Irritierende Idylle

Auf meinem Flugticket stand wieder einmal «Switzerland». Schon fast Touristin im eigenen Land, liess ich mich für einen Sonntagsausflug auf den Pilatus begeistern. Auf nach Alpnach! Die Zugabteile voller Touristen und Wandergruppen, vor dem Fenster der Vierwaldstättersee, die goldene Herbstsonne – rasch wurde mir bewusst, wie sehr ich meine Heimat vermisst hatte. Ein Meer aus […]

Auf meinem Flugticket stand wieder einmal «Switzerland». Schon fast Touristin im eigenen Land, liess ich mich für einen Sonntagsausflug auf den Pilatus begeistern. Auf nach Alpnach! Die Zugabteile voller Touristen und Wandergruppen, vor dem Fenster der Vierwaldstättersee, die goldene Herbstsonne – rasch wurde mir bewusst, wie sehr ich meine Heimat vermisst hatte. Ein Meer aus «Ohs» und «Ahs» der Asiaten. Kameraknipsen und staunende Gesichter. Richtig ins Staunen kam ich allerdings erst beim Aussteigen. Denn dort erwartete mich ein offenbar afrikanischer Touristenstrom, der mir im Vorbeigehen Anzügliches nachrief und -pfiff. Ich beschleunigte den Schritt und trat in die nächste Dorfbeiz. Draussen vor dem Fenster wurden die jungen, aufgeregten Männer durch die Strassen eskortiert: Wo sonst der Alpaufzug vorbeiführte und Bauernburschen ihre Peitschen schwangen, sorgten Securitas-Männer, bewaffnet mit Schlagstöcken, für «Sicherheit». Wo waren die Dorfbewohner? Hinter mir, versammelt in der Beiz. Es herrschte Aufregung: Stammgast Fritz, so erfuhr ich beim Warten auf mein Getränk, hat kürzlich eine Mauer ums Haus bauen lassen, Danis Frau muss neuerdings jeden Morgen die Kinder zur Schule fahren und sie nachmittags wieder abholen. Hans hat sich einen Wachhund zugetan, Kurt gleich zwei. Chrigu hat das Sturmgewehr aus dem Keller geholt. Wenn sich einer von «denen» in seinen Garten verirre, sagte er, würde er seine Schützenkunst unter Beweis stellen. Die Rede war immer von «denen». Man wollte «sie» loswerden. Bei der Stimmung wurde mir mulmig zumute. «Wer sind denn sie?», fragte ich meinen Reisebegleiter zaghaft. «Asylsuchende», sagte er – die Art «Tourist», die kein Geld dalässt, sondern welches kostet. Und die ist gar nicht so willkommen.

Bis heute frage ich mich, was mir unangenehmer und, ja, was weniger idyllisch ist: junge Männer aus Afrika, die mich ohne Hemmungen auf der Strasse anpöbeln, oder renitente Innerschweizer, die diesen gleich mit Schlagstock und Gewehr begegnen?

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»