Jakob Schaffners Fall

Zur Neuauflage des umstrittenen «Johannes»

Jakob Schaffner, ein 1875 in Basel geborener Schweizer Dichter, ruht seit nunmehr über 60 Jahren bei den Toten, doch ruht er keineswegs in Frieden. Zwar kennt man heutzutage beidseits des Rheins und Bodensees kaum mehr eines seiner Werke. Sein Name aber eignet sich in der Schweiz offensichtlich noch immer als Munition für schweres Geschütz im Tageskampf. Dass ein Bundespolitiker den äusserst vitalen Schriftsteller Adolf Muschg in einer Rede mit dem längst verblichenen Jakob Schaffner «verglich» und der betreffende Absatz auch als Anzeige in mancher Schweizer Zeitung abgedruckt wurde, veranlasste den Presserat 1998 sogar zu einer grundsätzlichen Stellungnahme «zur redaktionellen Mitverantwortung für politische Inserate». Seit seinem Eintreten für die «nationale Erhebung» der Deutschen 1933 galt Schaffner den Schweizern als ein «Fall» im Doppelsinn des Wortes.

Schon 1911 hatte Schaffner seinen Wohnsitz dauerhaft nach Deutschland verlegt, doch war es erst seine Identifikation mit Hitlers Staat, die aus dem Grenzübertritt in den Augen der Eidgenossen einen «Verrat» werden liess – schliesslich hatten die Schweizer ihm noch 1930 ihren Grossen Schillerpreis verliehen. Schaffner trat der NSDAP zwar niemals bei, und er versicherte 1936 ausgerechnet in einer Reiseschilderung für die nationalsozialistische Tourismus-Organisation KdF, er wolle seine Schweiz im Falle eines willkürlichen Angriffs auch gegen die Deutschen mit der Waffe in der Hand verteidigen. Faktisch aber agierte er seit seinem Bekenntnis zur «Auferstehung des Reiches» und seit seinen Auftritten als Redner für die «Nationale Front», eine pro-nationalsozialistische Bewegung in der Schweiz, als Anwalt einer ausländischen Macht, ja als Vertreter einer potentiellen Bürgerkriegspartei. Schaffner, der 1944 im Alter von 69 Jahren zusammen mit seiner schwangeren dritten Frau, einer jungen Schweizerin, bei einem Bombenangriff der Westalliierten in Strassburg umgekommen war, konnte nach dem Krieg nur unter Protesten in die Heimat umgebettet werden.

Unverständlich ist dieser Protest gewiss nicht, doch darf man auch vermerken, dass Schaffner in der Schweiz immer eine Reihe wichtiger Fürsprecher behielt, die trotz der politischen Irrungen und Wirrungen auf seinem literarischen Rang beharrten: Hans Bänziger etwa rühmte ihn schon 1958 als «einzigen typischen Romancier der deutschen Schweiz», und für Max Rychner war er gar der «bedeutendste Schweizer Erzähler unseres Jahrhunderts». Damals hatte der Verlag «Die Arche» den «Johannes», Schaffners wohl bekanntesten Roman, wieder herausgegeben, allerdings ohne allzugrosses Echo; auch zwei von Charles Linsmayer rund zwanzig Jahre später besorgte Neuausgaben – eine Sammlung früher Erzählungen und eine Ausgabe des Romans «Konrad Pilater» – änderten daran wenig.

Nun jedoch wird Jakob Schaffner gleich durch zwei Neuerscheinungen wieder ins Licht gerückt. Christof Wamister hat den 1909 bei Samuel Fischer in Berlin erschienenen Briefroman «Hans Himmelhoch» erstmals neu ediert, und Peter von Matt präsentiert in der Kollektion Nagel & Kimche eine schöne Neuausgabe des «Johannes», eines stark autobiographischen Romans, den Schaffner 1922 veröffentlicht hatte. Himmelhoch wird mit seinen «Briefen an ein Weltkind» vom Autor als ein futuristischer Kraftmeier, ein «ideeller Aviatiker» präsentiert, ein seinem Namen gemässer manischer Charakter, der sich über den Stoff ins Grenzenlose des «Universums» erheben will: «Vater und Mutter» verlässt er, wie die Anrede an den Leser verkündet, «um an ihrer Stelle Herrschaften und Organisationen aufzurichten», in denen er selbst «der Wille und der Sinn» sein könne. Seine bisweilen ekstatische Feier des Fortschritts ist gleichwohl stets gespeist aus einem Zustand, dessen Grund später in Schaffners «Johannes. Roman einer Jugend» freigelegt wird. Die Not sei sein Motor, erklärt Himmelhoch an einer Stelle. Davon erzählt nun Johannes Schattenhold, wie das Erzähler-Ich in Schaffners bedeutendstem Buch heisst.

Dieser zu Recht einst oft gerühmte Roman, den der bereits sechsundvierzigjährige Schriftsteller aus dem Stoff seiner eigenen Kindheit entwickelte, eröffnet einen gleichsam katholisch gebrochenen Blick auf eine pietistische Anstaltssozialisation. Nach dem frühen Tod des geliebten Vaters, eines protestantischen Schweizers, bricht die katholische, aus einem badischen Dorf stammende Mutter mit ihrem Liebhaber auf in die Neue Welt, um dort ihr Glück zu suchen. Den achtjährigen Sohn lässt sie zurück bei ihren Eltern in Deutschland, wo dieser vor allem bei seinem Grossvater, einem «Gemeindemaulwurfsjäger», seine glücklichste Zeit erlebt. Mit Blick auf das neblige Rheintal lässt der Autor den kleinen Johannes, «angesichts dieser poesie- und sinnvollen Verwischung der Grenze», sich nicht mehr nur als «Schweizerbub», sondern bereits «grösseren und bedeutungsvolleren Verbänden» zugehörig fühlen. Aber der Basler Pfarrherr, der den Vater als Gärtner beschäftigt hatte, erzwingt bald, dass Johannes der protestantischen Armenanstalt «Demutt» übergeben wird; das reale Internat in Schaffners Leben war das badische Beuggen, und Name wie Kunstname stehen für ein rigides Erziehungssystem, das Überwachen und Strafen mit der Abrichtung zu innengeleiteter Selbstdisziplinierung durch das «Gewissen» verbindet. Johannes wächst hier zwar in einen frömmelnden, harten, durch Kinderarbeit geprägten Alltag hinein, der indes nicht freudlos bleibt. Schaffners späte Autorenperspektive auf die leidvolle Kindheit ist nicht «nur Abreaktion», sondern gelangt tatsächlich zu einer «Überwindungsform des Direkt-Autobiographischen»; mit diesem Diktum Heimito von Doderers benennt Peter Hamm in seinem ausgezeichneten, unvoreingenommenen Nachwort den Qualitätsmassstab eines solches literarisches Unternehmens. Schaffner überzeichnet nicht, sein Blick wird nie unversöhnlich, der Ton bleibt immer verhalten; dennoch erhellt er mit scharfen Charakterzeichnungen das Innenleben der Anstalt auf einzigartige Weise. Ausser bigotten Menschen, wie dem deformierten Leiter der Anstalt und der «Weiberkamarilla» um dessen Frau, erscheint so etwa mit der Figur des Heinrich von Salis auch ein guter Pädagoge plastisch vor den Augen des heutigen Lesers.

Neben zahllosen ergreifenden Passagen spricht für Schaffners «Johannes», dass er in einer ganzen Serie zeitgenössischer Romane zur Jugendsozialisation – von Hermann Hesses «Unterm Rad» über Robert Walsers «Jakob von Gunten» bis hin zu «Das widerspenstige Fleisch» des Malers Rudolf Schlichter aus Calw – einer der aufschlussreichsten ist. Gerade etwa die den protestantischen Chorälen oder dem Wesen des Gebets gewidmeten Stellen machen geistesgeschichtliche Analysen wie jene des Germanisten Gerhard Kaiser einsichtig, der die Genese des kulturprotestantischen Patriotismus aus dem Pietismus des 18. Jahrhunderts aufgezeigt hat. Auch Schaffners nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland gehegte Hoffnung auf eine «Erlösung vom Klassenkampf» erwuchs aus solchen pietistischen Dispositionen: es war ein falscher Messias, den er als Johannes am Ende verkündet hat, doch irrte Schaffner nicht allein. Schliesslich hatte selbst einer der schärfsten Kritiker dieses «Nazi-Apostels», der spätere Wahlschweizer Carl Zuckmayer, im April 1933 angesichts der Umwälzungen in Deutschland einem Freund gegenüber von Österreich aus gestanden, er könne sich «der Grösse, die dieser elementaren Bewegung inne­wohnt, einfach nicht entziehen». Im Falle Schaffners, wie in anderen auch, gibt es sicher nichts zu entschuldigen, vieles aber bleibt noch zu erklären. Schaffners Roman «Johannes» mit seinen «aufgeschlagenen Augenblicken der Seele» bietet dazu einen Schlüssel.

Jakob Schaffner, «Johannes. Roman einer Jugend». Zürich: Nagel & Kimche, 2005.

Jakob Schaffner, «Hans Himmelhoch. Wanderbriefe an ein Weltkind» Zürich: Chronos, 2005.

Ulrich Fröschle, geboren 1963 in Leonberg, ist wissen-schaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur- und Kulturgeschichte der TU Dresden.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»