensionen beschert. In Deutschland stiehlt sich ein feiger Kanzler aus der Verantwortung, eine unfähige Opposition verpasst eine historische Chance zum Aufbruch, und eine führungslose, verunsicherte Wählerschaft verdankt dies alles mit einem Patt und einer fatalen Fortsetzung des Reformstaus. Kommunisten und andere Realsozialisten sind in Japan seit Jahren eine aussterbende Spezies; in Deutschland erleben sie einen derart eindrücklichen Frühling, dass ein bekanntes Verdummungsmagazin gar Karl Marx auf die Titelseite zurückbringt.

Kann es vor diesem Hintergrund erstaunen, dass Deutschland aus asiatischer Optik derzeit als der «kranke Mann» des Westens erscheint? Fast symbolisch dafür steht das Schicksal von Volkswagen im Reich der Mitte. Einst dominierte dieser Wagen die Strassen Chinas, jetzt ringt er um Marktanteile, die immer kleiner werden. Andere, dynamischere Marken, vor allem aus Japan und den USA, erobern sich die chinesischen Käufer, derweil VW allzulange bei ausgelaugten Modellen blieb. Die Aussage eines Chinesen auf die Frage, warum er keinen VW kaufe, ist symptomatisch: «Ich will mit meiner Familie kein Taxi fahren, ich habe dies lange genug tun müssen, bevor ich mir ein eigenes Auto habe leisten können.»

Doch das rasch schwindende Ansehen Deutschlands in Asien ist nicht erst eine «Errungenschaft» des Schröderschen Reformstaus. Seit längerem ist in Asien eine schleichende Erosion von Deutschlands Prestige im Gange. Vor allem in Japan hatte es von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine starke intellektuelle Präsenz Deutschlands gegeben, und viele gebildete Japaner beherrschten auch die deutsche Sprache. All dies ist nach dem Zweiten Weltkrieg verschwunden; heute trifft man nur noch selten einen Vertreter der älteren Generation, der des Deutschen mächtig ist. In Indien hatte Deutschland im 19. Jahrhundert vor allem wegen der deutschen Indologie hohes Ansehen genossen. Max Müller war bei der Intelligenz ein weitherum bekannter Name. Auch dem ist heute nicht mehr so.

Natürlich gilt es zu differenzieren. In China, Indien und Japan schätzen die Menschen auch heute deutsche Qualitätsprodukte, und noch immer sind deutsche Autos der Hochpreisklasse begehrte Statussymbole. Auch die deutsche Maschinenindustrie und viele weitere Sektoren der deutschen Wirtschaft erfreuen sich eines guten Rufs. Nicht von ungefähr ist Deutschland in Europa der bei weitem erfolgreichste Exporteur von Industriegütern. In ganz Asien kennt die deutsche Exportindustrie eine solide Präsenz; kein anderer europäischer Staat kann in diesem Bereich mithalten.

Ganz anders ist es allerdings um die allgemeine Reputation Deutschlands bestellt. Noch ist das Fiasko mit den «green cards» in Erinnerung, mit denen Berlin indische IT-Experten hatte nach Deutschland locken wollen. Bei weitem das grösste Prestige geniessen in Asien die USA, danach kommen Grossbritannien, Kanada und Australien. Es gibt für diese Präferenzen handfeste Ursachen. Im Vordergrund steht der Aufstieg des Englischen zur unbestrittenen Weltsprache. Die asiatischen Eliten sprechen, wenn sie eine Fremdsprache beherrschen, in der Regel Englisch. Begehrt sind deshalb auch die Universitäten in der angelsächsischen Welt. Obschon an ihnen erheblich mehr bezahlt werden muss als an kontinentaleuropäischen Hochschulen, zieht man vor allem englische und amerikanische Universitäten vor, weil sie höheres Prestige geniessen und man überzeugt ist, dass mit einem Abschluss dieser Universitäten die Berufs- und Karrierechancen ganz einfach besser sind.

Mit der Präsenz der Sprachen zusammenhängend, aber erheblich weit-reichender in ihrer Bedeutung, ist die intellektuelle Marginalisierung Kon-tinentaleuropas und insbesondere Deutschlands auf der Weltbühne. Die asiatischen Eliten, so sie ausländische Medien überhaupt konsultieren, informieren sich praktisch ausschliesslich aus angelsächsischen Informationsquellen– überwiegend aus amerikanischen wie «CNN», «International Herald Tribune», «Asian Wall Street Journal», «Time Magazine», «Newsweek», daneben aber auch aus englischen wie «BBC World Service», «Financial Times» und «The Economist». Es ist kein Zufall, dass Tageszeitungen wie die «International Herald Tribune», das «Wall Street Journal» oder die «Financial Times» an mehreren Orten in Asien gedruckt werden, ihre spezifisch auf asiatische Bedürfnisse zugeschnittenen Ausgaben haben und am Morgen gleichzeitig mit den lokalen Zeitungen erhältlich sind. Kein kontinentaleuropäisches Medium geniesst diese Präsenz. Auf Dauer hat all dies schwerwiegende Folgen, weil die asiatischen Eliten das Geschehen in Kontinentaleuropa, insbesondere auch in Deutschland, gar nicht oder aber nur noch durch die Brille der angelsächsischen Medien mitbekommen. Deutschland erreicht die Menschen in Asien nicht mehr unvermittelt, sondern muss sich damit abfinden, dass Deutschland-Korrespondenten der «Financial Times», der «International Herald Tribune» oder des «Economist» berichten.

Das Fazit ist ernüchternd. Während im industriellen Bereich die Beachtung deutscher Leistungskraft unter den Asia-ten auf absehbare Zeit anhalten mag, ist Deutschland in allen anderen Bereichen in die Zweitrangigkeit abgerutscht. Dies gilt letztlich auch für die politische Position Berlins in der Welt. Es kann nicht wirklich überraschen, dass in Asien kaum jemand sich für einen Beitritt Deutschlands zum Uno-Sicherheitsrat stark gemacht hat. Im Kontext ihrer eigenen Strategie mögen Japan und Indien die deutsche Position zur Kenntnis genommen haben; für Peking kann nicht einmal so viel gesagt werden. Insgesamt ist das Deutschlandbild in Asien nie von jener Dynamik oder Attraktivität geprägt gewesen, die selbst zweitrangige Länder wie Italien oder Frankreich kannten. In jüngster Zeit aber hat sich vor allem unter den jüngeren Menschen der Eindruck erhärtet, dass Deutschland ein «lost case» sei, dass es sich in einer Spirale von Abstieg und weiterem Bedeutungsverlust befinde, die nicht mehr aufzuhalten sei. Dazu trägt aus Sicht der politischen Eliten der wichtigeren asiatischen Nationen auch die Tatsache bei, dass man die deutschen Politiker als ausserordentlich provinziell und nur an Innenpolitik sowie an der Europäischen Union interessiert sieht. Dies steht ganz im Gegensatz zum Image Grossbritanniens, das nach wie vor die Reputation einer am Weltgeschehen teilnehmenden Mittelmacht geniesst.

Aus asiatischer Perspektive ist bemerkenswert, wie fahrlässig Deutschland die historische Chance zum Aufbruch verschlafen und verspielt hat, die sich nach dem Ende des Kalten Krieges und vor allem nach dem Fall der Mauer geboten hatte. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass Deutschland erschöpft sei und seinen Abschied aus der Geschichte genommen habe. Während Margaret Thatcher und auch Tony Blair in der Sicht der Asiaten zu neuen Ufern aufgebrochen sind und vieles in Bewegung gesetzt haben, steht Deutschland nunmehr für eine Politik des Beharrens, der Verwaltens und der kurzsichtigen Selbstgenügsamkeit.

Urs W. Schoettli, geboren 1948, studierte Philosophie an der Universität Basel. Seit 1983 ist er Auslandkorrespondent der NZZ, seit 2002 berichtet er aus China.

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