Kamin

Kamin, -e, m oder s (schweizerisch), helvetisiert Cheminée [min]. Dem Deutschen unnötigerweise aufgedrängter Latinismus resp. Franzismus, der das gotischstämmige Wort Esse hat vergessen lassen und als zweitsilbenbetonter Fremdling seit Simplicissimus’ Zeiten neben Kakadus (›Haubenpapageien) und Kanapees (›Lotterbetten) vom Komfort camoufliert klandestin in unserer Sprachlandschaft kampiert. K.e dienen heiligen Nikoläusen als Einstieg auf die Erde, irdischen […]

Kamin, -e, m oder s (schweizerisch), helvetisiert Cheminée [min]. Dem Deutschen unnötigerweise aufgedrängter Latinismus resp. Franzismus, der das gotischstämmige Wort Esse hat vergessen lassen und als zweitsilbenbetonter Fremdling seit Simplicissimus’ Zeiten neben Kakadus (›Haubenpapageien) und Kanapees (›Lotterbetten) vom Komfort camoufliert klandestin in unserer Sprachlandschaft kampiert. K.e dienen heiligen Nikoläusen als Einstieg auf die Erde, irdischen Abgasen als Aufzug in den Himmel und ausgebrannten Menschen als Ausstieg aus dem Alltag; nicht selten springen die Funken der mit wenig, dem Homo sapiens aus der Pfahlbauer- oder Pfadfinderzeit überliefertem Geschick und einigen kommunen Holzscheiten zu entfachenden K.feuer auf verglommene Leidenschaften über, wärmen kalte Lieben auf und wecken entschlafene Lebensgeister. Dieses konstante Changieren zwischen seelisch-himmlischer und körperlich-materieller Sphäre – nie hat man einen Nikolaus gesehen, der sich ohne eine Fülle von Paketen durch die Enge eines K.s gezwängt hätte, und wo Feuer ist, sind auch Fenchel (›Prometheus) und folglich Leberschäden und allerlei anderes Ungemach (›Pandora) – zeugt von dem höheren Zweck, der den K.en, diesen vermeintlich geistlosen Haushaltsobjekten, innewohnt, und zwingt dazu, die K.e aufs strengste von der modernen Nachfolgegerätschaft zu unterscheiden, die sich allenthalben an ihrer statt etabliert hat und wohl zwar einen tiefen funktionalen Verwandtschaftsgrad mit den K.en aufweist, auf dem Gebiete der inneren Bestimmung aber gänzlich von ihren erhabenen Ahnen entfremdet ist. Haben die K.e einst fraglos halbe Zimmerwände eingenommen, mit Selbstbewusstsein keck aus dem Verputz geragt und also, ihrer Bedeutung entsprechend, reichlich Platz im Lebenszentrum des Menschen gegriffen, stehen heutige Mikrowellen, Herdplatten und Elektroheizungen verschämt in Ecken oder Kochnischen und drücken sich geplättet dem Fussboden entlang, wo sie ohne jedes lodernde Feuer lediglich darauf bedacht sind, ihren Dienst möglichst diskret zu tun – die entseelten Heizkörper etwa machen bestenfalls mit unkontrollierten Gurgellauten und ebensolchen Nachzahlungsforderungen auf sich aufmerksam – und nach ihrer Verwendung in den Ruhezustand versetzt zu werden. Wie anders die K.e! Deren Feuereifer durch jede Ritze zischt! Sie knistern vor Energie, die züngelt, sich höher reckt, Glut in Brand steckt und sich festsetzt, in Haar und Haut und Kleidern und Augen, die tränen schon vom Qualm und weinen, wenn erst die Flamme ermattet, das Glühen erlischt und endlich alles zusammenbricht. Asche und Esse, Sein und Vergehen, K.e erhellen, was Sparlampen und Backofenlichter nie zu beleuchten vermöchten: das Leben selbst.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»