Inszenierte Betroffenheit am Genfer Welttheater
Jannik Belser, zvg.

Inszenierte Betroffenheit am Genfer Welttheater

Der Multilateralismus hat schon bessere Tage gesehen. Ein Besuch im internationalen Genf.

 

«Wir, die Völker der Vereinten Nationen – fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geissel des Krieges zu bewahren…»

Charta der Vereinten Nationen, Präambel1

 

Ich war noch nie in Genf. Unbefleckt von früheren Erinnerungen reise ich also mit dem Zug von Zürich in Richtung Westen. Oft wurde mir erzählt, dass mich auf der letzten Etappe meiner Reise entlang des Lac Léman ein prächtiges Panorama erwarte. Davon kriege ich auf der Hinfahrt leider nicht viel mit – es ist bereits stockfinster, als mein Zug in Genève-Cornavin eintrifft. Während alle anderen Passagiere dicht gedrängt und stillschweigend vom Gleis die Betontreppe in den Bahnhofuntergrund schreiten, stürmt ein junger Mann mit grünen Haaren die aufwärtsfahrende Rolltreppe hinab. Unten angekommen, gibt er einen Jubelschrei von sich und begrüsst die ankommenden Treppengänger. Ob nicht jemand ein Trinkgeld als Lohn für sein Kunststückchen übrighabe? Die Ankömmlinge aus der Deutschschweiz gehen mit gesenktem Blick an ihm vorbei.

Genf ist eine Weltstadt mit langer Tradition: Schon im 19. Jahrhundert setzten sich Organisationen wie das Rote Kreuz für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Staaten ein. Der Grundstein für die multilaterale Welt wurde im Anschluss an den Ersten Weltkrieg gelegt, Genf zum Hauptsitz des Völkerbundes, der Vorgängerorganisation der Vereinten Nationen, auserkoren. Heute sind gemäss Angaben des Bundes 42 internationale Organisationen und 750 NGO in der Region Genf angesiedelt – allen voran die UNO mit ihrem (nach New York) zweiten Hauptsitz im Völkerbundpalast.

Vor Ort sind auch zahlreiche UNO-Unterorganisationen: Die WHO beispielsweise koordiniert von Genf aus Projekte im Dienst der Weltgesundheit. Die WTO setzt Rahmenbedingungen für den weltweiten Handel, und die WMO regelt den Fachaustausch zwischen Meteorologen, etwa mit einem Leitfaden zur korrekten Identifikation und Benennung von Wolken. Besonders dicht nebeneinander einquartiert haben sich die Organisationen im Viertel Pâquis-Nations am nördlichen Seeufer: Hier folgen Hauptquartiere und Botschaften aufeinander, unterbrochen von NGO. Es ist ein Tag mit Saharastaub; während die Autos mit Genfer Nummernschild verdreckt vorbeiziehen, sind die schwarzen Mercedes-Boliden mit Diplomatenkennzeichen bereits wieder blitzblank sauber.

Auch die Stiftung Gavi, die im Verlauf der Coronapandemie die Nachfrage nach Impfstoffen von Entwicklungsländern bündelte und mit Herstellern über Preise verhandelte, hat in Genf ihren Hauptsitz. In Meyrin, einem Vorort mit knapp 25 000 Einwohnern an der französischen Grenze, haust die Kernforschungsorganisation Cern, die als die Geburtsstätte des Internets gilt. In der Gemeinde Cologny residiert die Organisation WEF, die sich seit 1971 für die «öffentlich-private Zusammenarbeit» engagiert und das weltbekannte Wirtschaftstreffen in Davos veranstaltet.

Wieso wurde Genf wichtig für die Welt? Die Historikerin Joëlle Kuntz hat die Calvinstadt einmal als «Zentrum des internationalen Lebens» bezeichnet, weil Staaten und Interessengruppen sie im Laufe der Zeit als bedeutend genug empfanden, um eine Entsendung von Expertenteams in die Westschweiz zu veranlassen. Die Stadt lebt von der selbstverstärkenden Wirkungskraft ihrer Vergangenheit: Weil wichtige Institutionen den Schritt nach Genf wagten, taten es ihnen immer weitere gleich.

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Jürg Lauber, UNO-Botschafter der Schweiz und personifizierter Gastgeber des Gaststaats, empfängt mich in seinem Büro mit prächtigem Ausblick auf den Jet d’Eau und den Mont Salève. Wir nehmen auf einem bequemen Sofa Platz und plaudern bei einem Kaffee über die Bedeutung des Standorts Genf für die weite Welt. In letzter Sekunde huscht Laubers Medienbeauftragte hinein und nimmt ebenfalls Platz; sie lauscht mit und stellt sicher, dass Jürg Lauber ja nicht Dinge sagt, hinter denen die Schweiz nicht stehen könnte.

Bild: Giovanna Silva/Studio Peia. Der…
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Peter Hettich, Professor für öffentliches Wirtschaftsrecht,
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