Kein Grund für Fatalismus
Stephen Cave, zvg.

Kein Grund für Fatalismus

Es gibt keinen freien Willen. Das sollte uns aber nicht weiter kümmern.

Seit Jahrhunderten vertreten Philosophen und Theologen beinahe einhellig die Auffassung, dass Zivilisation, wie wir sie kennen, vom Glauben an den freien Willen abhänge – und dass der Verlust dieses Glaubens katastrophale Auswirkungen haben könnte. All unsere ethischen Gebote gehen beispielsweise davon aus, dass wir zwischen richtig und falsch frei wählen können. In der christlichen Tradition nennt man das moralische Freiheit: die Fähigkeit, das Gute zu erkennen und danach zu handeln, anstatt nur von Impulsen und Begierden gesteuert zu werden. Immanuel Kant, der grosse Philosoph der Aufklärung, bekräftigte diese Verbindung zwischen Freiheit und Ethik. Wenn wir nicht frei wählen könnten, argumentierte er, wäre es sinnlos zu sagen, wir sollten den Weg der Gerechtigkeit wählen.

Die Annahme eines freien Willens durchdringt heute alle Aspekte der Politik vom Sozialsystem bis zum Strafrecht. Sie beeinflusst die Populärkultur und untermauert auch den amerikanischen Glauben daran, dass jeder unabhängig von den Startbedingungen seines Lebens etwas aus sich machen kann. Barack Obama schrieb in seinem Buch «Hoffnung wagen», amerikanische Werte «beruhen auf einer grundlegend optimistischen Haltung zum Leben und auf dem Glauben an den freien Willen». Was passiert also, wenn dieser Glaube erodiert?

Die Wissenschaften sind immer kühner geworden in ihrer Behauptung, alles menschliche Verhalten könne durch das Gesetz von Ursache und Wirkung erklärt werden. Diese Veränderung in der Wahrnehmung ist die Fortsetzung einer intellektuellen Revolution, die vor etwa 150 Jahren begann, als Charles Darwin das erste Mal über die Entstehung der Arten schrieb. Kurz nachdem Darwin seine Evolutionstheorie aufgestellt hatte, begann sein Cousin, Sir Francis Galton, ihre Implikationen herauszuarbeiten: Wenn wir Produkte der Evolution sind, müssen mentale Fähigkeiten wie Intelligenz erblich sein. Aber wir nutzen diese Fähigkeiten – mit denen einige besser ausgestattet sind als andere –, um Entscheidungen zu treffen. Unsere Fähigkeit, unser Schicksal zu bestimmen, ist also nicht frei, sondern hängt von unserem biologischen Erbe ab. Galton leitete eine Debatte ein, die im gesamten 20. Jahrhundert tobte: die über Natur vs. Kultur. Sind unsere Handlungen das Resultat unserer genetischen Ausstattung oder unserer kulturellen Prägung? Unabhängig davon, ob Wissenschafter das eine, das andere oder eine Mischung aus beidem annahmen, gingen sie zunehmend davon aus, dass unsere Handlungen von etwas bestimmt werden.

In den letzten Jahrzehnten hat die Erforschung der inneren Funktionsweise des Gehirns dazu beigetragen, die Debatte um die Prägungshoheit von Natur und Kultur zu lösen – und sie hat der Idee des freien Willens einen weiteren Schlag versetzt. Gehirnscanner haben es uns ermöglicht, in den Schädel lebender Menschen zu blicken und dort komplexe neuronale Netzwerke auszumachen. Wissenschafter sind so zu einer breiten Übereinstimmung darüber gekommen, dass diese Netzwerke sowohl von Genen als auch von der Umwelt geprägt sind. In der wissenschaftlichen Gemeinschaft besteht jedoch auch Einigkeit darüber, dass das Feuern von Neuronen nicht nur einige oder die meisten, sondern all unsere Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen und Träume bestimmt. Wir wissen, dass Änderungen der Gehirnchemie das Verhalten beeinflussen können – sonst hätten weder Alkohol noch Antipsychotika die gewünschten Wirkungen. Gleiches gilt für die Struktur: Fälle, in denen normale Erwachsene aufgrund eines Gehirntumors zu Mördern oder Pädophilen werden, zeigen, wie abhängig wir von den physikalischen Eigenschaften unserer grauen Materie sind. Viele Wissenschafter behaupten, der amerikanische Physiologe Benjamin Libet habe in den 1980er Jahren demonstriert, dass wir keinen freien Willen haben. Denn die bewusste Erfahrung der Handlungsentscheidung, die wir normalerweise mit dem freien Willen in Verbindung bringen, scheint ein nachträglicher Effekt zu sein – eine Post-hoc-Rekon­struktion von Ereignissen, die eintreten, nachdem das Gehirn die Handlung bereits in Gang gesetzt hat.

«Wenn wir den freien Willen zunehmend als Täuschung betrachten, was geschieht mit all den Institutionen, deren Basis er ist?»

Ursachen und Wirkungen

Die Debatte über Natur versus…

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