Irgendwie surreal. Das Leben.
Jürg Halter, fotografiert von Rob Lewis.

Irgendwie surreal. Das Leben.

Nächtliche Notizen aus den ersten Tagen der Quarantäne.

 

In Quarantäne versetzt finde ich sehr bald manches Vertraute suspekt – vorab die eigene Wahrnehmung. So spaziere ich etwa abends in frisch polierten Schuhen durch die Wohnung auf der Suche nach meinem Zuhause, das bisher wesentlich draussen lag, unter Menschen. In Cafés, Restaurants, Bars oder auf öffentlichen Plätzen. Aber hier treffe ich auf niemanden ausser mir.

Als wär’s schon eine Ewigkeit her, erinnere ich mich an meinen letzten Besuch im «3 Eidgenossen» in Bern; eine Frau meinte vor dem Lokal, nachdem sie elegant den Rauch ausgeatmet hatte: «Ich bin jetzt 75, mir egal, wenn’s mich nun nimmt. Ich hab’s gesehen. Es war im grossen und ganzen ein gutes Leben.» Sie lachte aus voller Kehle, dann prosteten wir uns schweigend zu. Im Tram auf dem Nachhauseweg schrieb ich in mein Notizbüchlein: «Irgendwie surreal. Das Leben. Als hätten wir vor lauter Selbstoptimierung vergessen, dass der Tod selbstverständlich zum Leben dazugehört. Unsere pausenlose, oft blinde Geschäftigkeit entschärft unseren Verstand, betäubt unsere Sinne.»

Nun ist es mitten in der Nacht und ich begegne stummen Wänden, die mich befremden. Ich taste über ihre Zeichnungen, um mich abzulenken vom Bildschirm, der jetzt meinen Blick in die Welt ersetzt; bin überinformiert, erschreckt, verhäuslicht, zerstreut und abgestumpft – manisch-digitalisiert. Wie konnte es so weit kommen? Wir sollen zu anderen körperlich Distanz wahren, um so unsere seelische Zuwendung auszuleben und andere Körper vor dem Tod zu bewahren. Überparadoxes Leben! Als ob Körper und Seele so einfach voneinander zu trennen wären.

Ich bin noch wach, weil ich einen Albtraum hatte, in dem ich mich in einem Überwachungsstaat wiederfand: Alle meine Bewegungen, ob digital oder real, wurden registriert. Der Staat wusste, was und wo ich einkaufe. Er kannte meinen Kontostand, las und hörte alle meine Nachrichten. Er kannte auch alle meine Kontakte und nicht zuletzt meine Krankengeschichte – kurz, ich träumte vom China der Gegenwart, das sich Demokratiefeinde im Namen des Fortschritts auch hier offen oder heimlich herbeiwünschen: absolut sicher, absolut unfrei. Oder wie sie es ausdrücken würden: Pandemie als Chance, als Digitalisierungskatalysator. Ich schreckte hoch – beinahe schweisslos; zum Glück in diesen Tagen!

«Irgendwie surreal. Das Leben.

Als hätten wir vor lauter Selbstoptimierung vergessen,

dass der Tod selbstverständlich zum Leben dazugehört.

Unsere pausenlose, oft blinde Geschäftigkeit entschärft

unseren Verstand, betäubt unsere Sinne.»

Zur Beruhigung versuchte ich, mich von der Illusion, dass nach der Pandemie alles so weitergeht wie davor, benebeln zu lassen, nur um dann mit einem Ruck an meinem Küchenfenster zu stehen: Niemand zu sehen. Es ist drei Uhr morgens. Ich denke an die anderen Ruhelosen auf der Erde – Bekannte und Fremde.

Apropos Erde: Nachdem Land um Land den Lockdown erklärt hatte, rieb sich die Erde vielleicht ungläubig die Augen und fragte sich, warum das beim Klima nicht auch klappt. Sie war wohl überrascht, wie überrascht wir waren, dass es so weit kommen konnte. Hat sie uns denn nicht mehr als genug Zeichen gesendet?

Wie geht noch gleich der Witz, der zunehmend aktueller wird? «Treffen sich zwei Planeten im Weltall. Sagt der eine zum anderen: ‹Siehst schlecht aus.› Sagt der andere: ‹Ja, ich habe Homo sapiens.› Sagt der erste: ‹Hatte ich auch mal. Das geht vorbei.›» Oder witzlos gesagt: Wir können machen, was wir wollen, wählen, wen wir wollen, lieben oder hassen, wen wir wollen, glauben, an wen wir wollen; der Natur sind wir gleichermassen egal. Dem Virus sind wir egal. Die Natur garantiert uns weder individuelle Freiheit noch Mitsprache. Sie ist weder demokratisch noch empathisch. In diesen Wochen erinnert sie uns eindringlich daran, wie klein und machtlos wir alle vor ihr sind.

Ich umarme in Gedanken meinen Lieblingsbaum, den Protestbaum, eigentlich eine gewöhnliche Linde, die aber in der Nachbarschaft durch einen Zaun gewachsen ist und diesen bravourös gesprengt hat. Ein kleiner Trost! Ich denke: Würden gegen den Klimawandel auch so drastische, einschneidende Massnahmen ergriffen wie gegen das Virus, dann würden wir die sogenannten Klimaziele tatsächlich noch erreichen. Ach!

Klar, die aktuelle Pandemie wird für allerlei politische Zwecke instrumentalisiert. Jeder will in ihr sein Weltbild bestätigt finden. Doch der Vergleich mit der Tatenlosigkeit der sogenannten Weltgemeinschaft vor dem Klimawandel drängt sich nicht nur mir auf. Die Angst vor dem Systemwechsel. Grosse, zu grosse Vergleiche? Bestimmt eine gefährliche Komplexitätsreduktion. Doch erst zu handeln, wenn es zu spät ist, ist nicht vernünftig. Im Gegenteil. Wir erleben es in diesen Wochen. Und ja, Probleme, so lange sie einen nicht unmittelbar betreffen, zu verdrängen; das ist leider menschlich. Ist dagegen nichts zu machen?

Ich merke: Vieles, was für mich selbstverständlich ist, beginnt sich zu ändern. Zur Erinnerung: Tausende von Menschen sterben jeden Tag weltweit an den Folgen von Hunger, die grosse Mehrheit davon sind Kinder. Aber jetzt, während der Tod ein wenig näher rückt, wollen wir noch viel weniger daran erinnert werden als sonst. Jeder ist sich selbst der Nächste.

In diesen Wochen ist oft von Risikogruppen die Rede: Wenn sich unsere Spezies weiterhin halb bewusst, halb unbewusst dem Wachstum unterordnet, dann wird’s in naher Zukunft nur noch Risikogruppen geben. Am besten wissen dies die Kinder und Jugendlichen, die sich für eine Klimawende engagieren.

Was folgt auf die bisherige Ausnahmesituation, die bei uns, grob gesagt, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs anhält und sich jetzt auflöst? Die Ausnahmesituation, die wir uns als Normalität verkaufen. Kommt die Epoche des wachstumsgetriebenen, egoistischen Individualismus zu einem Ende oder radikalisiert sie sich, bis sie kollabiert? Führe ich hier ein nächtliches Selbstgespräch als privilegierter Schweizer? Ach. Das Ausüben von Solidarität ist doch immer nur ein örtlich und oft auch zeitlich begrenztes Phänomen. Auf eine weltumspannende Solidarität zu hoffen ist indes naiv, vielleicht sogar schon fast zynisch, angesichts unserer von Nationalstaaten, Grosskonzernen, kriegerischen Religionen, Milliardären und Investitionsfonds bestimmten Welt. «Schweig, du Schwarzmaler!», zische ich. Die Krise ist doch der eigentliche Normalzustand, seit der Mensch im Holozän erschien. Wir sind Krise.

«Vor allem klar wird uns in diesen Wochen,

wer die wirklich Systemrelevanten sind. Sie gehören,

mit Ausnahme der Ärzteschaft und der Forschenden,

zu den Schlechtbezahlten, haben oft Migrationshintergrund

oder sind nicht im Besitz des unheiligen Schweizer Passes.»

An der europäischen Aussengrenze zeigte sich – Tage bevor unsere Schlagzeilen nur noch von der Pandemie bestimmt waren – einmal mehr, dass sich die sogenannt europäischen Werte meist dann in Luft auflösen, wenn es hart auf hart kommt. Vor Krieg und Not flüchtende Menschen, die von Erdoğan in der Türkei wie Vieh behandelt worden sind, wurden von Europa ebenso willkommen geheissen. Europa, insbesondere die oft und gerne so moralistisch auftretende EU, versagt erneut, wenn es darum ginge, Humanismus zu leben anstatt nur selbstgefällig zu predigen.

Aber genug davon, denn jetzt geht’s zuerst um uns, also um uns uns. Also … verdammt! Mangels Alternativen unterhalte ich mich nun im Badezimmer mit meinem Spiegelbild: «Ein unsichtbarer Gegner hält die Welt seit Monaten in Atemlosigkeit? Und du?» Als ich näher an den Spiegel trete, denke ich plötzlich: Der Gegner bin ich. Ich hebe die Faust, um sie lächelnd wieder senken zu lassen. Was für ein Theater!

Die Wände sprechen noch immer nicht, sind endgültig verstummt. So wie in diesen Wochen die Impfgegner, die Spitalabbau-Befürworter, die Produktion-ins-Ausland-Vorantreiber, die Schweiz-ohne-Armee-Gläubigen, die Globalisierungsgewinner, die (bitte ergänzen Sie selbst) … Weshalb bloss? Ich kann es mir einfach nicht erklären. Ich muss lachen.

In der Küche schaue ich in den Kochtopf und warte darauf, dass zwischen den Spaghetti eine Hand auftaucht und mich zurück in mich selbst versetzt. Ein verschrobenes Bild. Das ist wohl der Quarantäne geschuldet: Jedes Realitätsbild verzerrt sie. Augenblicklich fühle ich mich ins Jahr 2008 zurückversetzt; das Jahr, in dem die «systemrelevanten» Banken «too big to fail» waren. Die von vielen als unmöglich gescholtene Verstaatlichung ist heute wieder ein grosses Thema. Wann wird es so weit sein?

Vor allem klar wird uns in diesen Wochen, wer die wirklich Systemrelevanten sind. Sie gehören, mit Ausnahme der Ärzteschaft und der Forschenden, zu den Schlechtbezahlten, haben oft Migrationshintergrund oder sind nicht im Besitz des unheiligen Schweizer Passes: das Pflegepersonal, die Reinigungskräfte, die Fabrikangestellten, das Spitalküchen- und Servicepersonal, technische Hausdienste, die Detailhandelsangestellten, die … von der unbezahlten Pflegearbeit ganz zu schweigen.

Die Frage, was Systemrelevanz bedeutet, müsste ganz neu beantwortet werden. Und die Menschen, die für sie stehen, nicht nur mit pathetischen, von den Anreizen sozialer Medien getriggerten und getriebenen Applausorgien auf Balkonen gewürdigt werden, sondern mit entsprechenden Löhnen. Eine Krankenpflegerin verdiente ab morgen so viel wie ein Hedgefonds-Manager heute. Verrückt? Wir leben in Gewissheiten verrückenden Zeiten.

Ich trete ans Fenster und sage in die Dunkelheit, als wäre sie meine Wählerschaft und ich ein Politiker: «Im Hinblick auf zukünftige Pandemien, die wir der materiellen Globalisierung verdanken, müsste das Gesundheitswesen ausgebaut und neu aufgestellt werden, Arbeitsschutzrechte reformiert werden, unsere tierfeindliche Ernährungsweise aufhören. Überlebenswichtige Produktionen müssten teilweise zurück in die Schweiz geholt werden und gleichzeitig die Zusammenarbeit in Europa vertieft werden, weil Viren ohne Pässe reisen und sich von menschengemachten Grenzziehungen nicht aufhalten lassen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.»

Der Applaus bleibt aus. Vor meinem Teller Spaghetti frage ich mich, während es draussen dämmert: Wird es weitergehen wie bisher? Von allem zu viel? Oder schaffen wir es tatsächlich noch, «nachhaltig» nicht nur als Lippenbekenntnis zu leben?

Mit diesen Fragen gebe ich zurück an die Normalität – dass ich nicht wieder lache! Welche Normalität denn? Als ich von draussen erste Vögel zwitschern höre, erwacht unverhofft leise morgendliche Zuversicht in mir; mit zufallenden Augen taumle ich in Richtung Bett.

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»