Josef Reichholf: Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends

Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag 2007

Viele Menschen sind empfänglich für Szenarien, die von künftigen Katastrophen handeln und zugleich suggerieren, Menschheit und Erde befänden sich gegenwärtig in einem klimatischen Gleichgewicht. An beiden Vorstellungen sind Zweifel angebracht. Belegen lässt sich, dass es in der Geschichte der Erde immer Klimaveränderungen gegeben hat. Der Münchner Zoologe Josef Reichholf, einer der angesehensten deutschen Naturhistoriker, betont in seinem neuen Buch, dass die Erde ein dynamisches System war und ist. In seiner Naturgeschichte der letzten 1000 Jahre zeigt er, wie das Klima unsere Umwelt und ebenso das Denken der Menschen beeinflusst hat. Analysen von Jahresringen der Bäume, Bohrkernen aus dem Eis der Arktis, Pollenanalysen sowie Chroniken liefern ihm die Grundlagen für seine Thesen.

Was wir gegenwärtig erleben, ist also nicht zwangsläufig etwas Neues. Die heutigen Temperaturen sind auf dem Niveau der mittelalterlichen Warmzeit. Ist das so schlimm? Nein, denn ein Blick zurück zeigt, dass klimatische Warmphasen immer Zeiten waren, in denen es der Natur und damit auch dem Menschen besser ging als in den Kaltphasen. Im warmen Hochmittelalter reiften in Köln die Feigen, Bayern war bekannt für seine Weine, die auch nach Italien exportiert wurden. Nach den frühmittelalterlichen Rodungen gaben die Böden so viel her, dass die Bevölkerung wachsen konnte, wobei es zwischen 1100 und 1300 zu einer Welle von Stadtgründungen kam.

Die Kleine Eiszeit, die in Mitteleuropa von 1400 bis 1800 dauerte, war für die Menschheit hingegen eine höchst schwierige Periode. Mit der merklichen Abkühlung rückten Menschen und Tiere näher zusammen. Als Folge davon traten Krankheiten und Hygieneprobleme in den engen mittelalterlichen Städten auf. Bis um 1400 kam es zu einem Gletscherhochstand, wie man ihn erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wieder erlebte. Grosse Seen wie der Bodensee waren regelmässig zugefroren. Schlechte Witterung verschlimmerte die Leiden der Menschen. Hinzu kamen die grossen Pestzüge, die Millionen von Menschen hinrafften. Die um 1500 einsetzende Neuzeit änderte die Lage der Menschen nur wenig. Die Bilder der alten holländischen Meister zeigen die extremen Winter, die zu damaliger Zeit in den Niederlanden herrschten. Auch aus der Globalisierung mit den Entdeckungen in Südamerika konnten weite Teile Europas lange keinen Profit ziehen. Als Folge der kalten und oft langen Winter setzten sich so wertvolle Nutzpflanzen wie die Kartoffel oder der Mais erst mit Jahrhunderten Verspätung durch. Der Mais gelangte von Spanien nach Südosteuropa und drang spät mit dem Vorstoss der Türken nach Ungarn und Österreich vor.

Besserung setzte erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Mit der Erwärmung wurde die Natur als weniger bedrohlich empfunden; das von Jean-Jacques Rousseau beeinflusste Naturbild der Romantik, das eine vom Menschen kontrollierte Natur als Gartenlandschaft idealisierte, vermochte sich nun Geltung zu verschaffen. Noch heute haben die Naturschützer eine durchaus verklärte Sicht auf die Welt und wollen vor allem eines: bewahren. Die Konservierer – an vorderster Front Xenophobe und Umweltschützer – sind Gegner jeglicher natürlichen Veränderung, die – das Wortspiel sei gestattet – in der Natur der Natur liegt. Tiere und Pflanzen kommen auch mit einer technisierten, vom Menschen beeinflussten Natur zurecht und passen sich den Gegebenheiten an. Dies beweist nicht zuletzt das Wuchern von Flora und Fauna in Industriebrachen, auf Truppenübungsplätzen und verlassenen Flughäfen.

Diese Aspekte des Zusammenlebens auf dem Planeten geraten angesichts der Warnungen vor dem Zusammenbruch des Systems Erde in den Hintergrund. Immer mehr Menschen fragen sich, ob uns die Natur für unser Tun bestrafen wird und wenden sich dem Irrationalen zu – mit Folgen für die geistige Beweglichkeit. Die Zahl derer, die den Klima-Gau in Frage stellen, nimmt ab, der Ablasshandel mit Klimazertifikaten zu. Josef Reichholf führt uns in überzeugend unaufgeregter Weise vor Augen, dass man die Welt nur verstehen kann, wenn man sie als ein System begreift,…

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den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»