Innenaugenbilder

Die Fotokünstlerin Annelies Štrba

Innenaugenbilder

Wenn man bei Tageslicht die Augen schliesst und in die Sonne blickt, dann entstehen Farben, für die es keine gewohnten Adjektive gibt. Es ist, als ob sie aus einer Quelle im Bauch, oder von irgendwoanders tief ein einem drin, in öligen Blasen aufstiegen, gegen die Augendeckel drängten und dort in kleinen Explosionen zerstöben, lavastrom-bluterguss-paprikarot. Wenn man nun ein wenig mit den flachen Fingern beider Hände gegen die geschlossenen Augenlider drückt, entstehen spiralförmig sich ausbreitende Farbkreise, auberginen-gewitterhimmel-schwertlilienblau. Und wenn man dann die weiterhin geschlossenen Augen ein wenig auseinanderzieht, spannt sich ein Segel, katzenaugen-wasabi-buchenknospengrün. Lässt man ihnen nur ein wenig Zeit, dann greifen sich die Farben Bilder aus der Schatztruhe der Erinnerung und lassen sie für Momente im Licht unseres Bewusstseins treiben: Innenaugenbilder. Doch nimmt man dann die Finger wieder von den Augen und öffnet diese, ist der Spuk vorbei. Die Augen schmerzen, die Sonne blendet.

Allein Annelies Štrba scheint den Zauberspruch zu kennen, um solche Bilder einzufangen und aufzunadeln wie schillernde Libellen oder grossflügelige Schmetterlinge. Ihre Innenaugenbilder finden sich inzwischen rund um die Welt. In Harworth Bilder der Brontë-Schwestern, im Deutschen Bundestag ein Bild von Franz Beckenbauer, in Manhattan Bilder der Wolkenkratzer, in ihren privaten Räumen Bilder ihrer Töchter und Enkelinnen. Wenn man sie fragt, wie es ihr gelingt, diese Bilder zu bannen, dann schweigt sie milde. Welch echte Zauberin würde auch schon ihre Kunst verraten? Nur zwei Sätze sind aus ihr herauszulocken, die sie leichthin sagt, sie ist ja dieses neugierige Fragen gewohnt: erstens, sie schliesse beim Abdrücken des Auslösers die Augen. Das klingt plausibel. Und zweitens, sie greife sich, wolle sie fotografieren, irgendeine Kamera, die erstbeste, die sie gerade in der Nähe finde – und sei es ein mobiles Telefon mit Kamerafunktion – und drücke ab. Blitz, Blende, Körnigkeit und Autofokus? Nein, um Einstellungen kümmere sie sich nicht, habe da keine Ahnung. Lassen wir also das Fragen.

Durch halbgeschlossene Lider blickt sie auf einen grossen Bildschirm und fährt elegisch mit einem elektronischen Stift über die Schreibtischauflage, um vor uns Bild um Bild aufzublättern, hunderte, tausende, mir will scheinen: abertausende. Die Erinnerungsschatztruhe ihres Lebens ist reich. Sie erzählt von Sonya und Linda, Shereen und Samuel, von Töchtern, Enkelinnen, Männern und Geliebten. Annelies Štrbas Kleid ist rot, ihre Haare sind blond, die Füsse stecken in hochhackigen elfenbeinfarbenen Sandalen. Wir reisen durch Japan, durchqueren Polen, streifen New York, rasten in einem schottischen Park, werfen einen Blick in eine einsame toskanische Villa, verweilen in Küchen, Schlafzimmern und Stuben der wechselnden Familienhäuser, blättern weiter, weiter, so lange, bis die Zeit die Farben abstreift. Wir sind beim Chaos, der Ursuppe, dem Urknall, dem Anfang von Annelies Štrbas Kosmogonie angelangt. Die Bilder sind verschwommen, schemenhaft und grau, mit einer grossporigen Oberfläche, bereit, die Farben der sich ankündigenden Zukunft aufzunehmen. Alle schlafen. Katzen, Kinder, Teddybären, auch die achtlos verstreuten Kleider und all die Truhen, Schemel, Koffer. Wäschezipfel hängen aus Schubladen, Kinderbeine schauen unter Bettdecken hervor, der Nachtwind bläht die Vorhänge. Noch weiter reicht auch die Zauberkraft einer Annelies Štrba nicht zurück.

Es ist wie ein Märchen, wenn sie von ihrem Leben erzählt. Sie heiratet jung, wenige Tage nachdem ihr ein fremder Mann einen selbstgeschmiedeten Veilchenring an den Finger gesteckt hat. Bald wird sie zwei Töchter und einen Sohn bekommen, mit denen sie, so will es mir scheinen, immer auf Wanderschaft ist, zwei an der Hand, eines auf dem Rücken. Nachts, wenn die Kinder in ihrer Kammer schlafen, entwickelt sie die Bilder des Tages im Waschzuber der Küche nebenan. Intime Bilder des Alltags, nicht für dritte Augen bestimmt. Bilder, so nebenbei und anstrengungslos entstanden, wie unsereiner zerstreut «Milch, Tomaten, Batterien» auf den Einkaufszettel notiert. Die Bilder landen…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»