Kapitalismus und Moral

Während die hochentwickelten Länder von der «Krise des Kapitalismus» sprechen, zeigt sich die freie Marktwirtschaft in anderen Teilen der Welt weiterhin als ökonomisches Erfolgsmodell. Der Verweis auf wirtschaftliche Potenz allein reicht als Verteidigung des Kapitalismus aber nicht. Sein wirklicher Wettbewerbsvorteil ist moralischer Natur.

Kapitalismus und Moral

In unseren Tagen, da die Wirtschafts- und Finanzkrise die gesamte westliche Welt erschüttert, Pessimismus sät und düstere Vorhersagen für die Zukunft der freiheitlichen Gesellschaft schürt, gerade in diesen Tagen ist wieder daran zu erinnern, dass der Kommunismus auch weiterhin keine ernstzunehmende Alternative zu Demokratie und freier Marktwirtschaft darstellt. Noch vor kaum fünfundzwanzig Jahren schien er auf nahezu der halben Welt fest etabliert zu sein, nach dem Verschwinden der UdSSR und Chinas Wandel in ein autoritäres kapitalistisches Regime ist von ihm nicht mehr viel übrig. Seit dem Fall der Berliner Mauer, Symbol für das Ende des Sowjetimperiums, der schwersten Bedrohung, derer sich die Kultur der Freiheit in den wenigen Jahrhunderten ihres Bestehens hat erwehren müssen, konnte der Kommunismus lediglich in zwei Enklaven als antiquiertes Relikt überdauern: in Kuba und Nordkorea, die durch Kollektivismus, Etatismus und Despotismus gleichsam in der Vergangenheit und in bitterer Armut erstarrt sind.

Das Ende des Kommunismus war nicht etwa das Ergebnis eines Krieges oder einer entscheidenden ideologischen Konfrontation mit der freien Welt. Im Gegenteil, letztere schien sich mit der Koexistenz bereits abgefunden zu haben, und kein Geringerer als Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger glaubte, dass der Kommunismus auf der Welt sei, um zu bleiben. Gott sei Dank sollte sich das nicht bewahrheiten.

Der Sieg über ihren bedrohlichsten ideologischen Feind bescherte der freien Welt jedoch keineswegs eine Fortsetzung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Erfolgsgeschichte auf der Grundlage einer Politik der offenen Märkte und der Wettbewerbsfreiheit oder der Stärkung der Demokratie durch mehr Bürgerbeteiligung am politischen Leben. Im Gegenteil, seit über drei Jahren leiden die demokratischen Gesellschaften unter einer verheerenden Wirtschafts- und Finanzkrise, die die Arbeitslosigkeit in die Höhe und Tausende von Unternehmen in den Bankrott getrieben sowie erschreckende Fälle von Korruption und durch und durch unlautere Geschäftspraktiken zutage gefördert hat. All das hat die Öffentlichkeit alarmiert und Misstrauen gegenüber den Banken und den internationalen Finanzinstitutionen gesät. Daher ist es kaum verwunderlich, dass die grossen Städte der westlichen Länder zum Schauplatz der jungen Occupy-Protestbewegung werden und wir wieder einmal die alten Hetzreden gegen die kapitalistische Ausbeutung und die Märkte hören, die angeblich Egoismus und Ungleichheit schüren und Gräben zwischen Arm und Reich aufreissen. Es ist erstaunlich, dass unter den «Empörten» wieder diejenigen Stimmen laut werden, die die alten populistischen und sozialistischen Formeln als Allheilmittel gegen die kränkelnde Wirtschaft der freien Welt heraufbeschwören: Nationalisierung, Planwirtschaft und Ausbau des öffentlichen sowie Beschränkung des privaten Sektors.

Auf zahlreichen Reisen bin ich letztes Jahr in Madrid, Paris, Berlin und zuletzt auch an der Wall Street den zornigen «Empörten» begegnet. Käme man nie über die Grenzen der hochentwickelten Länder der westlichen Welt hinaus – das heisst: Europa und die USA –, könnte man fast glauben, das Mekka des Kapitalismus sehe unaufhaltsam seinem Ende entgegen und laufe infolge seiner inneren Widersprüche ähnlich wie zuvor der Kommunismus Gefahr, einer Implosion zum Opfer zu fallen.

Glücklicherweise führten meine Reisen mich bis weit jenseits der Ozeane nach Asien und Südamerika. Und siehe da, dort traf ich auf ein völlig anderes Szenario als jenes, das Arthur Rimbaud noch das Europa «aux anciennes parapets» (der alten Bollwerke) nannte. In Asien und Lateinamerika scheint der Kapitalismus ganz und gar nicht ausgedient zu haben. Im Gegenteil: in jenen Regionen der Welt präsentiert er sich kraftstrotzender und zuversichtlicher denn je. Indien, Südkorea, Taiwan, die Volksrepublik China, Singapur, Indonesien, Malaysia und Südafrika glänzen mit boomenden Wirtschaften, tatkräftigen Privatunternehmen und zahlreichen Investitionen aus aller Welt, die dort Arbeitsplätze schaffen und im Nu eine Mittelschicht heranwachsen lassen. Diese Länder öffnen ihr politisches Spektrum, verzichten auf alte autoritäre Praktiken und übernehmen demokratische Gepflogenheiten, denn sie haben erkannt, dass Freiheit nicht teilbar ist, anders gesagt, dass es keine wirtschaftliche Freiheit ohne politische Freiheit gibt und dass materieller Fortschritt, wenn er allein auf wirtschaftlichem Liberalismus beruht und den politischen und gesellschaftlichen Sektor ausspart, bedroht ist, dass er sozusagen ein Fortschritt mit Bleifüssen bleibt. Selbst die Volksrepublik China, die sich mit dem Betreiben einer Wirtschaftspolitik des offenen Marktes innerhalb einer Einparteiendiktatur an der Quadratur des Kreises versucht, muss der nach Teilhabe gierenden neuen Gesellschaftsschicht, der die ökonomische Öffnung den Aufstieg aus der Armut, eine bessere Schulbildung und einen höheren Lebensstandard beschert hat, tagtäglich kleine Zugeständnisse machen. Für mich besteht kein Zweifel, dass China, wenn es weiterhin so rasant prosperieren will wie bisher, sich politisch ebenso wird öffnen müssen wie zuvor schon in wirtschaftlicher Hinsicht.

Das Panorama in Lateinamerika stellt sich nicht minder vielversprechend dar für jemanden, der wie ich daran glaubt, dass nur ein System der freien Unternehmen, des privaten Eigentums, offener Märkte und politischer Freiheit befähigt ist, Elend, Hunger und Ausbeutung ein Ende zu setzen und Gesellschaften zu schaffen, die echten Wohlstand bieten – und gleiche Chancen für alle. Unterdessen verkommt die kubanische Diktatur im Elend, populistische und pseudodemokratische Regime wie diejenigen in Venezuela, Bolivien und Nicaragua lassen ihre Länder verarmen und in Korruption und Gewalt ersticken. Diejenigen aber, die wie Brasilien, Mexiko, Kolumbien, Chile, Uruguay, Peru und andere entschlossen den Weg der Demokratie und einer liberalen Wirtschaft beschritten haben, erleben nun, jeder auf seine Weise, eine aussergewöhnliche Phase wirtschaftlichen Aufschwungs.

Welch ein Paradox! Länder, die bis vor kurzem noch als Vorbilder für den Weg aus der Rückständigkeit galten, stecken heute in einer Krise, die sie schlimmstenfalls in ihrer Entwicklung zurückzuwerfen droht, so wie jüngst Argentinien und nun auch Griechenland, während Länder, denen man vor nicht allzu langer Zeit die Lösung ihrer Probleme noch nicht zutraute, sich inzwischen auf dem wirtschaftlichen Vormarsch befinden, ohne dass das grosse Erdbeben, das Europa und die Vereinigten Staaten erschüttert, ihnen etwas anzuhaben scheint.

Was aber ist geschehen, dass sich das Blatt – oder die Tortilla, wie der Spanier sagt – so rasch gewendet hat? Ganz einfach: Die gelehrigen Schüler haben die Lektionen gelernt, die ihre Lehrer ihnen zwar predigten, daheim aber zu befolgen vergassen, wo sie häufig genau das Gegenteil von dem taten, was sie den Ländern auf ihrer Suche nach einem Ausweg aus Unterentwicklung und Armut rieten: Weisheiten wie die, dass ein Land nicht mehr ausgeben darf, als es produzieren kann, mit anderen Worten nicht über seine Verhältnisse leben darf, weil es sonst riskiert, Schulden anzuhäufen, die es am Ende ruinieren werden; dass Haushaltsdisziplin und Kontrolle der öffentlichen Ausgaben zwingende Voraussetzungen sind für eine gesunde Wirtschaft und eine stabile Währung. Dass verantwortungsvolle Banken und Finanzinstitute ihren Gewinn machen, indem sie ihren Kunden dienen, anstatt sich bei ihnen zu bedienen oder mit dem ihnen anvertrauten Geld zu spekulieren, damit ihre Direktoren und Manager ordentlich daran verdienen; und dass es mit den Worten Milton Friedmans nichts umsonst gibt («There is no such thing as a free lunch»), denn jede verantwortungslose Verschwendung kommt einen früher oder später teuer zu stehen, dann nämlich, wenn Verschwendungen Länder, Unternehmen, Individuen in den Bankrott oder in die Katastrophe treiben.

Die Krise, die Westeuropa und die Vereinigten Staaten zurzeit erleiden, ist gewiss weder die erste noch die letzte, die der Kapitalismus zu meistern hat. Aber möglicherweise hat sie grösseren moralischen Schaden angerichtet als alle, die er bisher erlebt und überwunden hat. Denn sie hat einen eklatanten Verlust an ethischen Grundwerten in ihrem Innersten aufgedeckt und einen von Egoismus geprägten Geist, bei dem die Profitgier grosse Manager und Unternehmer, angesehene Bankiers und Finanziers derart blind gemacht hat, dass sie ohne jede Weitsicht oder Skrupel Entscheidungen zum Schaden ihrer Kunden und eben jenes Systems trafen, dem sie ihre Macht und ihren Reichtum verdanken. Das ist das grösste Problem, das zu beheben mit Sicherheit am längsten dauern wird. Denn unter schwersten Opfern, die mehrheitlich die Leidtragenden der Krise, nicht aber ihre Verursacher zu schultern haben, werden sich die betroffenen Länder allmählich erholen, sich die erforderlichen Kredite zur Gesundung der Unternehmen und der gesamten Maschinerie gewähren, die für neuen Reichtum, Arbeitsplätze und Beschäftigung sorgen, und früher oder später wird der Kapitalismus in der westlichen Welt seine kreative, fortschrittliche Kraft zurückgewinnen. Sollte der in der Krise hervorgetretene moralische Verfall im System des freien Unternehmertums und der offenen Märkte jedoch nicht an der Wurzel gepackt werden, wird sich der Zerfall im Innern weiter ausbreiten, seine Stützpfeiler untergraben und den gesellschaftlichen Konsens – das Vertrauen und die Solidarität der Mehrheit der Bürger – zerstören, ohne den auf lange Sicht keine Institution überleben kann.

Für viele Philosophen und Theoretiker des Liberalismus – von Adam Smith über Sir Karl Popper bis Friedrich August von Hayek – ist die solideste Basis der Kultur der Freiheit eher moralischer als materieller Natur und beruht mehr auf ethischen und spirituellen Prinzipien und Taten als auf politischen oder ideologischen. Eine vom wirtschaftlichen Liberalismus und dem Recht auf Privateigentum geprägte Gesellschaft ohne ethische Dimension wäre demnach ein seelenloses Wesen, ein Roboter, anfällig für den geringsten mechanischen Fehler. Ihnen zufolge sind also die tieferen Ursachen für die verheerende Krise, die Westeuropa und die Vereinigten Staaten zurzeit im Griff hat, in der Missachtung der ethischen und spirituellen Grundlagen des Kapitalismus zu suchen, in der Missachtung der moralischen Werte, die ihn stützen.

Es ist, so auch mein Eindruck, ein grosser Irrtum, das System des freien Marktes und unabhängiger Betriebe ausschliesslich mit wirtschaftlichen Argumenten zu verteidigen. Unbestritten hat der Kapitalismus auf spektakuläre Weise immer mehr Reichtum und damit Wohlstand und materiellen Fortschritt über die Welt gebracht. Doch das sind Folgen, nicht Ursachen. Der Kapitalismus hat die Gesellschaft von der Sklaverei und Unterdrückung des feudalen Systems befreit, das die Mehrheit der Menschheit zu von morgens bis abends schuftenden Arbeitstieren erniedrigte, ohne Rechte, Würde oder Lohn, von ihren Feudalherren oft unbarmherziger behandelt als ihre Pferde oder Hunde. Das Leben wurde humaner mit dem Aufkommen von unabhängigen Betrieben, privaten Händlern, der Entwicklung moderner Städte, einem System von privatem Eigentum, Freihandel und offenen Märkten. Ohne all das wären die Ideen vom selbstbestimmten Individuum, vom Recht eines jeden einzelnen und der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz nie entstanden. Errungenschaften, die sich in diesem einzigen Wort Freiheit erfassen lassen – ein Begriff, der politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Chancen eröffnete, Veränderungen bewirkte und Werte schuf, die der Menschheit einen Fortschritt bescherten, wie ihn sich unsere Vorfahren niemals hätten träumen lassen.

Trotz der misstrauischen, bisweilen gar feindlichen Haltung der Kirche gegenüber dem Kapitalismus (eigentlich gegen den Reichtum) muss man als historische Tatsache anerkennen, dass die Marktwirtschaft mit ihrer ungeheuren Fähigkeit, Wohlstand zu schaffen und den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt voranzutreiben, mehr als alles andere dazu beitrug, die Menschheit aus ihrem «animalischen Zustand» zu befreien, wie Marx es nannte. Der Kapitalismus schuf also eine wesentliche Voraussetzung dafür, um religiöse Gebote wie Gutes tun und dem Nächsten gegen alle Widerstände ein würdevolles Leben ermöglichen im realen Leben zu verankern. Das System des Kapitalismus war in seinen Anfängen wie zu seinen Hochzeiten durchtränkt von ethischen und spirituellen Werten.

Auf dem Gebiet der Wissenschaft hat das System des freien Unternehmertums und offener Märkte zu Forschungen und Entdeckungen geführt, mit deren Hilfe die schlimmsten, zuweilen gar die gesamte menschliche Existenz bedrohenden Krankheiten besiegt werden konnten – und tut es immer noch. Es hat Erfindungen und Systeme hervorgebracht, die unsere Lebensqualität in einer Weise verbessert haben, wie sie unsere Urgrosseltern noch vor ein paar Jahrzehnten für undenkbar gehalten hätten. Das ist auch der Grund, warum Millionen Menschen – vor allem junge Leute – weltweit den Tod jenes grossen Visionärs und Unternehmers namens Steve Jobs beklagten, dessen Ideen und Erneuerungen im Bereich des Kommunikationswesens revolutionär waren. Diese Ehrung galt nicht nur dem genialen Menschen und Apple-Mitbegründer, sondern auch dem System, das ihn hervorbrachte und seinen aussergewöhnlichen Lebensweg erst möglich machte.

Die Demokratie an sich – das heisst das politische System, das der Gesellschaft erwiesenermassen ihre grössten Errungenschaften beschert hat: Unterdrückung von Gewalt, friedliche Regierungswechsel, Zusammenleben in Vielfalt und die besten Kontrollmechanismen gegen Machtmissbrauch – ist untrennbar verbunden mit dem auf Werten wie Privateigentum beruhenden Kapitalismus.

All das verleiht diesem System eher eine moralische und spirituelle Berechtigung als eine materialistische, was den Gründungsvätern der amerikanischen Unabhängigkeit zutiefst bewusst war, als sie das Streben nach Glück als unveräusserliches Grundrecht eines jeden Amerikaners in ihrer Verfassung verankerten. Indem sie aber vom Streben nach Glück sprachen und nicht vom Glück selbst, gaben sie zum Ausdruck, dass sie das Glück als ein rein persönliches und privates Gut betrachteten, dessen Auslegung von jedem einzelnen sowie vom kulturellen Umfeld abhängt und nicht von Staaten oder von Regierungen verordnet werden sollte, die folglich lediglich den Rahmen für Freiheit und Chancengleichheit zu sichern haben, damit jeder einzelne nach seinem Glück streben (oder besser: es sich erschaffen) kann.

Die altruistische, philanthropische Idee vom Kapitalismus der amerikanischen Urväter entspricht in nichts dem Schauspiel, das dieses System mit der schweren Krise, in der die westlichen Demokratien momentan stecken, der Welt in letzter Zeit bietet. Man möchte vielmehr meinen, dass seine höchsten Repräsentanten alles getan haben, um den klassischen Karikaturen nachzueifern, die ihre Verleumder gerne von ihnen verbreiten. Urheber der Krise waren nicht die vorbildlichen Grossunternehmer, die Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen und sich wie Steve Jobs gegen Armut und alle Widerstände behaupten, sondern die selbstsüchtigen Spekulanten, die, geblendet von ihrer Profitgier, ihre Geschäftspartner, Anleger und sogar ihr eigenes Unternehmen in den finanziellen Ruin trieben. Nicht jene, die nachhaltige Projekte entwickeln, angetrieben vom Wunsch nach Fortschritt für sich und ihre Angehörigen wie zum Wohle ihrer Mitarbeiter, ihrer Stadt, ihres Landes und ihrer Zeit. Sondern jene, die in ihrem Streben nach dem leichten und raschen Gewinn die Zukunft für eine flüchtige Gegenwart opferten und in ihrer Ungeduld den Boden unter den eigenen Füssen zerstörten, das heisst die Fabrik, die Bank oder das Unternehmen, die sie leiteten, ohne zu bedenken, dass sie im Fall eines Scheiterns alle mitrissen, die ihnen vertrauten, und obendrein das System und die Gesellschaft, denen sie ihren rasanten Aufstieg erst verdankten.

So sind wir in eine nie da gewesene Lage geraten, die sich folgendermassen darstellt: ausgerechnet als der Kommunismus, der erbittertste Feind der westlichen Demokratien, seinen inneren Widersprüchen und Misserfolgen erliegt und untergeht, schöpft das kapitalistische System nicht etwa Kraft aus diesem historischen Beweis seiner Überlegenheit als Garant jener unteilbaren Dreieinigkeit – Recht, Freiheit und Eigentum –, die Hayek als den Motor der Zivilisation bezeichnete, sondern gerät ebenfalls ins Wanken, als Opfer jenes Gifts, das der Organismus des Kapitalismus sich ausbreiten lassen hat, anstatt es abzuwehren und auszurotten. So wurde der Aspekt seiner Natur vernachlässigt, den auch grosse Unternehmergeister unserer Zeit – wie Bill Gates und Warren Buffett –, die einen Grossteil ihres gigantischen Vermögens in humanitäre Hilfsprojekte investiert haben, als vorrangig erachteten: die moralische und spirituelle Dimension des Kapitalismus.

Es gibt eine Tatsache, welche wir, die wir an das kapitalistische System glauben und es verteidigen, nicht leugnen können. Während der Kapitalismus sich hinsichtlich der Ressourcenverteilung sowie beim Erkennen und der Befriedigung potentieller Bedürfnisse bzw. Nachfragen einer Gesellschaft als unschlagbar erwiesen hat, als das System mit dem gerechtesten Lohn für jene, die mit ihrer Arbeit der Mehrheit dienen, schürt er auch ein Streben nach materiellen Gütern – Konsum – und Anhäufung von Vermögen, was im Rahmen einer geltenden und sich Geltung verschaffenden Rechtsordnung nicht schlecht sein muss. Im Gegenteil, solange keine Gesetze übertreten werden, erhält sich das System aufrecht, indem es Anreize für Erfindungsgeist und die Entwicklung neuer Produkte schafft, den Wettbewerb stimuliert und Vorbilder und Paradigmen hervorbringt, denen die junge Generation nacheifern wird. Doch die Grenzen zwischen Tugend und Laster, zwischen dem legitimen Wunsch nach redlich erarbeitetem Erfolg und Wohlstand einerseits und reiner Gier oder Profitsucht andererseits sind fliessend, denn letztere können so beherrschend werden, dass sie blind machen und unter Missachtung von Anstand und Gesetzen zu Handlungen verleiten, die anderen und dem System selbst schaden. Es reicht nicht zu meinen, das Problem sei gelöst und das System gerettet, wenn die Regierung auf die Einhaltung der Gesetze achtet und unmittelbar auf derlei kriminelle Überschreitungen reagiert, indem sie Schuldige vor Gericht stellt und einer gerechten Strafe zuführt. Dem wäre nur so, wenn solche Fälle selten vorkämen, sozusagen als Ausnahme von der Regel, nicht aber sobald sie wie eine Seuche grassieren, die das System in seinen Grundfesten bedroht.

Leider ist genau das der Eindruck, den die jüngste Krise der Banken und Finanzinstitutionen hinterlässt, deren Manager sich selbst mit ungeheuren Privilegien ausgestattet haben, während ihre Unternehmen ihr Kapital verschleuderten und in den Bankrott gingen und die Einlagen der Kunden, die ihnen vertraut hatten, zunichte machten – um anschliessend nach Rettung durch die Steuerzahler zu rufen.

Damit das überhaupt in diesem Ausmass geschehen konnte, muss es zu Schludereien oder Mittäterschaft innerhalb der Kontrollorgane gekommen sein, die über korrekte Abläufe innerhalb des Systems zu wachen haben. Doch es wäre weit gefehlt, wollte man allein die Inkompetenz und Unehrlichkeit einiger weniger für die Krise verantwortlich machen, die Millionen von Menschen in die Arbeitslosigkeit und eine Menge kleiner und mittlerer Unternehmen in den Bankrott getrieben hat. Denn nicht nur die Wächter des Systems haben versagt, sondern auch das System selbst, indem es bestimmte Missstände wuchern liess, die es von innen aushöhlten und an den Rand einer allgemeinen Rezession brachten.

Versagt haben nicht nur die systemimmanenten Mechanismen der Selbstkorrektur – die Institutionen, deren Aufgabe es war, die Warnzeichen zu erkennen und die notwendigen Gegenmassnahmen einzuleiten –, sondern auch jene damit verbundenen ethischen und spirituellen Grundwerte, die Grossunternehmer wie öffentliche Bedienstete, Techniker wie Angestellte die Grenzen zwischen dem erkennen lassen, was legitim ist, und dem, was denjenigen, der sie überschreitet, diskreditiert und anderen Menschen schweren Schaden zufügt.

Das ist weder ein wirtschaftliches noch ein politisches, sondern vor allem ein kulturelles Problem. Unsere Kultur akzeptiert zunehmend, dass Menschen, angetrieben von blinder Profitgier, Gesetze übertreten und dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden, sondern ungestraft davonkommen und oft vom Staat sogar noch belohnt werden, wenn dieser Unternehmen vor der selbstverschuldeten Pleite rettet. Der Urheber dieser Verwerfungen ist jedoch nicht das kapitalistische System, sondern eine tiefe Verzerrung dessen, was es einmal war – und wieder sein sollte, wenn wir nicht aus der Zivilisation in die Barbarei zurückfallen wollen.

Im Laufe seiner Geschichte hat das System des freien Unternehmertums seine aussergewöhnliche Fähigkeit bewiesen, sich zu erneuern und neu zu erfinden. Es ist der Moment gekommen, diese Fähigkeit erneut unter Beweis zu stellen, und zwar in den bekannten Schritten:

Erstens: es bedarf einer radikalen, aber konstruktiven Selbstkritik hinsichtlich der Ursachen dessen, was schiefläuft. In diesem Fall handelt es sich dabei um das Wohlwollen und die Toleranz gegenüber jenen, welche die vom Gesetz des freien Marktes und Wettbewerbs festgelegten Spielregeln missachten. Sie müssen deshalb verurteilt und einer Strafe zugeführt werden.

Zweitens: es bedarf der Zielsetzung und nie nachlassenden Anstrengung, das System wieder auf die ethischen Prinzipien zurückzuführen, die allein ihm seine Rechtfertigung verleihen. Das heisst, wir sollten die Idee hochhalten, dass der Kapitalismus mehr noch als ein Wirtschaftssystem mit bestimmten Regeln eine auf Werte begründete Kultur ist – bestehend aus Freiheit, Recht und Gesetz –, die das Leben der Menschen sowohl auf materieller Ebene als auch in puncto Würde, Mitgefühl, Chancen, Achtung vor dem Nächsten, Solidarität und Barmherzigkeit vorangebracht haben. Es ist dabei nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn behauptet wird, Freiheit und Gerechtigkeit – letztere vor allem in sozialer Hinsicht – schlössen einander aus. Im Laufe ihrer Geschichte bestand die grosse Herausforderung der klassisch liberalen Doktrin aber darin, diese Unvereinbarkeit durch Harmonie zwischen beiden Werten aufzuheben, denn was wir Zivilisation nennen, hängt von ihrer Versöhnung und Koexistenz ab.

Wir stehen vor einer schwierigen, aber nicht unlösbaren Aufgabe. Die Erkenntnis, dass das System, für das wir eintreten, trotz seiner Unzulänglichkeiten immer noch besser ist als alle, die bisher versucht haben, es zu ersetzen mit dem Versprechen, das Paradies auf Erden zu schaffen, während sie den Gesellschaften, die sie in ihren Bann zogen, eher die Hölle auf Erden bescherten, sollte uns ermutigen, diese Aufgabe in Angriff zu nehmen. Geben wir der politischen Demokratie und der wirtschaftlichen Freiheit ihr moralisches Gewissen zurück, das sie in den besten Momenten ihrer Geschichte besassen. Zu jenen Zeiten nämlich, als Fortschritt und Kultur ihre grössten Erfolge feierten.

 


Der vorliegende Essay Mario Vargas Llosas wurde aus dem Spanischen übersetzt von Petra Strien. Gegenüber dem spanischen Original erscheint er in leicht gekürzter Fassung.

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