In Unterwäsche aus Winterthur

Peter Niederhäuser: «Unterwäsche aus Winterthur. Die Industrie- und Familiengeschichte Sawaco Achtnich.» Zürich: Chronos, 2008.

Während der Gründerzeit wurde aus dem ländlichen Städtchen Winterthur, das wenige Kilometer nördlich von Zürich an den Flüssen Töss und Eulach liegt, eine Industriestadt. Firmen wurden gegründet und Fabriken gebaut, und auch Handwerksbetriebe siedelten sich an. Nach seiner Heirat im Sommer 1883 in Herrnhut bei Dresden, gründete Walter Achtnich eine Firma zur Herstellung von «patentierten Strümpfen und Socken rationeller Form» und brachte Familie und Firma nach Winterthur. Die Familie gehörte zur Herrnhuter Brüdergemeine, einer pietistischen Erweckungsbewegung, die für ihre handwerkliche Präzision und ihr strenges Arbeitsethos berühmt war. Die Ideale der Brüdergemeine – Fleiss, Bescheidenheit, Genauigkeit, Nächstenliebe – prägten auch die Unternehmenskultur.

Anfangs wurden nur Strümpfe gestrickt, aber schon bald wurde die Produktpalette erweitert, so dass 1914 aufgeführt wurden: «Jacken, Hemdhosen, Beinkleider, Untertaillen, Leibbinden für Damen; Jacken, Hemdhosen, Höschen für Kinder; Jacken, Hosen, Kragenschoner für Herren in Baumwolle, Wolle, Schappe, Chinaseide, auch gemischte und plattierte Qualitäten mit und ohne Fanstasie». In Europa und Nordamerika wurden neue Märkte erschlossen, und die Mechanisierung vereinfachte die Produktion – das Unternehmen florierte bis zur Weltwirtschaftskrise, als Zoll- und Exporthindernisse einerseits und Arbeitskämpfe anderseits den Abschwung einleiteten. Mit der Marke «Sawaco» – Akronym des ursprünglichen Firmennamens (Société Anonyme W. Achtnich & Co) – versuchte 1922 Martin Achtnich, der Sohn des schon 1907 gestorbenen Gründers, einen Neuanfang. Mit solider Unterwäsche und Sportkleidung überlebte die Firma bis in die siebziger Jahre, als sich das Kaufverhalten und die Ansprüche der Kunden drastisch änderten. Nachdem 1970 das Warenhaus Globus als Grossabnehmer die Sawaco-Modelle als bieder und grob ablehnte, versuchte die Firma mit «Champagnerwäsche» und Designerkollektionen noch einmal eine neue Positionierung. Aber den Strukturveränderungen der Märkte und dem immer rascheren Wechsel der Mode war das Familienunternehmen nicht gewachsen, und 1984 ging es in den Mäser-Konzern ein. Von da an wurde die «Schweizer Qualität», für die die Firma gestanden hatte, unter österreichischer Kontrolle hergestellt.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Firma spiegelt sich auch in der Architektur wider. Von dem ersten, bescheidenen Fabrikgebäude von 1884 an der Neuwiesenstrasse, über den Industriebau in Sichtbackstein und mit hydraulischem Aufzug von 1894, der mehrmals erweitert werden musste, bis zu der «modernsten Wäschefabrik der Schweiz» von 1969 an der Industriestrasse, lässt sich die Erfolgsgeschichte verfolgen. Als die alten Hallen, die das Neuwiesenquartier geprägt hatten, 1978 abgerissen wurden, signalisierte ihr Verschwinden die wirtschaftliche Strukturkrise. Die Geschichte der Achtnich-Fabrik ist nun in einer Publikation des Historischen Vereins Winterthur dokumentiert worden. Darin wird leider nur eine eher historische Darstellung wirtschaftlicher Verhältnisse geboten, statt Firmen- und Familiengeschichte zu einem sozial- oder gar sittenhistorisch relevanten Überblick zu verweben.

vorgestellt von Stefana Sabin, Frankfurt a.M.

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»