Jenseits des liberalen Realismus

Der Liberalismus mag ja schön und gut sein, doch enthält er mehr Idealismus, als ihm lieb ist. Ein kritischer Einwurf.

Für den radikalen Liberalismus ist der Wunsch, die Menschen einer angeblich universellen, ethischen Maxime zu unterstellen, die Mutter aller Verbrechen. Ein solches Ansinnen, so die Begründung, laufe darauf hinaus, allen Menschen eine partikulare Sichtweise aufzuzwingen und führe schliesslich zu ziviler Unordnung. Wer zivilen Frieden und Toleranz herstellen wolle, müsse deshalb zuerst einmal der «moralischen Versuchung» widerstehen. Politiker sollten sich aller entsprechenden Ideale entledigen und zu Realisten werden, die kein Problem damit haben, die Leute so zu nehmen, wie sie eben sind.

Der Markt ist hier exemplarisch. Die menschliche Natur ist egoistisch, und sie lässt sich kaum ändern – was wir brauchen, ist deshalb ein Mechanismus, der dafür sorgt, dass private Laster für das Gemeinwohl arbeiten (eine Art Hegelsche «List der Vernunft»). In seinem Aufsatz «Zum ewigen Frieden» (1795) brachte Immanuel Kant diese Auffassung in seinem leicht altertümlichen Schreibstil auf den Punkt: «Viele behaupten, der republikanische Staat müsse ein Staat von Engeln sein, weil Menschen mit ihren selbstsüchtigen Neigungen einer Verfassung von so sublimer Form nicht fähig wären. Aber nun kommt die Natur dem verehrten, aber zur Praxis ohnmächtigen allgemeinen, in der Vernunft gegründeten Willen zu Hülfe», und zwar durch «jene selbstsüchtigen Neigungen». Es komme deshalb «nur auf eine gute Organisation des Staates an (die allerdings im Vermögen der Menschen ist)», die «Kräfte so gegen einander zu richten, dass eine die anderen in ihrer zerstörenden Wirkung aufhält, oder diese aufhebt: so dass der Erfolg für die Vernunft so ausfällt, als wenn beide gar nicht da wären, und so der Mensch, wenn gleich nicht ein moralisch-guter Mensch, dennoch ein guter Bürger zu sein gezwungen wird. Das Problem der Staatseinrichtung ist, so hart es auch klingt, selbst für ein Volk von Teufeln auflösbar».

Der Liberalismus legt Wert auf eine anti-ideologische Haltung – er konzipiert sich selbst als «Politik des kleineren Übels». Seine Vision ist die der «möglichst wenig bösen Gesellschaft», die sich bemüht, grösseres Unheil zu vermeiden. Umgekehrt erblickt er im Versuch, das Gute aufzuzwingen, die absolute Quelle allen Übels. Eine solche Sicht der Dinge ist zweifellos durch einen gewissen Pessimismus hinsichtlich der menschlichen Natur geprägt. Der Mensch ist ein egoistisches und neidisches Tier. Ein politisches System, das an dessen Güte und Altruismus appelliert, kann deshalb nur im schlimmsten Terror enden (sowohl die Jakobiner als auch die Stalinisten setzten bekanntlich vergeblich auf die menschliche Tugendhaftigkeit).

Diese liberale Sicht der Gesellschaft ist jedoch nicht unproblematisch, wie jeder gute Anthropologe, Psychoanalytiker oder Gesellschaftskritiker zugeben muss; sie steht nicht auf eigenen Füssen, beruht mithin auf ihr voraufgehenden Formen des Zusammenlebens, die sie zugleich unterminiert. Am Markt, und allgemeiner im gesellschaftlichen Tausch, begegnen sich Individuen als rationale Subjekte, doch sind solche Subjekte das Ergebnis eines komplexen Prozesses, der mit symbolischer Schuld, Autorität und vor allem mit Vertrauen (in den grossen Anderen, der den Tausch reguliert, um mit Jacques Lacan zu sprechen) zu tun hat. In anderen Worten, der Bereich des Tauschs ist nie ganz symmetrisch; es ist eine Bedingung a priori für jeden Marktteilnehmer, dass er sich darauf einlässt, etwas zu geben, ohne die Gewiss-heit, etwas zurückzubekommen – nur wer diesen Vertrauensvorschuss leistet, kann vom Spiel des Gebens und Nehmens profitieren. Damit das Marktgeschehen stattfinden kann, bedarf es also eines Subjekts, das dem symbolischen Pakt zustimmt und ein grundlegendes Vertrauen in die Welt an den Tag legt; dieses Subjekt setzt der Liberalismus voraus, obwohl er es nicht geschaffen hat und es nicht von «Natur» aus gegeben ist. Natürlich ist der Markt auch der Bereich des Täuschens und Lügens, doch kann eine Lüge nur funktionieren, wenn sie für wahr genommen wird, kurz, sie bleibt auf die Dimension der Wahrheit angewiesen.

Marcel Mauss hat in seinem «Essai sur…

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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