Jedem seine Sprache

René Scheu im Gespräch mit Christian Lüscher Welche Landessprache sprechen Sie? Diese Frage kann darüber entscheiden, ob man Bundesrat wird oder nicht. Ein Treffen mit dem Ex-Bundesratskandidaten Christian Lüscher im Zentrum der Macht.

Herr Lüscher, wir sitzen hier im Bundeshaus, dem politischen Zentrum der mehrsprachigen Schweiz. In welcher Sprache wollen wir uns unterhalten?

Je suis flexible.

 

Ich stelle meine Fragen auf Deutsch, Sie antworten auf Französisch?

Très bien. Das ist ein sehr guter Weg, um in der Schweiz miteinander zu kommunizieren. Ich verstehe Sie, und Sie verstehen mich.

 

Wir pflegen beide unsere Eigenheiten.

Genau. Natürlich zeugt es von Respekt, wenn man sich in der Sprache seines Gegenübers unterhält. Aber da die wenigsten perfekt bilingue sind, werden die Gespräche oft holprig. Man spricht mehr über die Eigentümlichkeiten der Sprache als über Inhalte. Die Ausdrucksfähigkeit wird dem Anstand geopfert. Das musst nicht sein.

 

In der Schule ist uns eigentlich beigebracht worden, dass man sich mit Romands auf Französisch unterhält.

Das ist gute Erziehung! Ich gebe gerne zu, dass die Deutschschweizer in dieser Hinsicht vorbildlich sind und sehr schnell die Sprache wechseln. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Ich sage nur: wenn man ein vertiefendes Gespräch führen möchte, sollte sich jeder in seiner Sprache ausdrücken können. Sprache ist Heimat.

 

Wie kommunizieren die Parlamentarier im Bundeshaus untereinander?

[Auf Deutsch] In den Kommissionssitzungen sprechen die Romands Französisch. Es wird nicht erwartet, dass wir uns mit Deutsch abmühen. Und die Deutschschweizer verständigen sich auf Deutsch.

 

Sie haben gegen unseren Pakt verstossen. Sie sprechen nun plötzlich wieder Deutsch.

Wir praktizieren ein schönes Kauderwelsch! Nein, im Ernst, es ist von Vorteil, wenn jeder in der Schweiz gute passive Kenntnisse zumindest einer der anderen Landessprachen hat. Ich kann problemlos die NZZ lesen. Aber ich wäre unfähig, auf Deutsch wiederzugeben, was ich gelesen habe. Bleiben wir also dabei: Sie sprechen Deutsch, ich Französisch.

 

Wir können es auch ganz anders machen: alle sprechen Englisch in der Schweiz.

Das wäre eine sehr schlechte Idee.

 

Warum?

Der Geist der Schweiz zeigt sich in unterschiedlichen kulturellen Zugehörigkeiten, in verschiedenen Formen der Herkunft und in verschiedenen Sprachen. Denn was macht die Schweiz aus? Nicht eine Sprache, nicht eine Kultur, sondern der eine Wille, dass Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen eine Gemeinschaft bilden. Die Schweiz ist ganz einfach deshalb eine Nation, weil sie eine sein will. Die Bewegung entstand nicht von oben, sondern von unten. Die Sprachen sind ein wichtiger Teil unseres nationalen Erbes.

 

Und wenn jetzt alle Sprachregionen gemeinsam beschliessen, Englisch als gemeinsame Sprache einzuführen?

Englisch ist nicht unsere Sprache! Und das ist genau der Punkt. Denn wenn wir unsere Sprachen aufgeben, verlieren wir einen Teil unserer Identität.

 

Als es um die Regelung der Nachfolge von Bundesrat Pascal Couchepin ging, war die Sprachzugehörigkeit ein wichtiges Thema. Ausnahmsweise war sich die ganze politische Schweiz einig: der neue Bundesrat sollte wie sein Vorgänger französischsprachig sein.

Ich teile diese Ansicht. Es sollen mit Vorteil alle Sprachen in der Regierung vertreten sein. In Artikel 175 unserer Verfassung steht: Bei der Wahl des Bundesrats «ist derart Rücksicht zu nehmen, dass die Landesgegenden und Sprachregionen angemessen vertreten sind». Letztlich geht es um den Schutz der Minderheiten. Die Regierung muss das gesamte Volk repräsentieren, sonst hat sie ein Legitimationsproblem.

 

Sie haben sich letzten Sommer ins Spiel um Couchepins Nachfolge gebracht. Als Romand profitierten Sie vom Bonus Ihrer Herkunft.

Ich stehe absolut hinter dem, was ich eben sagte – nicht aus Opportunismus, sondern aus Überzeugung.

 

Die Sprachenfrage kann aber auch groteske Züge annehmen. Ständerat Urs Schwaller bewarb sich ebenfalls um das freiwerdende Amt des Bundesrats und spielte die Sprachenkarte aus. Freiburg, seine Geburtsstadt, ist zweisprachig, und so stellte sich Herr Schwaller plötzlich als halben Romand dar, obwohl er der Deutschschweizer Minderheit in Freiburg angehört.

Das war politisches Sommertheater. Herr Schwaller ist ganz klar ein Deutschschweizer.…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»