Inge Muntwyler

«Der Tumor», « De mortuis nil nisi bene» und «Vergesst das Lachen nicht» – mit diesen drei kurzen Texten über das Alter stellt sich Inge Muntwyler, die dieses Jahr ihren achtzigsten Geburtstag feiert, das erstemal der Öffentlichkeit vor.
Zu ihren Lesern gehörten bisher nur ihre Familie und ihre Freunde, von denen die Texte auch fast alle handeln. Das soll sich nun ändern. Lust auf mehr?
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Der Tumor

Ich will warten, bis alle am Tisch ausgegessen haben. Es eilt nicht; was ich zu sagen habe, ist nichts Gutes. Wie üblich ist Frau Vogel im Rückstand – ihr Teller ist noch halb-

voll –, weil sie ununterbrochen redet – von Büchern, die sie gelesen und von Radiovorträgen, die sie gehört hat, von der Fahrt auf der Autobahn, eingeklemmt zwischen zwei Lastwagen, die so schnell fuhren, dass sie nicht überholen konnte. Ihr Hörapparat, durch zwei dünne Kabel mit den Kopfhörern verbunden, steht neben ihrem Teller und pfeift, wenn Metall in die Nähe kommt. Sie ist um die achtzig, hat während der Woche kaum Ansprechpartner, und so stürzt ihr angestautes Mitteilungsbedürfnis wie ein Wasserfall über unseren Tisch.

Oskar, über neunzig, isst schweigend. Auch er hat zunehmend Schwierigkeiten mit dem Gehör, nimmt nicht immer alles auf und wartet nur auf den Augenblick, wo er das Wort an die Runde richten kann. Etwa «Vroni lässt grüssen.» Vroni, die Schwiegertochter, lässt jeden Donnerstag grüssen. Oskar entledigt sich dieses Auftrags mit pointierter Gewissenhaftigkeit. Wir grüssen zurück, und Frau Vogel will wissen, ob Vroni auch unter Migräne gelitten habe in der vergangenen Woche.

Am Kopfende des Tisches sitzt Ingrid, die Powerfrau, Urologin im Ruhestand. Sie strahlt vor Optimismus, spricht schnell und laut, erzählt von ihrem Hund und den Katzen und von den letzten Wanderferien.

Merkt eigentlich niemand, dass es uns verdammt schlecht geht?

«Es gibt zwei Möglichkeiten», hatte der Lungenspezialist gesagt, «Operation oder Strahlentherapie; der Tumor sitzt dicht an der Aorta, ob er mit ihr verwachsen ist, zeigt sich erst beim Eingriff. Es ist nicht mit Sicherheit zu sagen, ob er entfernt werden kann.»

«Was würden sie tun?», fragte ich den Arzt.

Er zögerte nicht mit der Antwort: «Ich würde die Operation riskieren, Professor Steinmann ist ein hervorragender Chirurg.»

«Ich will keine Bestrahlung», hatte Max gesagt.

Endlich hat Frau Vogel ihren Teller leergegessen, und Ingrid fischt mit der Gabel Salatreste aus der Schüssel. Max trägt die Gedecke in die Küche, ich stelle Kaffee und Konfekt auf den Tisch.

Bevor ich ansetze, atme ich tief durch: «Max muss nächsten Donnerstag ins Spital eintreten, er hat einen Lungentumor.»

Frau Vogel unterdrückt einen Schrei, hält beide Hände vor den Mund und schaut uns mit schreckgeweiteten Augen an. Oskar rührt in der Kaffeetasse, presst die Lippen zusammen und das Kinn in den Hals. Ingrid senkt betroffen den Blick.

«Keine Panik, Frau Vogel», sage ich, vorerst noch ruhig.

Und sie, immer noch hinter vorgehaltenen Händen: «Wo wird Max operiert? Doch nicht etwa im Kantonsspital!»

«Wo denn sonst?»

Mein Ton ist ungehalten, und Frau Vogel wird hysterisch: «Da würde ich nie hingehen, nie im Leben würde ich da hingehen!»

Sie sucht mit den Augen Unterstützung bei Ingrid, doch die schaut nicht auf. Und Oskar rührt noch immer schmallippig in der Tasse. Hat er überhaupt etwas mitbekommen? Ich fühle Zorn in mir aufsteigen, gleich werde ich schreien. Aber ich sage nur ungewöhnlich scharf: «Max ist im Kantonsspital angemeldet. Sie, Frau Vogel, haben vor zwanzig Jahren dort gearbeitet, die Zeiten haben sich geändert.»

Sie zieht den Kopf ein, lacht verlegen und meint: «Da muss ich halt wieder einmal umdenken.»

«Tun Sie das», sage ich kalt und fasse begütigend nach der Hand von Max.

«Ich war vor sechs Wochen beim Ohrenarzt», sagt Oskar unvermittelt in unsere Gefechtspause, «der hat mich zum Akustiker geschickt.» Oskar ist in den Startlöchern und möchte von seinen Ohren erzählen, doch Frau Vogel nimmt das nicht auf und fragt nach dem Chirurgen.

«Der Chefarzt, Professor Steinmann, wird operieren», sage ich, «er hat einen sehr guten Ruf.» Und zu Ingrid gewandt: «Das kannst du doch bestätigen, nicht wahr?»

Ingrid…

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