Kants Botschaft

Die Permanenz der Aufklärung «Aufklärung» ist nicht nur die Bezeichnung einer von Kant entscheidend geprägten Epoche. «Aufklärung» ist auch der bis heute anhaltende Prozess des Ringens um eine postreligiöse und postmetaphysische Orientierung. Ein Experiment ohne Gewissheit, jemals mündig zu werden.

Vor 200 Jahren starb Immanuel Kant – gegenwärtig Anlass für zahlreiche Würdigungen und die Publikation einer Reihe von neuen Biographien. Doch Kant ist nicht nur historisch und im Rückblick von Interesse; sein Werk bietet noch immer, und in der Gegenwart eher zunehmend, eine Inspirationsquelle für die aktuelle Philosophie. Aus diesem Grund eröffnen wir mit dem Beitrag von Helmut Holzhey, der die Bedeutung des Philosophen für das 18. Jahrhundert umreisst, eine Folge, die nach der Relevanz der «Revolution der Denkart» für das philosophische und politische Denken in der Gegenwart fragt. Hans-Johann Glock (University of Reading), Anton Leist (Universität Zürich), Andrea Esser (Fachhochschule Pforzheim) und Thomas Pogge (Columbia University, New York) werden in den nächsten Ausgaben der «Schweizer Monats-hefte» Kants nachhaltige Wirkung für die gegenwärtigen Diskussionen in der theoretischen Philosophie, der Ethik, der philosophischen Ästhetik und der Philosophie der internationalen Beziehungen einzuordnen suchen. (Red.)

Gewiss sagt man etwas Richtiges, wenn man die Periode zwischen 1690 und 1790 als das Jahrhundert der Vernunft beschreibt, das heisst als das Zeitalter, in dem sich die Vernunft anschickte, Denken und Leben der Menschen in Europa zu bestimmen. Doch bleibt diese Kennzeichnung unzureichend. Schon im 17. Jahrhundert findet sich ein ausgeprägter Rationalismus. Der schärfere Blick auf den Geist des dixhuitième lässt es als ein Zeitalter des Menschen erscheinen. «Was ist der Mensch?» wird zur Leitfrage; die Anthropologie tritt ins Zentrum der geistigen Interessen. Besonders ausgeprägt zeigt sich das in Schottland, wo durch Autoren wie David Hume, Adam Smith und Adam Ferguson eine «Wissenschaft vom Menschen» entwickelt wird. Diesem Trend zollt auch der alte Kant nochmals Respekt, wenn er in seiner 1800 veröffentlichten «Logik» äussert, dass man «im Grunde» die philosophischen Fragen – was ich wissen kann, was ich tun soll und was ich hoffen darf – mitsamt ihrer Beantwortung in Metaphysik, Moral und Religion zur Anthropologie rechnen könnte. Der Mensch wird nicht mehr nur philosophisch in seinem Wesen, sondern ebenso nach seiner physischen, psychischen, sozialen und geschichtlichen Erscheinung zum Thema. Neuartig ist dabei sowohl die Breite, in der das geschieht, wie insbesondere die methodische Autonomie, in der Wissenschaft und Philosophie das Menschsein zum Gegenstand von Beobachtungen und Forschungen machen: Die neue Anthropologie entwickelt sich unabhängig von der christlichen Lehre, die den Fokus auf den Menschen als ebenbildliches Geschöpf Gottes und erlösungsbedürftigen Sünder richtet. Das theologische Bild vom Menschen verblasst. Auch wenn atheistische Tendenzen, wie sie insbesondere in der radikalen französischen Aufklärung auftreten, eine Ausnahme bleiben, gibt die religiöse Tradition nicht mehr die methodische Orientierung vor. Die anthropologische Wissbegierde kann sich frei entfalten. Neben dem Erkenntnis- und dem Begehrungsvermögen kommt in der Analytik des Menschen ganz neu die Relevanz seines Gefühlslebens zur Geltung. Einschlägige Zeugnisse dafür liefert der Pietismus, aber auch die zeitgenössische Philosophie, und zwar zunächst in Grossbritannien, wo Shaftesbury den Gefühlszugang zur Natur als Alternative zur wissenschaftlichen Naturerkenntnis preist und Francis Hutcheson eine Ethik begründet, in der das moralische Gefühl als Instanz der Beurteilung von «gut» und «schlecht» fungiert.

Ich kann es auch so formulieren: Im 18. Jahrhundert gewinnt der aus seiner vorgängigen Einbindung in das System einer göttlich verbrieften Weltordnung gelöste Mensch erstrangiges Interesse. Dieses Interesse bezieht sich vor allem auf die empirischen Momente des Menschseins, d.h. auf Erkenntnisse, die mittels Erfahrung von der körperlichen Natur des Menschen, seiner Psyche und seinem Verhalten, seinem Leben in der Gesellschaft, seiner Geschichte usw. zu gewinnen sind. Eine Anthropologie, die dieses Interesse verfolgt, gerät dabei in Konkurrenz zu einer theologisch-metaphysisch fundierten Philosophie des Menschen. Und genau hier setzt Aufklärung ein; denn sie ist der – bis heute unabgeschlossene – Prozess des Ringens um eine postreligiöse und postmetaphysische Orientierung aus dem Fundus des Menschseins. Welche Rolle spielt die…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»