Christine Brand, zvg.

Kaufzwang im
Konsumtempel

Gegen den Austausch unnützer Geschenke.

Es gibt Momente, da verstehe ich die Welt nicht mehr – oder eher die Menschen. In den letzten Monaten häuften sich diese Momente. In dieser Zeit, in der so viele lauthals nach Freiheit schreien, bietet es sich an, über einen Zwang zu schreiben: den Kaufzwang, den sich unsere Gesellschaft auferlegt.

Wer sich dieser Tage in ein Einkaufszentrum begibt, ahnt, wovon ich schreibe. Weihnachten ist zwar noch eine Weile weit weg, doch die Konsumtempel gleichen jetzt schon Ameisenhaufen. Jeder Einkauf wird zum stressigen Spiess­rutenlauf. Hält man dennoch durch und schafft es bis zur Kasse, gewährt ein Blick in die anderen Einkaufswagen Einblicke, die man sich lieber ersparen möchte. Darin stapeln sich überflüssige, nicht selten gar hässliche Dinge, die kein Mensch gebrauchen kann, die für einen kurzen Moment ­unter dem Tannenbaum landen – und dann wohl flugs im Mülleimer oder im besten Fall in der Abstellkammer. Wer will so was? Wie kann man für so etwas Geld ausgeben? Warum tut man sich den Geschenkestress an? Und wie war das schon wieder mit der weihnachtlichen Besinnlichkeit? Die Konsumflut beim Austausch unnützer Geschenke kann damit nicht gemeint gewesen sein.

Und jetzt auch noch das: «Gähnende Leere unter dem Christbaum?», fragte der «Tages-Anzeiger» schon Mitte ­Oktober. Wegen Lieferengpässen, so der Rat des Journalisten, sollten Geschenke wie Handys, Spielsachen oder Haushalts­geräte möglichst früh gekauft werden. Auf die Plätze, fertig, los! Wer zu spät kommt, geht leer aus. Ich zweifle nicht daran, dass viele dem Aufruf Folge leisten. Ob das nicht schon krankhaft ist?

Es gäbe meines Erachtens eine bessere Lösung, die Lieferengpässe zu umgehen: weniger kaufen. Den Lieben statt zu Weihnachten lieber dann etwas schenken, wenn einem ein ­geeignetes Geschenk begegnet, egal, ob gerade Mai, Juni oder Oktober ist. Dafür kann man sich zu Weihnachten selbst ein Geschenk machen: sich etwas Ruhe gönnen. Sich vom ­Konsumzwang zu lösen, kann extrem befreiend sein.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»