Kein Führer durch «Falsch und Richtig»

Ein Reformer der Rechtschreibung überarbeitet Walter Heuers Standardwerk

Wer richtig und gut sprechen und schreiben will, braucht gute Ohren, gute Augen und, wenn er ein Buch über den vorbildlichen Sprachgebrauch wählt, eine gute Hand. Eines der Bücher, welche die Wahl lohnen, stammt von Eduard Engel, den man zu Unrecht vergessen hat: «Gutes Deutsch. Ein Führer durch Falsch und Richtig» (1918); ein anderes von Walter Heuer: «Richtiges Deutsch. Eine Sprachschule für jedermann». 196 erstmals erschienen, hat es sich in fünfundvierzig Jahren bewährt; es wird seit 1983 von Max Flückiger und Peter Gallmann betreut und liegt seit dem letzten Jahr in 26. Auflage vor (Verlag Neue Zürcher Zeitung).

Von seinen Vorgängern führt Heuer unter anderen Theodor Matthias («Sprachleben und Sprachschäden», 1892) an; der Überlieferungszusammenhang, in dem er steht, zeigt sich aber auch an seiner Auswahl der Schwierigkeiten und Beispielsätze. So wird, noch in der neuesten Ausgabe, die Frage behandelt, ob «Wir Freisinnige» richtig sei oder «Wir Freisinnigen». Anlaß ist Bismarcks Satz: «Wir Deutsche fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt.» Dazu schrieb Eduard Engel, der lange Stenograph im Reichstag war: «Daß Bismarck unzweifelhaft ‹Wir Deutsche› gesprochen hat, dessen bin ich selbst einer der letzten lebenden Zeugen und wohl der beste: ich habe es neben ihm sitzend in amtlicher Pflicht des genauesten Aufmerkens und Vergleichens so gehört, sogleich niedergeschrieben, und Bismarck hat es nach der Durchsicht so in den Druck gehen lassen.» Soll man heute wie Bismarck sprechen? Zweifellos kann man es, zweifellos ist es nicht falsch, und schlecht auch nicht. Wo ist überhaupt die Grenze zwischen richtig und gut? Engels Begriffsbestimmung lautet so unscharf, wie es die Sache fordert: «Richtig bedeutet: zurzeit gilt dies nach dem übereinstimmenden oder überwiegenden Gebrauch der sorgfältigen Schriftsteller als gute Schriftsprache.» Ähnlich wie bei Engel ist auch bei Heuer Sprachgefühl spürbar und eine Vorsicht, die sich aus langer Erfahrung im Umgang mit den Schwierigkeiten nährt.

Schauen wir die Folgen der Rechtschreibreform in Heuers Buch an. Seit 2 1 erhebt es im Untertitel den Anspruch, eine «vollständige Grammatik und Rechtschreiblehre» zu sein. Was aber soll der vorsichtige Zusatz «unter Berücksichtigung der aktuellen Rechtschreibreform»? Der Bearbeiter Peter Gallmann vertrat die Schweiz in der Rechtschreibkommission und brachte, wie es in der Vorlage für die amtliche Regelung heißt, «den Regelteil in die endgültige Form»: warum berücksichtigt er ein Werk lediglich, an dem er maßgeblich beteiligt war? Zum Komma etwa schreibt er: «Die neue Regelung gibt die Kommasetzung bei Infinitivgruppen mit zu weitgehend frei. Für die grafische Industrie, wo ein sprachlich sauberes und einheitliches Produkt hergestellt werden soll, dürfte diese Lösung aber wenig praktikabel sein. Wir schlagen daher eine Regelung vor, die sich am bisherigen Schreibgebrauch orientiert.» Wenn die neue Kommaregel kein «sauberes Produkt» hervorbringt, warum führte man sie 1996 ein und warum verbesserte man sie nicht längst?

Geändert wurde doch in den vergangenen acht Jahren viel; einschneidende Änderungen der Reformer billigten die Politiker im Juni 2 4. Dazu schreibt Gallmann im Vorwort nur, daß nun einige Fehler behoben und einige Präzisierungen vorgenommen worden seien. Warum gibt er keinen Überblick über die Änderungen und warum nimmt er nicht einmal alle auf? Das Vorwort stammt vom August 2 4; war die Zeit zu knapp? Daß nun, nach acht Jahren es tut mir Leid, plötzlich es tut mir leid wieder richtig sein soll, verbucht er so: «leidtun (daneben auch: Leid tun)». Bemerkenswert ist der Titel, unter dem das geschieht: «Die folgende Liste enthält die gebräuchlichen Verbindungen dieser Art». In der letzten Auflage (2 1) war leidtun keine «gebräuchliche Verbindung»; Gallmann stellt also nicht den Sprachgebrauch dar, sondern das Gutdünken der Reformkommission. Dieselbe Willkür steckt im Satz: «Die Schreibung heute Früh wird nur in Österreich gebraucht.»…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»