Individualismus

«Freiheit als pure Egomanie und purer Individualismus war nicht Luthers Idee.»
Margot Kässmann, Botschafterin der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) für das Reformations-jubiläum 2017, im Interview mit der «Schwäbischen Zeitung» vom 30. Oktober 2017

Der Satz der früheren Hannoveraner Bischöfin verwirrt schon durch seinen verdrehten Aufbau. Schwerer wiegt allerdings die verdrehte Logik. Erstens: Egomanie und Individualismus gelten hier dann als schlecht, wenn sie in Reinform («pur») auftreten. Mit einer kleinen, unreinen Dosis indes hätte Luther kein Problem? Zweitens: Egomanie ist krankhafte Selbstsucht. Egomanie und Individualismus sind hier auf derselben Ebene angesiedelt. Folglich ist mit «Individualismus» gemeint, dass jemand auf krankhafte Weise dazu neigt oder andere auffordert, sich zu vereinzeln und sich jeglicher Gemeinschaft zu entziehen. Und dies, so die Unterstellung, verbinden manche Leute mit Freiheit. Ach so?

Das Wort «Individuum» stammt aus dem Lateinischen: das Unteilbare. Analytisch wertfrei, ist dieser Begriff überall anwendbar, wo man zwischen einem Einzelnen und einem Gesamten unterscheiden kann. Wenn man sich im politischen Kontext den einzelnen Menschen als erste, originäre, unteilbare Einheit denkt, dann ist logischerweise das Gesamte, Teilbare, das Kollektiv – also üblicherweise die Gesellschaft – immer gleichzeitig mit im Raum. Denn das Kollektiv, wie auch immer seine Grenzen gezogen seien, besteht aus den untereinander verbundenen Individuen. Hieran anknüpfend ist der Individualismus eine Haltung, bei der es darum geht, diese Einzelnen und ihre Sphäre im Gesamten nicht aus dem Blick zu verlieren. Es soll nicht so weit kommen, dass man vor lauter Wald die Bäume (sic!) nicht mehr sieht; dass das Kollektiv das Individuum erdrückt. Vielmehr soll jede Person sich entfalten können, das «Du» nicht minder als das «Ich». Deshalb stellt der «Individualist» in der Alltagssprache auch das frohe, eigenständige, kreative Gegenteil des langweiligen, angepassten «Konformisten» dar.

Der freiheitliche Individualismus ist jedenfalls alles andere als selbstzentriert, und er reduziert den Menschen auch keineswegs auf die bindungslose, einsame Monade. Es geht ihm um nichts Geringeres als die unantastbare Würde jeder Person. Jeden Einzelnen gilt es davor zu schützen, dass andere, allein oder in der Gruppe, ihn als Mittel zu ihren Zwecken missbrauchen. Gleich, was der Reformator denken würde: Der «pure Individualismus» ist nichts anderes als ein Bollwerk gegen egoistische Willkür.


Karen Horn
ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte, freie Autorin sowie Chefredaktorin und Mitherausgeberin der Zeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik».

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