Ist Krieg im Menschen angelegt?

Über Aggression und ihre Kontrolle Die Eipo, ein Volksstamm aus dem Bergland Neuguineas, gehören weltweit
zu den aggressivsten Kulturen, betrachtet man die hohe Wahrscheinlichkeit, mit
der Männer und Frauen in gewaltvollen Auseinandersetzungen sterben.

Vor 30 Jahren schockte ein Foto die Welt. Ein Yali-Krieger, im Tod hingestreckt über Felsen, durchbohrt von Pfeilen, von denen einige den Körper durchdrungen haben. Der Ethnologe Klaus Friedrich Koch hatte die aggressiven Auseinandersetzungen dieser Bergpapua um die damals neugegründete Missionsstation Angguruk im Westteil Neuguineas dokumentiert. In Deutschland wurde das Foto im «STERN» publiziert. Einige Jahre zuvor hatte eine Gruppe um den Ethnolgen Karl Heider und den Filmemacher Robert Gardner im Zuge einer Expedition des Peabody-Museums der Harvard-Universität, an der auch der später an der Südküste verschollene Michael Rockefeller teilnahm, auf Zelluloid den Krieg der Dugum Dani gegen ihre Nachbarn festgehalten; ihr Film «Dead Birds» und das begleitende Buch «Gardens of War» sind ungemein eindrucksvolle Zeugnisse der aggressiven Auseinandersetzungen unter indigenen Papuagruppen, die bis zu diesem Zeitpunkt kaum Kontakt mit der Aussenwelt hatten.

Diese Dokumente belebten die uralte Diskussion um die essentielle Frage: Sind wir Menschen von Natur aus gut, und hat erst die neolithische Revolution, der Zaun um die Haustiere und das als Territorium verteidigte Getreidefeld, unsere Spezies zu bösen kapitalistischen Kriegern gemacht? Oder steckt in uns wie in jedem Tier die Tendenz, auf Bedrohung vitaler Ressourcen mit aggressiver Verteidigung zu reagieren und auch über aggressive Akte in den Besitz solcher Ressourcen zu gelangen?

In der Tat sind die in der ethnographischen Literatur vorhandenen Dokumente – einschliesslich solcher über traditionale Jäger- und Sammlergesellschaften wie etwa jene der vormals als Inbegriff der Friedlichkeit geltenden Kalahari San, der «Buschleute» – Belege für eine tiefe Verankerung aggressiven Verhaltens im Repertoire menschlicher Handlungen. Ein Blick auf die heutige Welt zeigt, dass wie in der Frühzeit menschlicher Existenz ethnische und religiöse Abgrenzung und vor allem das in vielen Kulturen beschworene Prinzip der Rache nach wie vor Triebfedern für Krieg, Besetzung und Völkermord sind – selbst bei Nationen, die sich der vom Christentum geformten Zivilisation verschrieben haben.

Angesichts all der unvorstellbaren Grausamkeiten, deren Bilder uns heute direkter denn je über die Medien erreichen, fällt es schwer zu glauben, dass kriegerische Gewalt in vielen Kulturen und zu vielen Zeiten von bestimmten, zugegebenermassen oft mehr schlecht als recht funktionierenden Regeln soweit beeinflusst werden könne, dass sich noch schlimmere Brutalität verhindern lasse. Die Bemühungen Henry Dunants sind der vorerst letzte grosse und grossartige Versuch, derartige Verhaltensformen zu bündeln und zu einem international geltenden Kanon zu machen.

Kampf ist nicht Krieg

Ein Beispiel für aggressives Verhalten, aber auch für Aggressionskontrolle und Versöhnung ist die Kultur der Eipo, einer Bergpapuagruppe östlich der von K.F. Koch beschriebenen Yali. Mit dieser Eipogruppe habe ich zwischen 1974 und 1980 insgesamt 22 Monate als Feldforscher gelebt.

Die Eipo unterscheiden verschiedene Formen der aggressiven Auseinandersetzung. Die erste Form, die Innergruppenaggression, wird abala genannt, die zweite, die Zwischengruppenaggression, heisst male fey bin (auf Kriegspfad sein) auch ise mal (Geisterpfeil), was man am zutreffendsten mit Krieg übersetzen kann. Eine dritte Form ist das Töten von Hexen oder Hexern. Auf den ersten Blick sehen die Aktionen in abala bzw. male fey bin ähnlich aus. In beiden Fällen kämpften die Männer mit unvergifteten, aber meist durch Widerhaken an den oberen Enden gefährlicher gemachten Pfeilen und den recht durchschlagsstarken ca. 150 cm langen und damit für die Eipo mannshohen Bögen. Falls vorhanden, trugen sie dabei zu ihrem Schutz einen aus Rotanmaterial hergestellten Brustpanzer. In beiden Kampfarten wurde unter Einsatz aller Fähigkeiten gefochten, und es gab nicht selten Tote. Der Anteil aller Getöteten lag im Beobachtungszeitraum von 1974 bis 1980 bei drei Personen pro Jahr und pro 1’000 Bewohner und war damit geringer als der in einigen anderen Hochlandgesellschaften. Die damalige Wahrscheinlichkeit, durch Gewalt zu sterben, lag für Männer bei etwa 25 Prozent, für Frauen bei 13 Prozent. Damit rangierten die Eipo in der Gruppe der weltweit aggressivsten Kulturen.

Ein im abala Getöteter wurde von allen, auch vom Gegner, bedauert. Damit er der Tradition gemäss auf einem Baum bestattet werden konnte, galt für diese Zeit eine Waffenruhe. Ein Opfer von male fey bin dagegen hatte keinen Respekt von seinem Gegner zu erwarten. Im Gegenteil, wurde jemand fernab seines Dorfes getötet und waren keine Krieger aus seiner Gruppe in der Nähe, die eine Verfolgung hätten aufnehmen können, brachte man den Leichnam ins eigene Dorf, um ihn dort, unter Beteiligung aller Bewohner, in einer kannibalischen Zeremonie zu verzehren. So geschah es mit Mute, einem unserer Nachbarn in Munggona, wo ich wohnte.

Die bisher aufgezeigten Befunde lassen den Eindruck entstehen, dass in der Gesellschaft der Eipo den aggressiven Handlungstendenzen keinerlei Zügel angelegt werden. Das ist aber nicht der Fall, denn für fast alle Stufen der Gewalt existierten Möglichkeiten, die bereits entstandene Bereitschaft zur Aggression zu verringern. Einige dieser Mechanismen sollen hier aufgezeigt werden.

Bei Streitigkeiten zwischen Dorfbewohnern versuchten fast immer einige Umstehende das Eskalieren der Gewalt zu verhindern. Diese Personen stellten sich zwischen die Streitenden und bemühten sich auch auf andere Weise, den Streit zu schlichten oder zumindest Verletzungen zu verhindern. Interessanterweise waren es die Frauen, die sich dann einmischten, wenn Männer desselben Dorfes ihre Streitigkeiten mit Pfeil und Bogen, also auf die gefährlichste Weise austrugen. Sie näherten sich mit ruhigen Bewegungen von hinten oder von der Seite bis auf etwa Armlänge einem erregten Kämpfer, redeten in besänftigendem Ton zu ihm und streckten den Arm und die Hand mit nach oben gekehrter Handfläche in einer Intentionsbewegung des Berührens aus, allerdings ohne ihn tatsächlich zu berühren. Die Frauen sprachen in diesen Momenten darüber, wie sehr sie doch alle Männer im Dorf benötigten, um den Schutz gegen die Feinde im Krieg sicherzustellen, und wie schrecklich es sei, wenn einer von ihnen getötet würde. Für die Kämpfe innerhalb der Gruppe war typisch, dass die Männer der beiden Parteien sich im offenen Gelände beschossen, dies aber sofort einstellten, wenn einige Frauen, wie üblich mit Gartenprodukten beladen, zwischen den feindlichen Linien hindurchgingen.

Aug um Auge

In einem Fall beobachtete ich, wie zwei Männer mit halbgezogenen Bögen aufeinander zugingen, durch das zwischen ihnen stehende grosse Männerhaus füreinander nicht sichtbar. Als sie dann einander ansichtig wurden, liessen sie die Waffen sinken. Möglicherweise war hier die direkte Begegnung mit Blickkontakt ein Element der Aggressionsabblockung, wie es ja auch aus modernen Kriegen bekannt ist; denken wir an die Fraternisierung in den Stellungskämpfen zwischen Franzosen und Deutschen im 1. Weltkrieg. Man hatte den Eindruck, dass die einheimischen Männer diese abala-Kämpfe (wie auch den Krieg) im Adrenalinrausch und als eine Art Turnier genossen, dessen bisweilen fatale Folgen eigentlich jedoch bedauerten. Es fehlte ihnen die dritte Instanz, ein Gericht, an das man einen Streitfall hätte delegieren können. So war das Gesetz des Handelns das alttestamentarische «Aug um Auge…». Einmal in brachiale Gewalt eskalierte Aggression kam daher meist nur zur Ruhe, wenn auf beiden Seiten der Leidensdruck durch eigene Verluste genügend gross war, um die Motivation zum Weiterkämpfen zu überlagern.

Die Aktionen im male fey bin-Krieg zwischen den Gruppen waren wesentlich entschiedener als jene im abala-Kampf innerhalb der Gruppe. Man versuchte, den Gegner zu überraschen und legte vorzugsweise Hinterhalte. In eine solche Falle gerieten einige Männer aus Dingerkon, die bis auf einen fliehen konnten. Diesen jedoch spickten die Feinde aus dem Famek-Tal mit Pfeilen, zwei in jede Seite des Brustkorbs und weitere vier in andere Körperteile. Trotz schweren Verletzungen überlebte der in traditioneller psychosomatischer Weise und von mir mit modernen Medikamenten behandelte Mann.

Mehrmals brachen die Krieger des Eipomek-Tals zu nächtlichen Angriffen gegen das Hauptdorf der Gegner auf. Mir ging durch den pazifistischen Sinn, dass sie die Wirksamkeit ihres Angriffs leicht erhöhen könnten, wenn sie die hellen, auch nachts auffälligen Pfeile mit Russ schwärzten und ihren schimmernden Schmuck aus Meeresschnecken ablegten. Geschmückt wie zum Tanz in den Krieg zu ziehen, ist jedoch Tradition. Hierin darf man auch ein Element der Aggressionskontrolle sehen. Die Informanten berichteten mir, dass man kurz vor dem Angriff auf ein Männerhaus gemeinsam einen lauten Schrei ausstosse. So wurde möglicherweise die eigene Kampfmotivation erhöht, doch auch der Feind gewarnt, der die sorgfältig in der Pfeilhalterung des Männerhauses abgestellten Waffen sofort griffbereit hatte. Der Friedensschluss war nach den male fey bin-Kriegen ein formaler, zeremonieller Akt. Man traf sich am Eipomek-Fluss, der Grenze zwischen den beiden Territorien, und versicherte, fortan friedlich miteinander leben zu wollen. Dies hielt solange, bis ein neuer Anlass die alte Erbfeindschaft wieder aufflammen liess. Zusätzlich gab es eine bedeutende sakrale Zeremonie zur Sicherung der Fruchtbarkeit, an der auch die Bewohner bisweilen verfeindeter Täler teilnahmen. Damit existierte auch ein sozio-religiöses Instrument der Aggressionskontrolle.

Ich bin davon überzeugt, dass neben der Einschaltung friedenerhaltender internationaler Institutionen eine Möglichkeit zum Zügeln kriegerischer Auseinandersetzungen in der Empathie liegt, also der uns Menschen universal gegebenen Fähigkeit, uns an die Stelle jener anderen Menschen zu setzen, über die Gewalt und Leid hereinbrechen. Das Problem aller Kriege ist allerdings seit je, dass über leider äusserst wirksame Mechanismen der ethnozentrischen Propaganda diesen Anderen eben gerade der Status des Mensch-Seins abgesprochen wird.

R.Gardner und K.G. Heider (1968) «Gardens of War. Life and Death in the New Guinea Stone Age». Random House, New York 1968.

K.G. Heider, «The Dugum Dani. A Papuan Culture in the Highlands of West New Guinea». Aldine Publishing Company, Chicago 1970.

K.F. Koch, «War and Peace in Jalémo». Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1974.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»