Kafka in Hongkong

Während am Pearl Delta die Strassenproteste ihren Höhepunkt erreichen, diskutieren chinesische und Hongkonger Studenten in Berlin über den «Prozess». Variationen auf einen ersten Satz.

Kafka in Hongkong
Bild: Georg Jansen.

Erste Sätze werden in vielen Fällen zum Schicksal der Werke, die ihnen folgen, und so sind sie Gegenstand von Myriaden literaturwissenschaftlicher Abhandlungen und Seminare – zu Recht. In einem solchen Seminar an der Freien Universität Berlin konzentrierten wir uns im August und September diesen Jahres mit Stipendiaten aus vier Kontinenten auf den ersten Satz von Kafkas Roman «Der Prozess». Das Besondere: Im Seminar sassen junge Literaturbegeisterte sowohl aus Festlandchina als auch aus Hongkong, und so lag praktisch die ganze Zeit das von den anderen, den Nichtchinesen, ausgehende Bedürfnis in der Luft, mit den Chinesen über die anhaltenden Demonstrationen in Hongkong zu reden.

Während wir Kafka lasen und diskutierten, sah ich in den Augen der «anderen», wie durch die ständig hereinbrechenden Neuigkeiten vom Pearl Delta eine einzige Lesart genährt wurde. Man konnte gar nicht anders, als in den ganzen Unbestimmtheiten und Fragezeichen hinter der Verhaftung Josef K.s jenes Szenario zu erblicken, gegen das sich die aktuellen Proteste richten. Aber nicht nur die literaturwissenschaftliche Redlichkeit warnte vor einer Festlegung des vielleicht deutungsoffensten aller Romane, auch die politische und moralische Redlichkeit verbat uns «Westlern», die Geschehnisse von Hongkong in Gut und Böse aufzuteilen. Der Text musste vielmehr offengehalten bleiben, gleichzeitig aber sollten die von ihm eröffneten und heute brandaktuell erscheinenden Perspektiven ausgesprochen und diskutiert werden. Ich habe in diesem Dilemma abends zwischen den Sitzungen versuchsweise Varianten auf jenen Satz geschrieben und einige davon im Unterricht eingesetzt. Mit diesen Sätzen, so mein Eindruck, konnte ich das bisweilen stockende Gespräch der Seminarteilnehmer aus Ost und West ins Rollen bringen.

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (F. Kafka, «Der Prozess»)

Kafka musste am Anfang nur einen einzigen Satz im Sinn gehabt haben. Aber ohne dass er diesem immer mehr ihn anrufende
Ausführungen hinzugefügt hätte, konnte er nicht aufhören zu schreiben.

Die Sätze des riesigen Apparats zu seinem ersten Satz verhalten sich zu juristischen Prozessakten so wie dunkle Reiseanzüge mit grossen Schnallen zu grauen Uniformen von Gerichtsschergen und Sachbearbeitern.

Jemand musste vergessen haben, zur vollen Stunde auf die Uhr zu blicken, denn wenn nicht wenigstens einer von uns regelmässig die Zeit beaufsichtigt, läuft sie unbedingt aus dem Ruder.

Jemand musste über Nacht das Auslieferungsgesetz aufgestellt haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde Josef K. eines Morgens verhaftet.
Jemand musste heimlich in den Apfel gebissen haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätten, wurden A. und E. eines Morgens aus dem Paradies vertrieben.

Jemand musste den Regenwald angezündet haben, denn ohne dass es dieses Jahr besonders trocken oder besonders heiss gewesen wäre, stand er eines Morgens an über sechsundzwanzigtausend Stellen in Flammen.

Jemand musste heimlich in die Wahlen eingegriffen haben, denn ohne dass die Menschen einen Präsidenten, der von Politik und Geschichte weder etwas verstand noch verstehen wollte, der weder Verantwortung für das Volk noch für unseren Planeten übernahm, der für seine Eitelkeit goldene Hochhäuser aus Glas und Stahl in die Städte seiner Bevölkerung baute, auf die er gross seinen Namen schreiben liess, gewollt hätten, wurde er eines Morgens zum Präsidenten gewählt.

Jemand musste die Würde des Menschen angetastet haben, denn ohne dass er sich dessen versehen hätte, findet er sie jeden Tag und überall auf der Welt unablässig verletzt.

Niemand konnte Josef K. grundlos verhaftet haben, und so wurde er, egal ob er irgendeinmal etwas Böses auch nur gedacht hatte, über Nacht verleumdet.

Jemand musste die Antastbarkeit der Menschenwürde im Grundgesetz angelegt haben, denn ohne dass jener Paragraf am Morgen sein Gesicht verloren hätte, war er doch über Nacht gebrochen worden.

Der Paragraf, der die Unantastbarkeit der Menschenwürde zu regeln vorgibt, macht zuallererst sich selbst unantastbar, und zwar dadurch, dass er die Antastbarkeit der Menschenwürde in der Schwebe hält.

Für die Einsetzung des Auslieferungsgesetzes musste die Regierung die Zeit des Schlafes Josef K.s abgewartet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Seine Wirtin, die ihm sonst immer englischen Tee und kleine Stücke Gingerbread auf sein winziges Zimmer brachte, war diesen Morgen ausgeblieben, und so hatte K., in vergeblicher Erwartung ihrer, allzu lange wach im Bett gelegen, als dass er das Büro noch rechtzeitig hätte erreichen können. Die Sonne stand schon über den hohen Gebäuden von Kowloon, die K. durch das Fenster wie eine hohe, von Unbekannten bewohnte Steinmauer vorkamen, und blendete den im Bett Liegenden, der sich beim Blick auf die Uhr doppelt ärgern wollte über die Wirtin, die ihm bei aller Säumnis nicht einmal die Sonnenblenden herabgelassen hatte. K., sonst keineswegs ein besonders geselliger Mensch, hatte dennoch in den zurückliegenden zwölf Wochen an den Protesten gegen das geplante Auslieferungsgesetz von Beginn an lebhaft teilgenommen. Regelmässiger als zuvor hatte er sich in diesen Zeiten die «South China Morning Post» zur Pflichtlektüre gemacht, es sei dies die einzige halbwegs zuverlässige Informationsquelle, war sich K. bewusst, alle anderen Pressprodukte unterstanden gänzlich der Zen­tralregierung. Aber auch die «South China Morning Post» gab in letzter Zeit Zeichen von Schwäche von sich, sie litt unter Einflussnahme aus der fernen Hauptstadt, K. meinte den zunehmenden Druck, dem die «South China Morning Post» plötzlich von allen Seiten her, vor allem jedoch von jener nördlichen, ausgesetzt war, bei der Lektüre jedes einzelnen Artikels geradezu körperlich zu spüren, der ihm wie eine konsequente Fortsetzung der immer mehr zu einer ebenso endgültigen wie allmählich hoffnungslosen sich entwickelnden Geschichte vorkam, und er konnte sich nur mit Mühe und gebetsmühlenartigem Selbstzureden vor der zunehmenden Verzweiflung bewahren. Die Schuldzuweisungen aller anderen Zeitungen, die mit immer einvernehmlicherer und unduldsamerer Stimme alle anderen abweichenden und insbesondere auch die Stimme der «South China Morning Post» zu überschreien schienen, bezog schliesslich auch ein Mensch wie K., der sich für standfest im Dienste des freien Menschen gehalten hatte und der sich stets sicher gefühlt hatte darin, dass er sein ganzes Wirken unbedingt und instinktsicher in den Dienst der Freiheit und des Wohls der Gemeinschaft zu stellen wusste, auf sich selbst. Die von den Aussagen jener Zeitungen, die übrigens den Aussagen jener fernen Regierung immer mehr und auf die verblüffendste Weise ähnelten, ausgehenden Schuldzuweisungen bezog K. unweigerlich und immer mehr auf sich selbst, zunächst noch sich belustigt gebend ob der möglichen und zuerst noch wie an den Haaren herbeigezogen erscheinenden Selbstvorwürfe, bald dann aber die wenn auch völlig irrationalen, vor der Vernunft des aufrecht stehenden K. nicht standhaltenden Vorwürfe sich immer mehr zu eigen machend.
Und so war er eines Abends zu Bett gegangen und schon bald in den tiefsten, weil vor sich selbst und seinen verwirrten Gedanken abtauchenden Schlaf versunken. Als ihn dann aber, ohne dass er etwas Böses getan hätte, am anderen Morgen mehrere unbekannte Männer aus seinem Bett heraus verhafteten, empfand er es im Moment wie eine Erfüllung der Pflicht, und es schien ganz egal zu sein, ob ihn jemand verleumdet hatte oder aber die Schuld selber bei der Behörde vorstellig geworden war, um eine Meldung zu machen, die die Gerechtigkeit wieder herstellen wollte, indem sie Josef K. aus der Gesellschaft entfernte und alles vorbereitete, um ihn, in diensteifrigster Entsprechung der Forderungen jenes neuen Gesetzes, an die ferne Regierung auszuliefern, Forderungen, denen nachzukommen ihm nun als die oberste Bürgerpflicht erschien.

«Kurvt unentwegt jenseits
der Staatsgläubigkeit.»
Beat Kappeler, Ökonom und Publizist,
über den «Schweizer Monat»