(0) Inspiring Europe

Europa inspirieren oder Inspirierendes Europa? Die St. Galler Stiftung für Internationale Studien (isc) hat mit Vorbedacht für ihr nächstes Symposium an der Universität St. Gallen einen doppelsinnigen Titel gewählt. Europa kann in der heutigen Welt keinen Führungsanspruch mehr stellen, aber europäische Werte haben keineswegs abgedankt. Vom 18. bis 20. Mai 2006 werden sich 600 Teilnehmer, die weltweit Führungsaufgaben wahrnehmen, lehren, forschen und publizieren, an der Universität St. Gallen einfinden, um mit 200 Studenten aus aller Welt einen Gedankenaustausch zu pflegen über das, was Europa in der heutigen Welt zu lernen hat, aber auch über das, was in diesem Kontinent an wertvollen Lehren vorhanden ist und noch entwickelt werden sollte.

Als der britische Kulturhistoriker Ernest Jones vor 25 Jahren «The European Miracle» als Buchtitel wählte, setzte er sich unter Fachkollegen dem Vorwurf aus, immer noch einem eurozentrischen Welt- und Geschichtsbild verhaftet zu sein. Seither mehren sich die Stimmen, die den Europäern jene intellektuelle Demut ans Herz legen, die dem Bedeutungsverlust im ökonomischen und vor allem im weltstrategischen Bereich Rechnung trägt: Europa sei eine kleine zerklüftete Halbinsel, ein westlicher Ausläufer des aufstrebenden asiatischen Kontinents, ein heterogenes Gebilde, dessen Vielfalt sich meist nicht in einem friedlichen Wettbewerb gemessen habe, sondern in blutigen nationalistischen Bürgerkriegen, die im 20. Jahrhundert zu Weltkriegen eskalierten. Anderseits wäre es auch verfehlt, Europa als ganzes und insbesondere seine politisch-ökonomische Organisation, die EU, als historisch interessantes, aber letztlich misslungenes Experiment abzuhaken. Wer sich weltweit nach erfolgreichen und nachhaltig praktizierbaren Modellen der friedlichen und prosperierenden Zivilgesellschaft umsieht, stösst auf viele Ansätze, die man mit guten Gründen als «vom europäischen Geist inspiriert» bezeichnen kann.

Europa hat über die Jahrhunderte mit Formen des Zusammenlebens experimentiert. Dabei gab es Täter und Opfer, Sieger und Besiegte. Letzteres ist aber kein typisch europäisches Phänomen, für das man sich als Europäer besonders schuldig fühlen müsste. Jeder Kontinent und jede Kultur hat ein eigenes welthistorisches Konto an Brutalität und Barbarei. Dass in Europa kleinräumig, zum Teil auch kurzfristig und in grosser Vielfalt politische, wirtschaftliche und kulturelle Lebensformen praktiziert wurden, hat eine Fülle von Erfahrungen entstehen lassen, die von der übrigen Welt nicht ohne Nachteile ignoriert werden können. Die vielfältigen Beiträge dieses Dossiers geben einen Einblick in diesen Fundus.

(1) Europa global

Wer die Rolle Europas in der heutigen Welt diskutiert, muss sich fragen, wie Europa es mit der Globalisierung hält – oder besser: in welchem Verhältnis die Europa- und Globalisierungsdiskurse stehen und was wir lernen können, wenn wir beide vergleichen.

(2) Welche Selbstwahrnehmung für Europa?

Der Versuch, innereuropäische Grenzen zu überwinden, wird immer dann problematisch, wo er sich mit der Neigung verbindet, Aussengrenzen umso stärker zu betonen. «Europäischer Nationalismus» nahm seinen Ursprung in rassisch und kulturell begründeter Abgrenzung zu den Kolonien; heute scheinen ausgrenzende Haltungen in neuen Formen aufzuleben.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»