Jeremias Gotthelf und die Politik
Bild www.redcross.int

Jeremias Gotthelf und die Politik

Zu den seltenen Fällen, in welchen der einzelne zum Mass wird einer ganzen politischen Entwicklung, gehört der Berner Dichter Jeremias Gotthelf. Die Erhebung und Verinnerlichung, die er dem gesamten Begriff der Politik verleiht, gehören zum Wesentlichen, was männliche Besonnenheit jemals dem besinnungslosen Andrang der Tagesereignisse entgegenzustellen hatte. Gotthelf geht durch sein Zeitalter seinen eigenen gemessenen […]

Zu den seltenen Fällen, in welchen der einzelne zum Mass wird einer ganzen politischen Entwicklung, gehört der Berner Dichter Jeremias Gotthelf. Die Erhebung und Verinnerlichung, die er dem gesamten Begriff der Politik verleiht, gehören zum Wesentlichen, was männliche Besonnenheit jemals dem besinnungslosen Andrang der Tagesereignisse entgegenzustellen hatte.

Gotthelf geht durch sein Zeitalter seinen eigenen gemessenen Schritt; weder vor dem Sturm treibt er, noch strebt er ihm entgegen; unbestechlich bleibt sein Blick auf das Entscheidende gerichtet. Auf dem Grund aber seines Verhaltens herrscht die Festigkeit des Gottesgläubigen und des im Wesen seiner Volksart tief Verwurzelten. Die bernische alte Burger- und Bauernwelt, die langsamer und dichter heranwuchs als die schnelllebenden, vielfältig bedrängten und gewandelten Schichten der europäischen Kapitalen, hat in Gotthelf ihren Ausdruck gefunden. Kraftvoll abgeschlossen hielt sich diese Art in christlich-germanischer Sitte, in nüchtern protestantischem Wesen, geschart um eine städtische Obrigkeit von bedächtigem Kurs. Eindeutig und gesammelt bestand das bernische Volk in seinem vom Gebirg umfassten Land, und die Träger seiner Art bildeten sich heran, dauerhaft, in einem Wesen, das vom ruhigen Atem uralter Zeiten erfüllt ist.

Von seinem Ursprung, seiner Heimat aus gewinnt Gotthelf, nach dem Worte Kellers, in seinen künstlerisch-schöpferischen Leistungen «jene Tiefe und grossartige Einfachheit, welche in neuester Gegenwart so nahe ist und zugleich so ursprünglich, dass sie an das massgebende Altertum der Poesie erinnert»; seine Anschauung aber öffentlicher Vorgänge festigt sich aus der klaren, heimatlichen Voraussetzung seines Wesens und gelangt zu der Einsicht, dass es zwar einen Zeitgeist gäbe, dass man darüber aber nie den Volksgeist, den «Bernergeist» vergessen solle, ja dass der Zeitgeist flüchtig werde und leer ohne den Bernergeist, wie denn auch dieser, wenn er den Zeitgeist vorüberwehen lasse, ohne ihn zu bestehen, sich ihm nach rechtem Gewicht und Wert zu vermischen, dumpf, schwer und endlich erstickend werden müsse. Gotthelf ist somit die grosse, bitterernste Wechselwirkung von Überliefern und Erneuern bewusst, und so kommt er zur Unterordnung des Guten unter das Bessere, ob das Bessere nun neu sei oder alt, zum Dienen um der Sache willen, nicht um der Politik willen.

Im Beginn der 1840er Jahre soll er es aussprechen: «Wer meint, in einem Volke müsse ein beständiges reges politisches Leben sein, das sei der rechte Normalzustand, der täuscht sich übel, so übel wie der, welcher wähnte, der Mensch müsse beständig im Fieber liegen.»

Und weiterhin: «Politik ist nicht das Vaterland, Politik ist nicht die Gemeinde, nicht die Familie, Politik bezieht sich weder auf die Seele noch auf Gott.»

Nicht überlegenes Zuschauen hat ihn zu dieser Einsicht geführt; als ein mit den Zuständen Vertrauter, von politischer Leidenschaft unablässig Bewegter steht er da. Über das äussere Geschehen aber erhebt ihn die Ehrlichkeit eines mächtigen Gemütes, die einfache Einsicht, dass politische Kämpfe um des Menschen willen da seien, nicht der Mensch um der Politik willen, dass das eine nottue, nicht das viele.

Was nun bei jeder Vertiefung in Gotthelfs politisches Denken und Wirken zum eigentlichen Gegenstande werden sollte, das ist nicht das forschungsmässig leicht Greifbare, nämlich das unmittelbare Betroffensein des Dichters durch die öffentlichen Geschehnisse seiner Tage, nicht seine flammend-zornigen Angriffe, nicht die Erbitterung der Zeitgenossen gegen den starken Wahrheitskünder, all das hat nur Bedeutung als Schatten, der zum Licht gehört: Wesentlich aber ist die Essenz seines politischen Denkens, seiner politischen Haltung, die unvergänglich lehrreiche Beurteilung öffentlicher Fragen überhaupt, sowie der Weg, der Gotthelf von einem zurückgezogenen Leben, aus der vorerst warmen Teilnahme am fortschrittlichen Geschehen, zu einer ebenso einsamen als überragenden Haltung den Zeitfragen gegenüber führte und ihn zur Abfassung des grössten dichterischen Kommentars vermochte, den das soziale Problem in deutscher Sprache erfuhr.

Es lag in den gesellschaftlichen Gegebenheiten, die Gotthelf durch…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»