Kapitalismus und Moral

Während die hochentwickelten Länder von der «Krise des Kapitalismus» sprechen, zeigt sich die freie Marktwirtschaft in anderen Teilen der Welt weiterhin als ökonomisches Erfolgsmodell. Der Verweis auf wirtschaftliche Potenz allein reicht als Verteidigung des Kapitalismus aber nicht. Sein wirklicher Wettbewerbsvorteil ist moralischer Natur.

Kapitalismus und Moral

In unseren Tagen, da die Wirtschafts- und Finanzkrise die gesamte westliche Welt erschüttert, Pessimismus sät und düstere Vorhersagen für die Zukunft der freiheitlichen Gesellschaft schürt, gerade in diesen Tagen ist wieder daran zu erinnern, dass der Kommunismus auch weiterhin keine ernstzunehmende Alternative zu Demokratie und freier Marktwirtschaft darstellt. Noch vor kaum fünfundzwanzig Jahren schien er auf nahezu der halben Welt fest etabliert zu sein, nach dem Verschwinden der UdSSR und Chinas Wandel in ein autoritäres kapitalistisches Regime ist von ihm nicht mehr viel übrig. Seit dem Fall der Berliner Mauer, Symbol für das Ende des Sowjetimperiums, der schwersten Bedrohung, derer sich die Kultur der Freiheit in den wenigen Jahrhunderten ihres Bestehens hat erwehren müssen, konnte der Kommunismus lediglich in zwei Enklaven als antiquiertes Relikt überdauern: in Kuba und Nordkorea, die durch Kollektivismus, Etatismus und Despotismus gleichsam in der Vergangenheit und in bitterer Armut erstarrt sind.

Das Ende des Kommunismus war nicht etwa das Ergebnis eines Krieges oder einer entscheidenden ideologischen Konfrontation mit der freien Welt. Im Gegenteil, letztere schien sich mit der Koexistenz bereits abgefunden zu haben, und kein Geringerer als Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger glaubte, dass der Kommunismus auf der Welt sei, um zu bleiben. Gott sei Dank sollte sich das nicht bewahrheiten.

Der Sieg über ihren bedrohlichsten ideologischen Feind bescherte der freien Welt jedoch keineswegs eine Fortsetzung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Erfolgsgeschichte auf der Grundlage einer Politik der offenen Märkte und der Wettbewerbsfreiheit oder der Stärkung der Demokratie durch mehr Bürgerbeteiligung am politischen Leben. Im Gegenteil, seit über drei Jahren leiden die demokratischen Gesellschaften unter einer verheerenden Wirtschafts- und Finanzkrise, die die Arbeitslosigkeit in die Höhe und Tausende von Unternehmen in den Bankrott getrieben sowie erschreckende Fälle von Korruption und durch und durch unlautere Geschäftspraktiken zutage gefördert hat. All das hat die Öffentlichkeit alarmiert und Misstrauen gegenüber den Banken und den internationalen Finanzinstitutionen gesät. Daher ist es kaum verwunderlich, dass die grossen Städte der westlichen Länder zum Schauplatz der jungen Occupy-Protestbewegung werden und wir wieder einmal die alten Hetzreden gegen die kapitalistische Ausbeutung und die Märkte hören, die angeblich Egoismus und Ungleichheit schüren und Gräben zwischen Arm und Reich aufreissen. Es ist erstaunlich, dass unter den «Empörten» wieder diejenigen Stimmen laut werden, die die alten populistischen und sozialistischen Formeln als Allheilmittel gegen die kränkelnde Wirtschaft der freien Welt heraufbeschwören: Nationalisierung, Planwirtschaft und Ausbau des öffentlichen sowie Beschränkung des privaten Sektors.

Auf zahlreichen Reisen bin ich letztes Jahr in Madrid, Paris, Berlin und zuletzt auch an der Wall Street den zornigen «Empörten» begegnet. Käme man nie über die Grenzen der hochentwickelten Länder der westlichen Welt hinaus – das heisst: Europa und die USA –, könnte man fast glauben, das Mekka des Kapitalismus sehe unaufhaltsam seinem Ende entgegen und laufe infolge seiner inneren Widersprüche ähnlich wie zuvor der Kommunismus Gefahr, einer Implosion zum Opfer zu fallen.

Glücklicherweise führten meine Reisen mich bis weit jenseits der Ozeane nach Asien und Südamerika. Und siehe da, dort traf ich auf ein völlig anderes Szenario als jenes, das Arthur Rimbaud noch das Europa «aux anciennes parapets» (der alten Bollwerke) nannte. In Asien und Lateinamerika scheint der Kapitalismus ganz und gar nicht ausgedient zu haben. Im Gegenteil: in jenen Regionen der Welt präsentiert er sich kraftstrotzender und zuversichtlicher denn je. Indien, Südkorea, Taiwan, die Volksrepublik China, Singapur, Indonesien, Malaysia und Südafrika glänzen mit boomenden Wirtschaften, tatkräftigen Privatunternehmen und zahlreichen Investitionen aus aller Welt, die dort Arbeitsplätze schaffen und im Nu eine Mittelschicht heranwachsen lassen. Diese Länder öffnen ihr politisches Spektrum, verzichten auf alte autoritäre Praktiken und übernehmen demokratische Gepflogenheiten, denn sie haben erkannt, dass Freiheit nicht teilbar ist, anders gesagt, dass es keine wirtschaftliche…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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