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«Jeder kann ein Unternehmer werden»

Ein Abend ganz im Zeichen von «Entrepreneurship». Das Ziel: Eine jüngere Generation vom Unternehmertum zu begeistern.

«Jeder kann ein Unternehmer werden»
«Noii»-Gründerin Laura Matter (links) und Julian Liniger, CEO von «Relai» (rechts). Bild: Joanna Joos

Am gestrigen Anlass von Schweizer Monat und Le Regard Libre in Bern ging es um die zwei wichtigsten Dinge im Leben – Geld und Liebe, wie Moderator Lukas Leuzinger pointiert festhielt. Seine Gäste: die Jungunternehmerin Laura Matter von der Dating-App Noii sowie Bitcoin-Unternehmer Julian Liniger von Relai.

Der Schweizer Monat und Le Regard Libre wollen insbesondere junge Menschen in der Deutschschweiz und der Romandie für liberale Ideen und das Unternehmertum begeistern. Zu diesem Zweck haben sie das Projekt «Esprit Entrepreneurial» ins Leben gerufen, das von der Bonny Stiftung und PEMOL-Baumann-Stiftung unterstützt wird.

Was denn das Beste am Unternehmertum sei, wollte Leuzinger von seinen Gästen wissen. Für Laura – in der Startup-Szene duzt man sich – liegt der Reiz darin, etwas aufzubauen und das Leben von Menschen zu verbessern – oder wie sie es formuliert: «einen Impact zu haben». Für Julian zählt vor allem die Lernkurve: «An keiner Schule lernt man so viel wie als Unternehmer.» Dabei denkt er weniger an Zahlen, Marketing oder Technologie, wo es ebenfalls viel zu lernen gäbe, sondern in erster Linie an den Umgang mit Menschen. Denn Menschen zu überzeugen, sei eine Hauptaufgabe von Unternehmern.

Von online zu offline

Der Weg dorthin beginnt oft mit wenig mehr als einer Idee. «Zu Beginn hatte ich nichts ausser einer Idee und einem Pitchdeck». Mit dieser Kurzpräsentation der eigenen Geschäftsidee bewaffnet, gelte es dann, rauszugehen und die richtigen Partner, Mitarbeiter und Investoren zu finden – und sie zu überzeugen. Als Unternehmer habe man stets zu wenig Zeit und zu wenig Geld. Getrieben vom Anspruch, eine möglichst grosse Wirkung zu erzielen, habe er zwangsläufig gelernt, seine Zeit und Energie effizient einzusetzen. «Das kann man nicht bei der SBB oder der Post lernen», sagt Julian in der Bundeshauptstadt.

Laura hebt auch die Bedeutung des Umfelds hervor, in dem es gilt, Leute zu motivieren. «In meinem Alltag läuft etwa ein Drittel so wie ich das geplant habe. Ein Drittel läuft schlechter, ein Drittel besser». Mit ihrer Firma kreiert sie Offline-Events, bei denen sich Singles im echten Leben verlieben sollen. Damit bietet sie eine Alternative zum Online-Dating, wo auch ihr Unternehmen seine Wurzeln hat. Bei der Gründung vor vier Jahren setzte Noii noch auf digitales Matchmaking und Video-Speeddating. Heute setzt Laura für ihre rund 70 000 Benutzer ganz auf Events und kreiert rund 15 Anlässe pro Monat. Mittlerweile beschäftigt Noii 12 Mitarbeiter und unterhält ein Büro in Zürich. Die Technologie wird aus der Ukraine bezogen.

Ausdauer bei der Geldsuche

Viel zu reden gab auch die Frage nach der Finanzierung – oder «Fundraising», wie es im Unternehmerjargon heisst. Denn was nützt die beste Idee, wenn das Startkapital fehlt oder sich kein Geld auftreiben lässt? In diesem Punkt sind sich Laura und Julian einig. Kein Geld zu haben, darf kein Grund sein, seine unternehmerischen Träume nicht zu verfolgen. Denn jenseits von Banken, die bei Neugründungen meist zurückhaltend sind, existieren zahlreiche Alternativen. Dazu zählen «Angels» (private Investoren), Crowdfunding, Freunde und Familie, professionelle Risikokapitalgeber (etwa Venture-Capital-Funds) oder Partner wie der Migros Pionierfonds.

Auch Julian hatte zu Beginn kein Geld – und wollte bewusst keines von anderen annehmen. Rückblickend spricht er gar von einer mentalen Blockade. «Vor sechs Jahren wusste ich nicht einmal, was ein Venture Capital Fund ist. Heute haben wir 20 Millionen Franken aufgebracht», sagt er. Unternehmer müssten sich nicht schämen, Geld aufzunehmen, weiss er heute. Denn professionelle Investoren investieren in eine Vielzahl von Start-ups. Gelingt nur einem davon der grosse Durchbruch, hat sich das Risiko gelohnt. Implizit verweist Julian damit auch auf die Kehrseite des Unternehmertums: Nur ein Bruchteil aller Start-ups schafft es tatsächlich.

Fundraising ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Es gilt nicht nur, ein tragfähiges Netzwerk aufzubauen und dieses von der eigenen Idee zu überzeugen, sondern auch Durchhaltevermögen zu haben, «denn die Suche nach frischem Kapital zieht sich ewig durch», wie Laura sagt. Bis heute hat sie – auch mithilfe von Kleininvestoren die jeweils 500 Franken beisteuerten – rund 1.5 Millionen Franken eingesammelt. Noii zählt inzwischen über 400 Miteigentümer.

«Kein Geld zu haben, darf kein Grund sein, seine unternehmerischen Träume nicht zu verfolgen»

«Flexibel und stur sein»

Zentraler Baustein des Erfolgs ist auch die Suche nach einem oder mehreren Co-Foundern. Laura rät, zuerst einmal ein paar Monate zusammenzuarbeiten, bevor man sich festlegt. Und jung eine Firma zu gründen, hält sie für einen Riesenvorteil. «Speed is King», pflichtet Julian bei und ergänzt: «An der Vision muss man stur festhalten, bei der Umsetzung jedoch flexibel und schnell sein». Entscheidend sei, dass ein Co-Founder die Vision teile, zugleich jedoch ergänzende Skills einbringe. Hier sind sie sich einig: Unternehmer werde man nicht durch ein angeborenes Gen. Unternehmertum sei lernbar – und prinzipiell für jeden zugänglich.

Mit Blick auf verbesserungswürdige Rahmenbedingungen berichtete Laura etwa von strikten Auflagen für Events in Lausanne. Die Stadt erhebe auch Steuern auf Tickets – was die Expansion in die Romandie nicht gerade erleichtere. Julian beklagt, dass die reiche Schweiz über sehr wenig Risikokapital verfüge. Sein Wunsch: bessere Anreize, etwa durch eine Steuerbefreiung von Risikokapital. «In Grossbritannien kann ich Risikokapitalanlagen von den Steuern anziehen. In der Schweiz ist es umgekehrt. Je mehr ich investiere, desto mehr Steuern bezahle ich». In den USA dürften zudem Pensionskassen in Venture Capital Funds investieren. Die Folge: Viele gute Startups wandern früher oder später dorthin ab.

Unter den rund 50 Teilnehmern befanden sich auffallend viele junge Leute. Inspirierend zu sehen, wie viele von ihnen dem Unternehmertum zugetan sind und von ihren eigenen, unterschiedlich weit gedeihten Projekten erzählten. Von der selbst designten Tragtasche für Wasserflasche und Handy bis hin zur eigenen Immobilienverwaltungsfirma. Und vergessen Sie keinesfalls: Sollten «Functional-Food-Gummibärli» mit stimulierender Mate – die Wirkung ist mit Koffein vergleichbar – eines Tages zum grossen Renner werden, dann haben Sie davon zuerst im Schweizer Monat gelesen. (Fabian Gull)

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