Kalkuliertes Risiko

Handeln zwischen Angst und Wagnis

Von Oktober 2011 bis November 2017 sind 259 Menschen gestorben, weil sie ein Selfie machen wollten. An einem besonderen Ort wollten sie sich fotografieren, am Meer, auf einem Berggipfel oder auf einem hohen Gebäude zum Beispiel, und sind ertrunken, heruntergefallen, verbrannt oder wurden von Tieren gerissen oder zu Tode getrampelt. Die indische Studie «Selfies: A boon or bane?» zieht das Fazit, in Touristengebieten seien Zonen einzurichten, in denen keine Selfies gemacht werden dürfen.

Schon sind wir mitten im Thema: auf Risiken folgen mitunter Unfälle, auf enorme Risiken folgen mitunter Katastrophen – und dann werden fast immer Verbote gefordert. Mehr denn je sieht sich auch die Politik gefordert, Risiken grundsätzlich zu vermeiden. Denn so die Logik: je sicherer das Leben der Bürger geworden ist – und das ist es auf fast allen Ebenen –, desto unduldsamer werden sie gegenüber jenen Unfällen, die sich doch noch ereignen.

Wer nichts wagt, gewinnt nichts – sagt der Volksmund. Aber auf unseren Kaffeebechern steht «Caution: Hot» und behördliche Kampagnen wie Stolpern.ch warnen uns vor dramatischen Gesundheitsgefahren, die von Treppenstufen ausgehen. Wenn Uni-Absolventen die Wahl haben, entscheiden sich aktuell nur noch 40 Prozent von ihnen klar für Berufe in der tendenziell risikofreudigeren Privatwirtschaft. Wie weit sind wir schon auf unserem Weg zur Null-Risiko-Gesellschaft? Ist Risikofreude krank oder doch nur menschlich? Und: wie ginge man mit tatsächlichen Risiken wohl etwas gelassener, weil cleverer um?

In unserem Dossier zum Thema gehen wir den Risiken im Cyberspace, im Kernkraftwerk, im Flugzeug, an Wildbächen, in der heimischen Küche und auch auf dem Fussballplatz nach und fragen, welche man berechnen und irgendwie absichern kann und sollte – und welche lieber nicht.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

Die Redaktion

Für die Unterstützung bei der Lancierung des Dossiers danken wir Swiss Re.

Von weissen Haien und schwarzen Schwänen
Die Wahrscheinlichkeit, von einem Hai getötet zu werden, ist verschwindend klein. Und doch ist der weisse Hai zum Inbegriff von «Gefahr» geworden. Bild: Grosser Weisser Hai, mauritius images / nature picture library / Chris & Monique Fallows.
Von weissen Haien und schwarzen Schwänen

Für die Beurteilung von Gefahren ist ein evolutionär altes Hirnteil zuständig, und Wahrscheinlichkeitsrechnung liegt den Menschen ohnehin nicht im Blut. Das führt oft zu falschen Einschätzungen.