Irritation statt Ästhetik

Das Prädikat «schön» passt nur selten zu den ausgestellten Exponaten zum Thema Tod. Die Bilder, Photos, Installationen und Videos von Sterbenden, Toten und den mit ihnen assoziierten Artefakten sind für den Betrachter oft qualvoll und mühsam. Doch können sie auch faszinieren, wie ein Rundgang durch die Ausstellung des Berner Kunsthauses zeigt.

«Six Feet Under». Provozierend und dabei nicht ohne den gehörigen Schuss Ironie, der den Umgang mit so grossen Themen wie dem Tod heute überhaupt noch möglich und erträglich macht – der Titel der aktuellen Ausstellung des Berner Kunstmuseums verweist ganz allgemein auf alles, was mit unserem unausweichlichen Ende zu tun hat. Doch schon der Untertitel nimmt den übergrossen Anspruch zurück: «Autopsie unseres Umgangs mit Toten» – nicht mit dem Tod und nicht einmal mit den Toten. Da haben die Ausstellungsmacher kluge Vorsicht walten lassen, auch wenn sie sich vermutlich mehr vorgenommen haben, als bloss unseren Umgang mit der Präsenz des toten Körpers zu dokumentieren. Das verraten allein schon die Begleittexte, die ohne Scheu das grosse Thema Sterben und Tod für die in der Ausstellung gezeigten Exponate in Anspruch nehmen. Und auch die Ausstellung selbst löst doch mehr ein als das eher zurückhaltende Versprechen, das der Untertitel formuliert.

Doch welches «uns», welches «wir» ist gemeint, wenn von «unserem» Umgang mit Toten die Rede ist? Da wird nicht weiter differenziert; die Antwort bleibt der Ausstellung selbst überlassen, und diese fällt darob auseinander, in viele sehr disparate Einzelaspekte des Todes und Sterbens, die von den etwas angestrengt anmutenden «Kapiteln» nicht wirklich überzeugend zusammengehalten werden, und auch, so hat man den Eindruck, in ein Unten und ein Oben. Unten geht das Sterben mühsam und qualvoll vor sich, oben im hellen, offenen Zentralraum des Treppenhauses scheint die Sonne und leuchtet der Himmel, und der Tod ist aufgehoben in der Gemeinschaft und ihren tröstlichen Ritualen. Das sind nicht «wir». Solches ist uns schon lange versagt. Bei «uns» sind die Riten längst Folklore geworden, der Tod eine sehr einsame Angelegenheit. So ist das obere Stockwerk mit seinen bunten, naiv zoomorphen Särgen aus Ghana vielleicht der einzige Lichtblick in dieser sonst ziemlich tristen Ausstellung, und man sollte sich ihn für das Ende aufsparen. Auch weil man sich hier eher in den unaufgeregten Gefilden der Ethnologie ergeht als in den oftmals zwanghaft verstörenden der Kunst. Vorerst muss man allerdings noch die das Treppenhaus umgebenden Räume hinter sich bringen, wo es immerhin einige anrührende Kunstwerke von Ferdinand Hodler, Edouard Vallet, Albert Anker, Claude Monet, aber auch A. A. Bronsons bewegendes, grossformatiges Bildnis des sterbenden oder toten Felix Partz zu sehen gibt.

Aber wie in der ganzen Ausstellung, so erscheint auch vieles in diesen Räumen als «aufgefüllt» mit eher Zufälligem, Unbedeutendem, gelegentlich auch Ärgerlichem oder zumindest Unnötigem, wozu ich den «Entierro» genannten Betonblock von Teresa Margolles mit dem angeblich eingegossenen Fötus zählen würde, oder auch das fast schon exhibitionistisch anmutenden Video der Engländerin Sue Fox, die sich selbst als Trauernde beim Friedhofgang gefilmt hat – ein aufdringliches Video, das seinen künstlerischen Anspruch weitgehend aus der heute modischen, Authentizität vorgaukelnden verwackelten Kameraführung und der die Gesichter verzerrenden Weitwinkeloptik bezieht. Eine andere Videoarbeit, von Aida Ruilova, fand ich als eine Art nekrophile Persiflage dagegen witzig und amüsant. Wer weiss, ob ich’s richtig begriffen habe?

Am Abgang zum Untergeschoss, mit dem man den Rundgang beginnen sollte, warnt eine kleine Tafel «extrem sensible Personen» vor einigen Werken, denen man offenbar besonderes Schockpotential zutraut. Es ist ja auch gerade der Zweck der meisten hier versammelten Arbeiten, zu erschrecken oder abzustossen – und einigen gelingt es tatsächlich voll und ganz. Spitzenreiter in dieser Hinsicht ist «Link of the Body» des chinesischen Künstlerpaars Sun Yuan und Peng Yu, das zwei einander zugewandte, an Gummischläuchen hängende, blutüberströmte Kinderkörper zeigt. Eine erschreckend gefühllose, in jeder Hinsicht unbegreifliche photographische Inszenierung, die kein bisschen mehr Berechtigung durch die Tatsache erhält, dass hier Gewalt zum Tode durch (nutzlose und vergebliche) Gewalt zum Leben ersetzt wird.

Es darf davon…

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