Kann man unser Wirtschaftssystem gegen Krisen «immunisieren»?

Abstürze sind systemimmanent. Es hat sie immer gegeben und wird sie immer geben. Selbst das perfekte System ist nur eine Art Computerprogramm, das rein rational, emotionslos, ohne Ödipus-Komplex oder Religion – mathematische Algorithmen, bestehend aus Nullen und Einsen – funktioniert. Und ja, sogar solche Systeme erleben den aus Windows-98-Zeiten bekannten «blauen Bildschirm», den Stillstand, Freeze, […]

Kann man unser Wirtschaftssystem gegen Krisen «immunisieren»?

Abstürze sind systemimmanent. Es hat sie immer gegeben und wird sie immer geben. Selbst das perfekte System ist nur eine Art Computerprogramm, das rein rational, emotionslos, ohne Ödipus-Komplex oder Religion – mathematische Algorithmen, bestehend aus Nullen und Einsen – funktioniert. Und ja, sogar solche Systeme erleben den aus Windows-98-Zeiten bekannten «blauen Bildschirm», den Stillstand, Freeze, Absturz. Selbstregulierend, das müssen wir verstehen, kann auch gleichbedeutend mit selbstzerstörend sein.

Jedes System hat auch Zyklen, damit meine ich nicht nur Konjunkturzyklen, sondern philosophische oder systematische Zyklen. Es antwortet uns nicht immer gleich und absolut, es geht nicht zu hundert Prozent auf unsere Forderungen ein. Es hat ein eigenes Leben, das wir nicht gänzlich verstehen. Nehmen wir das hin, so sollte klar sein, dass ein grosser Teil unserer menschlichen Energie in die Erarbeitung von Lösungen gesteckt werden muss, die sich mit der Frage beschäftigen: «Wie starten wir das System bei einem Absturz neu – in einer friedlichen und gerechten Weise?» Diese Frage stellt sich neu, denn früher nahmen uns – zynisch gesprochen – regelmässige Kriege das Management des «Resets» ab. Europa und weite Teile der industrialisierten Welt leben aber nun schon vergleichsweise lang im Frieden, und dieser Frieden führt auch dazu, dass wir die ökonomischen Resets selbst managen müssen.

Aber: wie das? Das Alte Testament wartet mit einer interessanten Idee diesbezüglich auf: dort ist die Rede von einem wiederkehrenden Vergebungsjahr, einem grossen kollektiven Schuldenerlass also, im Abstand von jeweils 49 Jahren. Unsere Ahnen wussten bereits, was wir erst wieder lernen müssen: dass jedes noch so clevere System zu ungewollten Ergebnissen führen kann! Und sie hatten immerhin eine Idee, wie man es wieder zum Laufen bringt, wenn es mal stockt. Damit hat die Welt von gestern der unsrigen einiges voraus.

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