Kathedralen des Wohlstands

Ob in Zürich, Paris, Berlin oder London: im Warenhaus träumen sich Europas Städter von Etage zu Etage. Doch wie viel mondänen Duft versprühen Jelmoli, Lafayette, KaDeWe und Harrods – abgesehen von ihren Parfümabteilungen – auch heute noch? Eine urbane Kulturgeschichte.

Kathedralen des Wohlstands
Geschäftshaus Jelmoli Ecke Seidengasse / Sihlstrasse, Zürich, 1903. Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich.

Das Erdgeschoss eines Warenhauses im Grossstadtzentrum an einem beliebigen Sommervormittag: Parfumfahnen wehen, ein leichter Geruch von Schreibblöcken und Farbstiften.

Am Rolex-Stand streitet ein Mann über den Preis einer Gummilitze, die Verkäuferin ist ratlos in ihrem braunen Cordkleid:

«Wenden Sie sich doch bitte an den Hausmechaniker …», bescheidet sie ihm.

An einem Grabbeltisch durchsuchen zwei ältere Frauen das Strumpfsortiment. «Was für Gierlappen… – da würde ich nie im Leben meine Hand reinstecken», murmelt ein Mann im Vorbeigehen. Eine der Frauen schaut empört hoch, dabei fällt ihr Spazierstock auf den Boden.

Etwas entfernt begutachtet eine junge Frau im blumigen Sommerkleid die Wolford-Farbpalette. Ein weisshaariger Mann schlurft auf sie zu und sagt mit selbstbewusst strahlendem Gesicht:

«Darf ich die Dame zu Kaffee und Kuchen in den fünften Stock einladen?» – Die junge Frau blickt auf, verwundert; sie errötet.

«Warum eigentlich nicht?», sagt sie.

 

Im Keller – die Anfänge des Kaufhauses

Jelmoli, Lafayette, Harrods, KaDeWe, Bloomingdale’s – Warenhäuser, Orte des Staunens, Orte der Gier. Wie mittelalterliche Kathedralen liegen sie im Herzen der Städte. Im Inneren sind sie Orte der Zeitlosigkeit und Zuversicht, nehmen den Besuchern die Angst vor dem Verfliessen der Zeit. Wie funktionieren sie? Warum setzten sie Europäer stets in die Herzen ihrer Städte?

Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris. Im Jahre 1848 wurde in Frankreich die bürgerliche Republik unter Napoleon III. gegründet. Dieser sah sich mit einer überbevölkerten und «kranken» Hauptstadt konfrontiert, deren Infrastruktur (enge, kleine Strassen, wenig offene Räume) die Menschenmassen unkontrollierbar machte. Er ordnete eine Sanierung der Stadt an, um Sicherheit und Hygiene des öffentlichen Raums zu verbessern. Die folgenden Umbauten unter dem Präfekten Baron Haussmann machten Paris zu der Stadt, die man noch heute kennt: es entstanden Boulevards, Parks und Plätze, Wassersystem und Kanalisation wurden rundum saniert, ein Verkehrsnetz und Nachtbeleuchtung strukturierten fortan den Raum.

Das Warenhaus ist nicht direkt Haussmann zuzuschreiben, doch fällt seine Erscheinung in jene Zeit des Umbaus von Paris. Im Jahre 1827 war «La Belle Jardinière» gegründet worden – zunächst nur ein kleines Geschäft, das Kleider von der Stange verkaufte, 1866 expandierte und in ein palastartiges Gebäude am Pont Neuf zog. Im Jahre 1858 «erfand» Charles Frederick Worth in seinem «House of Worth» in der Rue de la Paix die Haute Couture. Er entwarf saisonale, massgeschneiderte Mode, arbeitete mit Models und organisierte an den Jahreszeiten orientierte Modeschauen.

Am Anfang des Warenhauses im engeren Sinn steht «Au Bon Marché», 1838 von den Gebrüdern Videau gegründet. 1848 wurde Aristide Boucicaut Teilhaber bei den Videaus, ehe er 1852 die Mehrheit übernahm und das Konzept nach seinem Geschmack anpasste. Unter seiner Leitung fand eine Expansion statt – so wurden ab 1869 neben Wäsche auch Möbel, Teppiche und weitere Einrichtungsgegenstände angeboten. Was dieses erste Warenhaus auszeichnete, gilt bis heute auch für alle anderen als Massstab: ein möglichst breites Sortiment (Neuheiten und Althergebrachtes, Luxusgüter und billig produzierte Massenware), feste Preise und Ausverkaufsstrategien, Umtausch- und Reklamationsmöglichkeiten, Überfluss ohne Kaufzwang.

Im Jahre 1883 schrieb Émile Zola den ersten Kaufhausroman «Au Bonheur des Dames». Die zwanzigjährige Denise Baudu kommt aus der Provinz nach Paris, um als Verkäuferin des Warenhauses «Au Bonheur des Dames» zu arbeiten. Der Beginn des Romans beschreibt ihren ersten Eindruck: «Denise nickte zustimmend. Sie hatte bei Cornaille, dem ersten Modewarenhändler von Valognes, zwei Jahre gearbeitet. Als sie jetzt plötzlich vor diesem Haus, vor diesem grossartigen Geschäft stand, vergass sie in ihrem Staunen alles Übrige. An der stumpfen Ecke, die auf die Place Gaillon ging, befand sich eine hohe Glastür, die bis zum Zwischenstock reichte, umrahmt von kunstvoll zusammengesetztem, reich vergoldetem Zierrat. Zwei sinnbildliche Figuren, lachende Frauengestalten, entrollten ein Band, auf dem zu lesen war: ‹Zum Paradies der Damen›.»1