In die Moderne mit Denkern

Ursula Amrein: «Phantasma Moderne. Die literarische Schweiz 1880 bis 1950». Zürich: Chronos , 2007.

Die Geschichte der Intellektuellen und ihrer Einflussnahme auf Politik, Gesellschaft und Kultur im 20. Jahrhundert muss noch geschrieben werden. Dass in ihr eine verheerende, eine deprimierende Bilanz zu ziehen wäre: wer wollte dies ernsthaft bezweifeln? Ursula Amrein schlägt in ihrer Sammlung andernorts bereits publizierter Essays das schweizerische Kapitel dieser Geschichte auf. Anhand von Beispielen aus dem Zeitraum zwischen 1880 und 1950 macht sie augenfällig, wie sich das Selbstbild des Landes durch Zutun von Geistesgrössen verschiedenster weltanschaulicher Couleur verändert hat. Dabei gelingt es ihr auf überzeugende Weise, relevante Akteure (wie Robert Faesi, Caesar von Arx oder Oskar Wälterlin), prägende Denkfiguren und das mitunter politisch heikle Ineinandergreifen des institutionellen Räderwerks der Kultur zu charakterisieren. Das Spektrum der behandelten Themen umfasst dementsprechend neben der Genese einer emphatisch so verstandenen Schweizer Literatur unter anderem auch den langfristigen Einfluss der antimodernen, seit 1890 etwa virulenten Heimatkunst-Bewegung auf die 1938 dann vom Bundesrat zum kulturpolitischen Ziel erklärte «geistige Landesverteidigung».

Was dagegen deutsche Literatur sei und welchen Einfluss auf deren Wahrnehmung schweizerische Medien nahmen, erhellt der Beitrag über die Exiljahre Else Lasker-Schülers und Thomas Manns. Sinnvoll abgerundet wird der Band durch den Ausblick auf die Nachkriegszeit. Das vermeintliche «Dioskurenpaar der Schweizer Literatur», Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, dient dabei dazu, exemplarisch die problematischen Prämissen erkennbar zu machen, die in deren Stigmatisierung als Schweizer Autoren manifest werden.

Schlaglichtartig, aber dennoch mit systematischem Anspruch, erhält der Leser so wichtige Einblicke in die Theater-,

die Wissenschafts- und die Literaturgeschichte der Schweiz im Zeitalter der Moderne. Häufig genug handelt es sich dabei auch um Lehrstücke im Umgang mit importierten Problemen, mit den Fremden und dem Fremden und dem, was man jeweils dazu erklärt. Hinsichtlich der gewählten Methode liesse sich hier kritisch fragen, warum eigentlich die Wiener Moderne, warum die österreichische Literatur bei diesen Überlegungen gänzlich ausgespart bleibt – «Los von Berlin!» war schliesslich keinesfalls die einzig denkbare Option. Ob am Ende tatsächlich genug Raum im deutschsprachigen Kulturraum ist für gleich drei bedeutende, mehr oder minder feinsinnig differenzierte Nationalliteraturen deutscher Sprache, muss an dieser Stelle glücklicherweise nicht entschieden werden.

Welch enormen Einfluss aber Projektionen des Zeitgeistes auf die Beantwortung solcher Fragen haben, wird im vorliegenden Band mehr als deutlich . Weil in ihm einige der eher unerquicklichen Seiten der Moderne ins helle Licht gerückt werden, sollte er als ein wichtiger Beitrag auch zur Mentalitätsgeschichte schweizerischer Eliten verstanden werden. Für diesen Zweck freilich hätte dem Band ein wenig mehr an Synthese gut getan: ein «Vorwort» von zwei Seiten kann bei einem solchen Thema nicht hinreichend sein; ein Register hätte die zugrundeliegenden akribischen Quellenstudien überdies noch besser zur Geltung kommen lassen. Doch insgesamt legt es diese wohltuend nüchterne Arbeit nahe, das öffentlichkeitszugewandte Verhalten von Intellektuellen in allen seinen Facetten wie im allzu evidenten Willen zur Macht einmal mehr kritisch zu bedenken. Und das kann ja bestimmt nicht schaden.

vorgestellt von Anett Lütteken, Bern

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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