In Form ist, wer sich nicht gehen lässt

Für den Megatrend unserer Zeit haben die Soziologen ein sprödes Wort: Abweichungsverstärkung. Gemeint ist, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden; die Klugen werden immer klüger und die Dummen immer dümmer. Die Selbständigen werden immer souveräner, und die Betreuten werden immer abhängiger. Der einheitliche Lebensstil der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, von dem der […]

Für den Megatrend unserer Zeit haben die Soziologen ein sprödes Wort: Abweichungsverstärkung. Gemeint ist, dass die
Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden; die Klugen werden immer klüger und die Dummen immer dümmer. Die Selbständigen werden immer souveräner, und die Betreuten werden immer abhängiger. Der einheitliche Lebensstil der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, von dem der Soziologe Helmut Schelsky einmal gesprochen hat, existiert schon lange nicht mehr; die Zeichen stehen wieder auf Entzweiung. Und so schaukeln sich kulturelle Verelendung und neue Geschmacksbürgerlichkeit heute gegenseitig hoch. Den Globalisierungsgewinnern steht die Unterschicht gegenüber; der bürgerlichen Lebensführung steht der Hedonismus der Prolls gegenüber. Der Proll ist der neue, mit sich selbst zufriedene Lumpenproletarier. Er ist nicht mittellos, sondern ein ästhetischer Analphabet.

Der Schweizer Philosoph Denis de Rougemont hat die Menschen danach unterschieden, ob sie sich fragen: «Was wird uns geschehen?» oder «Was können wir tun?». Der Unterschicht, die sich fragt, was ihr geschehen wird, entspricht die Haltung: ich lasse mich gehen. Den Bürgern, die sich fragen, was sie tun können, entspricht die Haltung: ich bin in Form. Diese beiden Welten trennt ein viel tieferer Abgrund als jener marxistisch gepflegte zwischen Kapital und Arbeit.

Wie kommt man nun auf die Seite der Gewinner? Das Geheimnis des Erfolgs ist denkbar einfach, nämlich gründliche Bildung, harte Arbeit und Risikobereitschaft. Das setzt Ehrgeiz voraus, und Ehrgeiz ist undemokratisch. Deshalb stehen die Erfolgreichen immer im Streit, denn sie verkörpern den Nonkonformismus der Exzellenz gegen das Kartell der Mittelmässigkeit. In diesem Streit geht es um die Chancen von Exzellenz und Eminenz, um die Notwendigkeit von Leitbildern und Vorbildern – kurzum, es geht um die Dimension der hervorragenden Persönlichkeit.

Je exzessiver die Unterschicht ihre fröhlichen Expeditionen auf dem Kontinent des schlechten Geschmacks vorantreibt, desto entschlossener orientieren sich die neuen Geschmacksbürger wieder an Tugenden, die in der modernen Massendemokratie
keinen Marktwert haben, nämlich an Höflichkeit, Takt und Urbanität. Dazu braucht man Mut, Selbstbeherrschung, Zurückhaltung, also Nietzsches «Pathos der Distanz» und einen Sinn für Formen, der Geschmacks- und Stilsicherheit verleiht. Nichts ist dem Geschmacksbürger fremder als die pervertierte Toleranz der Gutmenschen.

Der Geschmacksbürger ist der Liberale von heute. Mit Freimut und Eigensinn riskiert er Lebensexperimente in Form. Niemand ist in diese Welt hineingeboren und niemand aus ihr ausgeschlossen. Hier gilt nur das Gesetz der Selbstselektion der Elite des
guten Geschmacks. Und hier bietet sich nun eine prägnante Definition eines wahrhaft zeitgemässen Liberalismus an, nämlich
Exzellenz plus Freiheit plus Stil. Im guten Stil verbindet sich das Wissen mit der Haltung und deshalb ist er die geistige Gestalt
der Gerechtigkeit. Der Mut zur Wahrheit und die Kunst des Schreibens – das sind die Zeichen der wahren Elite. Und Gott sei Dank gibt es sie: grosse Essayisten wie Karl Heinz Bohrer und Martin Mosebach, aber auch geniale Journalisten wie Michael Klonovsky und Ulf Poschardt (dem ich den Begriff des Geschmacksbürgertums verdanke).

Auch im Medium Intelligenz waltet also das grosse soziologische Gesetz der Abweichungsverstärkung. Gerade weil wir alle unter der Inflation der Information leiden, wächst der Wert des wirklich Wichtigen. Gerade weil in der Welt der Blogs jeder Alphabetisierte zum Autor werden kann, wächst die Strahlkraft der wenigen, die wirklich gut schreiben können. Die Online-Wüste des Geschwätzes wächst – da braucht man Wegweiser zu den Oasen der Qualität, in denen die Elite des guten Geschmacks zu Hause ist.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»