Kampf um Fördermittel
Andrea Degen, photographiert von Simon Hallström.

Kampf um Fördermittel

Wissenschafter und Universitäten warnen lauter als andere vor einem Bruch mit der EU. Das hat gute Gründe.

Forschung ist längst nicht mehr, was sie mal war. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftern so stark verändert, dass sich eine Marie Curie oder ein Albert Einstein wundern würden. Auch viele heutige Bürger würden bei einem Besuch wohl staunen: Noch immer stellen sich viele vor, Forscher würden sich tagelang einsam in einem Labor und hinter Büchern abkapseln, auf Eingebungen warten und anschliessend systematisch und konzentriert an ihren Forschungszielen arbeiten – während sich mit den banalen Dingen des Alltags andere herumärgern müssen. Doch die Zeiten haben sich geändert: Es geht in der Forschung um sehr viel Geld, und es geht um Beziehungen.

Wer das versteht, wird auch verstehen, warum Universitäten und Forscher zu jenen gehören, die am stärksten vor einem Bruch mit der EU warnen. Das mag manche ärgern. Doch es ist die Realität, in der wir heute leben. Forschung und Entwicklung sind wichtige Wachstumstreiber der Schweiz. Wenn die Hochschulen profitieren, profitiert das Land tendenziell mit.

Die heutige Forschungslandschaft

Zunächst: die Schweiz ist in der internationalen Forschung ein für ihre Grösse enorm wichtiger Player. Unter den weltweit hundert renommiertesten Hochschulen rangieren aus der Schweiz die EPF Lausanne (Rang 22), die ETH Zürich (Rang 48) und die Universitäten Zürich (Rang 65) und Basel (Rang 82).1 Das spiegelt sich auch bei den Aufwendungen für Forschung und Innovation (F&I) in Prozenten des BIP, wo die Schweiz 2012 neben Israel, Südkorea, Finnland, Japan und Schweden mit 3,2% zur Spitzengruppe unter den OECD-Ländern gehörte. Die gesamten Aufwendungen für F&I sind in der Schweiz von 8,3 Mrd. CHF im Jahr 1989 auf 20,0 Mrd. CHF im Jahr 2012 gestiegen.2 Davon profitiert das ganze Land: alleine die 20 multinationalen Unternehmen mit den höchsten F&I-Ausgaben erwirtschaften gemäss einer Studie der Universität St. Gallen rund 4,7 Prozent des BIP und schaffen rund 80 000 Arbeitsplätze.3 Die langfristigen Wachstumseffekte dank Patenten, Wissensaustausch und Clustern können kaum hoch genug geschätzt werden.

Geforscht wird in der Schweiz an den Universitäten, Fachhochschulen, an den beiden Technischen Hochschulen (ETH Zürich und EPF Lausanne), an halbprivaten Forschungsinstituten und in Firmen. Vielfach geschieht dies in gemeinsamen Kooperationen zwischen verschiedenen dieser Akteure. Die Basisfinanzierung der Hochschulen wird vom Schweizer Parlament über die Botschaft für Bildung, Forschung und Innovation (BFI) für vier Jahre im voraus bewilligt (siehe Grafik).4 Damit werden die Infrastruktur und die Löhne der festangestellten Professoren und Forschungsleiter abgedeckt. Die meisten von ihnen sind sowohl Lehrpersonen als auch Forscher. Um hochqualitative und produktive Forschung neben der Lehre zu betreiben, bedarf der Forscher eines Teams, seiner Forschungsgruppe. Diese besteht aus Doktoranden, Postdoktoranden, administrativem Personal und in manchen Fachbereichen Technikern. Je mehr eine Forschungsgruppe in international bekannten hochrangigen Fachzeitschriften publiziert oder neue Erkenntnisse in Fachbüchern veröffentlicht, desto grösser ist deren Reputation. Diese trägt gleichzeitig wieder zur Bewertung der Hochschule bei. Man darf sich nichts vormachen: Spitzenleistungen, wie sie mache Schweizer Hochschulen erbringen, sind mit Basisfinanzierung alleine nicht mehr möglich – dazu braucht es sogenannte Drittmittel, also finanzielle Quellen ausserhalb der hochschuleigenen Finanzierung.

Die wichtigsten davon sind die bereits erwähnten Partner aus der Industrie. Sie leisten mit 64 Prozent heute den mit Abstand grössten finanziellen Beitrag an die Forschung und Entwicklung (F&E) in der Schweiz. Doch auch die unterschiedlichen Akteure der öffentlichen Hand, bei denen sich Forscher mit (zunehmend zeitaufwendigen) Anträgen um Förderung bewerben, sind essenziell: insbesondere der Schweizerische Nationalfonds (SNF), die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) sowie die verschiedenen Fördertöpfe der EU. Es sind die Drittmittel, welche die Löhne der erweiterten Forschungsgruppe und teure Verbrauchsmaterialien und Instrumentierungen bezahlen. Forscher setzen sich mit dem Werben um Drittmittel dem Wettbewerb innerhalb der Forschungsgemeinschaft aus. Das Ziel und die erklärte Absicht in den neuen Universitätsgesetzen ist auch, durch…